Aktuell
Home | Lokales | Lüneburg | Von der Schule in den Landtag
3078141.jpg

Von der Schule in den Landtag

ben Lüneburg. Heinrich Scholing steht in seinem Büro und packt Erinnerungen zusammen: Die Bilder, die Schüler gemalt haben, das Foto, auf dem ihn zwei Jungen lachend umarmen. „Diese Schule funktioniert nicht nur über Sachverstand, sie fordert die ganze Person“, sagt der 59-Jährige, der gestern offiziell als Leiter der Förderschule am Knieberg verabschiedet wurde. 17 Jahre war die Schule ein großer Teil seines Lebens. Doch jetzt bricht Scholing auf zu neuen Ufern, setzt die Segel Richtung Hannover – zum niedersächsischen Landtag.

Den beruflichen Wechsel hat Heinrich Scholing, der lieber Heiner genannt werden will, den Wählern zu verdanken, die bei der Landtagswahl im Januar den Grünen ihre Stimme gegeben haben. Er sei immer ein politischer Mensch gewesen, kommunalpolitisch engagiert hat sich der Mann aus Bienenbüttel aber erst seit 2011. Der Sprung in den Landtag sei „eine Blitzkarriere, und eine tolle Chance, weil zum Ende meines Berufslebens etwas ganz anderes passiert“. Dennoch sei diese Veränderung nicht nur geprägt von Euphorie, sondern auch von Wehmut.

Als Leiter der Förderschule mit Schwerpunkt geistige Entwicklung war Heiner Scholing stets „nah dran an dem, was das Leben ausmacht“, sagt er und setzt sich an den kleinen Besprechungstisch. Nach seinem Studium der Sonderpädagogik, das er 1978 in Marburg abschloss, ging Heiner Scholing zunächst fünf Jahre nach Berlin, war danach Lehrer an der Förderschule in Bleckede, wechselte als Konrektor an die Johannes-Rabeler-Schule nach Lüneburg und wurde schließlich Schulleiter am Knieberg. Als er den Posten 1995 antrat, zählte die Schule 90 Schüler, inzwischen sind es rund 140 Jungen und Mädchen. Alle haben eine mehr oder weniger schwere Behinderung. „Unsere Aufgabe ist es, für diese so unterschiedlichen Gruppen Wege zu finden.“ Und wenn Scholing „unsere“ sagt, meint er sich und das „hochengagierte Kollegium“ der Förderschule.

Er zeigt auf das Bild eines Hauses an der Wand. Der Künstler sei ein Schüler mit einer autistischen Störung. Die akkuraten Linien zeugen von der hervorragenden räumlichen Vorstellungskraft des Jungen. „Eine besondere Leistung“, sagt Scholing. „Wir sollten uns davor hüten, die Menschen nur unter dem Etikett ihrer Behinderung zu betrachten.“ So sei es immer einer seiner Schwerpunkte gewesen, den Schülern zu vermitteln, dass sie genau so, wie sie sind, in Ordnung sind.

Und auch für mehr gesellschaftliche Akzeptanz von Menschen mit Behinderung hat Scholing sich eingesetzt. „Es war immer mein Ziel, die Isolation der Förderschule aufzubrechen.“ Sechs Klassen werden inzwischen nicht am Knieberg, sondern an Regelschulen unterrichtet, außerdem gibt es eine gemeinsame Hauswirtschafts-AG mit dem Gymnasium Oedeme und Förderschüler engagieren sich am Kiosk des Gymnasiums. „Aber die vielen Chancen, die wir am Schulzentrum Oedeme haben, sind noch nicht ausgeschöpft.“ Eine Aufgabe für seinen Nachfolger, kommissarisch wird Karin Greinke-Hesse den Posten übernehmen.

Heiner Scholing will sich auch als Landtagsabgeordneter für Bildungspolitik einsetzen. Dass er sich dabei mit grundlegend anderen Positionen auseinandersetzen muss, ist für ihn nicht neu. Auch am Knieberg sei nicht alles reibungslos gelaufen: „Mein Job war es, mit schwierigen Situationen umzugehen, wir sind kein konfliktfreier Raum, sondern eher ein emotionaler Schmelztiegel.“ Das gilt auch im positiven Sinn: „Die Schüler haben einen unverstellten Zugang zu ihren Gefühlen und bringen ihre Herzlichkeit oft unvermittelt zum Ausdruck.“ So wie auf dem Foto, auf dem ihn die Jungen lachend umarmen. Heiner Scholing lächelt. „Es war ein Geschenk, diese Vielfalt zu erleben.“