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Wieder mehr Zeit bis zum Abi

ben Lüneburg. Eltern und Schüler waren mit der Verkürzung der gymnasialen Schulzeit auf acht Jahre nie so richtig glücklich. Jetzt will auch die Politik die Uhr zurückdrehen – und gibt die Entscheidung an die Schulen ab: Gymnasien und Schulträger sollen zukünftig wählen können, ob die Schüler nach 12 (G8) oder 13 Jahren (G9) ihren Abschluss machen. Die Schulleiter der Gymnasien in Stadt und Landkreis Lüneburg haben sich auf ein einheitliches Vorgehen geeinigt: Entweder kehren alle zum Abi nach 13 Jahren zurück oder keine der sechs Schulen.

„Wir wollen die Konkurrenzsituation nicht verschärfen, indem wir verschiedene Modelle anbieten“, sagt Dieter Stephan, Leiter des Gymnasiums Oedeme und Vorsitzender der niedersächsischen Direktorenkonferenz. In Gesprächen mit den Schulgremien soll nun eine Entscheidung getroffen werden.

Eingeführt hatten das Turbo-Abitur in Niedersachsen CDU und FDP. Nach dem Regierungswechsel wollen SPD und Grüne nun die rechtlichen Voraussetzungen für die bildungspolitische Rolle rückwärts schaffen. Fest steht bisher nur, dass an den Integrierten Gesamtschulen (IGS) bereits zum 1. August 2013 das Abitur nach 13 Jahren verbindlich sein soll. Wann die Umstellung an den Gymnasien erfolgen könnte, steht noch nicht fest. Aus dem Kultusministerium heißt es dazu: „Alle Fragen werden im Dialog mit allen Beteiligten und ohne Zeitdruck diskutiert.“

Neben pädagogischen Aspekten dürften dabei auch finanzielle eine Rolle spielen, denn in Lüneburg sind die räumlichen Kapazitäten der drei Gymnasien größenteils bereits jetzt ausgelastet, und ein Jahrgang mehr erfordert zusätzliche Unterrichtsräume, sagt Stadtsprecherin Suzanne Moenck: „Pro Raum kann man mit 200 000 bis 250 000 Euro Kosten kalkulieren.“ Schulträger der Gymnasien Oedeme, Bleckede, Scharnebeck und der IGS Embsen ist der Landkreis Lüneburg. Im Falle einer Rückkehr zu G9 geht die Verwaltung von Umbau-Kosten in Höhe von 1,5 bis 2 Millionen Euro aus. Sowohl die Stadt als auch der Kreis setzen darauf, dass das Land die Finanzierung übernimmt.

Angesichts der 258 Gymnasien in Niedersachsen kämen auf das Land enorme Kosten zu, mit welchen Summen zu rechnen ist, weiß das Kultusministerium nicht, es gäbe noch keine Planzahlen. Auch zu weiteren Details der konkreten G9-Umsetzung folgt lediglich ein Verweis auf den Koalitionsvertrag. Darin haben Rot-Grün vereinbart, „im ergebnisoffenen Dialog mit den Beteiligten … praktikable Möglichkeiten zu erörtern und umzusetzen, mit denen der Druck aus den Gymnasien genommen werden kann“.

Denn der Druck auf die Schüler hat sich mit der Einführung des Abiturs nach 12 Schuljahren erhöht, schildert Friedrich Suhr, Schulleiter am Gymnasium Johanneum: „Schüler haben aktuell 30 bis 34 Stunden Pflichtunterricht pro Woche, hinzu kommt Unterricht in einer dritten Fremdsprache und eine Wahl-AG.“ Die Folgen: Den Schülern bleibe zu wenig Zeit, um in Vereinen aktiv zu werden oder sich ehrenamtlich zu engagieren, obwohl die Schüler dabei wichtige soziale Kompetenzen erwerben.

Der Bildungswissenschaftler Prof. Dr. Matthias von Saldern befürwortet deshalb, „dass die Politik die Fehlentscheidung zurücknimmt.“ Schulen sollten sich jedoch für eine Variante – G8 oder G9 – entscheiden: „In Baden-Württemberg hatten wir den Versuch, beide Modelle an einer Schule anzubieten. Daraus entstehen manchmal schwierige Beziehungen zwischen den Schülern.“ Auch für die Schule sei das Angebot beider Varianten nur schwer zu organisieren. Das glaubt auch Schulleiter Dieter Stephan, deshalb sagt er: „Eine Turbo-Klasse und eine Klasse ,langsam‘ wird es am Gymnasium Oedeme nicht geben.“