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Das Sprechen will gelernt sein

ben Lüneburg. Als Sprachtherapeuthin Ellen Kastning die Seite im Buch umblättert, zeigt Jona auf das Bild in der oberen Ecke und sagt: „Auto.“ Der Zweijährige hat die Abbildung richtig benannt, doch nicht immer gehen ihm Worte so flüssig über die Lippen, sagt seine Mutter Katja Henke: „Vor allem, wenn es schnell gehen soll, zeigt er stattdessen oft auf den Gegenstand und fängt an zu quengeln.“ Die 31-Jährige ist besorgt, denn schon bei Jonas älterer Schwester Elena wurde eine Sprachentwicklungsverzögerung festgestellt. „Ich will einfach nicht verpassen, Jona rechtzeitig zu fördern. Und natürlich mache ich mir auch Gedanken, ob ich etwas falsch mache.“

Katja Henke ist deshalb in die Sprechstunde des Lüneburger Sprachheilkindergartens St. Bonifatius gekommen. Wie viele Wörter Jona spricht, will Sprachheilpädagogin Ellen Kastning wissen. „Etwa 50“, schätzt seine Mutter. Damit liegt der Zweijährige genau an einer entscheidenden Grenze: Jona könnte zu den „späten Sprechern“ gehören, also zu den 10 bis 20 Prozent aller Zweijährigen mit einem unterduchschnittlichen Wortschatz. „Als grober Richtwert gelten 50 Wörter“, sagt Ellen Kastning und empfiehlt Katja Henke, alle Wörter zu notieren, die Jona am Tag spricht, um sich einen genauen Überblick zu verschaffen. „Es ist dabei nicht wichtig, wie Jona die Wörter ausspricht.“ Wenn der Junge „Bume“ statt „Blume“ sagt, zähle das auch als Wort, denn dass ein- bis dreijährige Kinder viele Wörter anders aussprechen als Erwachsene, das sei völlig normal.

Ursachen für Sprachentwicklungsverzögerungen können genetisch bedingt sein, in Verbindung mit Schwerhörigkeit auftreten oder auch auf Komplikationen bei der Geburt zu-rückzuführen sein. All diese Details prüft Ellen Kastning in einem ausführlichen Gespräch mit Katja Henke. Die beiden Frauen kennen sich bereits, denn auch Henkes Tochter Elena hat den Sprachheilkindergarten für ein Jahr besucht. Möglich ist das für Kinder ab drei Jahren, wenn die ambulante Therapie bei einer Logopädin nicht aussreicht. Voraussetzung ist eine entsprechende Bestätigung des Gesundheitsamtes, mit der dann ein Beitragszuschuss beim Sozialamt beantragt werden muss. Je acht Kinder werden in den sechs Gruppen des Sprachheilkindergartens in Lüneburg und der Außenstelle in Jürgenstorf betreut, alle erhalten sprach- und ergotherapeuthische Unterstützung. Bei Elena hat das schnell Wirkung gezeigt: Nach nur einem Jahr ist die heute Fünfjährige wieder in eine Regelkita gewechselt.

Jona hat das Buch inzwischen zur Seite gelegt, füttert seinen Plüsch-Hund „Moppi“ mit Bausteinen. „Solche Symbolspiele sind ein gutes Zeichen“, sagt Kastning, „denn im Grunde sind Wörter nichts anderes als Symbole.“ Etwas anders drückt es Prof. Dr. Christine Garbe, Leseforscherin der Uni Köln und Mitbegründerin des Netzwerks Leseförderung Lüneburg, aus: „Für das Gehirn ist es eine enorme Abstraktionsleistung, alles Sagbare in ein System von 25 bis 30 Buchstaben zu transformieren.“

Jona ist genau in dem Alter, in dem die Sprachentwicklung seinem Gehirn besonders leicht fällt. Katja Henke kann ihn dabei unterstützen, aber sie darf nichts erzwingen. Auf keinen Fall sollten Eltern versuchen, ihren Kindern Wörter oder gar Sätze durch Vorsprechen einzutrichtern. „Nutzen Sie lieber spontan Situationen und benennen Dinge, an denen das Kind ohnehin gerade interessiert ist.“

Katja Henke scheint das nicht schwer zu fallen. Sie geht auf Jona ein, benennt die „Bausteine“, die er ihr bringt und sagt „danke“. Kurz und knapp, so sei es richtig, sagt Ellen Kastning. Nach ausführlichem Gespräch und vielen Beobachtungen kommt sie zu dem Schluss, dass Jona zurzeit keinen besonderen Förderbedarf hat, zumal auch der Sprachtest beim Kinderarzt das bestätigt. „Es ist gut, dass Sie genau beobachten“, sagt sie zu Katja Henke, „aber Sie haben einen vorbildlichen Umgang mit ihm, fördern Sie ihn so weiter.“

Der Sprachheilkindergarten St. Bonifatius bietet Eltern und Fachkräften jeden letzten Freitag im Monat eine offene Sprechstunde an. Von 13 bis 15 Uhr beantworten Logopäden Fragen zu den Themen Sprachentwicklung, Mehrsprachigkeit, Hören, Schweigen und Redeunflüssigkeiten. Nächster Termin ist wegen der Ferien erst der 26. April. Bei Bedarf können auch individuelle Termine vereinbart werden bei Bärbel Schnettker, Tel.: 85 36 20.