Aktuell
Home | Lokales | Lüneburg | Ex-Pirat will Landgericht entern
3107688.jpg

Ex-Pirat will Landgericht entern

rast Lüneburg. Als „Molekularmediziner mit liberalen und freiheitlichen Zielen und Ideen, die mit den Zielen der Piratenpartei weitestgehend übereinstimmten“ präsentierte sich Erich Romann den Piraten laut Erklärung des Harburger Kreisvorstands vom November 2011 und schaffte es so in den Harburger Kreistag. Und da lieferte er sich so manchen denkwürdigen Auftritt – Folge: Seine Partei strebte ein Ausschlussverfahren an, längst sitzt der 38-Jährige als Parteiloser im Kreistag.

Einen merkwürdigen Auftritt hatte er nun im Landgericht Lüneburg, wo er als Nebenkläger aussagen sollte: „Die haben mich aber zum Täter gemacht.“ An der Einlasskontrolle wurde er zunächst gestoppt. Er wollte das Gericht mit dem entern, was in der Justiz unter den Begriff Waffen fällt: „Die Wachtmeister haben mir einen Teleskopschlagstock und ein, nein zwei kleine Messer abgenommen.“

Die Darstellung des Gerichts sieht da allerdings deutlich anders aus, Pressesprecherin Fatima Natho sagt: „In dem Prozess legte er Wert darauf, dass er die Gegenstände freiwillig abgegeben habe.“ Und die seien nicht von den Gerichtsbediensteten, sondern von Polizisten sichergestellt worden: „In solchen Fällen sind wir gehalten, die Polizei zu verständigen.“ Für die sagt Polizeisprecher Kai Richter, der in diesem Fall „beim besten Willen nicht von kleinen Messern“ sprechen will: „Sichergestellt wurden von unseren Beamten ein Kampfmesser Iron Eagle mit einer Klingenlänge von 16 Zentimetern, ein großes Klappmesser mit 14 Zentimeter Klingenlänge und ein Teleskopschlagstock. Verfahren wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz wurden eingeleitet.“ Die Waffen habe Romann nach eigener Aussage mitgeführt, weil er Angst vor dem Angeklagten gehabt habe.

Die Vorgeschichte: Erich Romann war kurz vor Weihnachten 2011 zu einem Lokal-Termin in Lüneburg, geriet gegen 22.45 Uhr in einer Kneipe an der Altenbrückertorstraße mit einem damals 30-Jährigen in Streit. Die Darstellung des Lokalpolitikers damals: Dieser Mann habe ihm einen Döner aus der Hand geschlagen und ihm einen Handkantenschlag gegen den Hals versetzt. Laut Polizei ist der mutmaßliche Täter einschlägig bekannt, hatte damals 1,95 Promille intus.

Die Piraten dementierten damals Gerüchte, nach denen sie Romann Schläger auf den Hals gehetzt hätten. Rund drei Wochen zuvor war der Kreisvorstand mit seiner Erklärung an die Öffentlichkeit gegangen – der Kreistag mit Neumitglied Romann hatte sich da noch nicht einmal konstituiert. Die Partei distanzierte sich von Romanns Äußerungen in Interviews. Darin forderte er unter anderem den Bau einer Moschee in Buchholz oder die Öffnung des Buchholzer Bahnhofs für Obdachlose und einen damit verbundenen Ausbau der Videoüberwachung. Das stünde nicht „im Einklang mit den Zielen der Piratenpartei“. Und Romanns Aussage, er habe eine „deutsch-nationale“ Gesinnung, „zwingt uns eindeutig, sich von ihm zu distanzieren“.

Erich Romann zog in den Kreistag ein und sorgte weiter für Schlagzeilen. So zeigt ihn ein Foto in einer Sitzung mit einer Flasche Bier in der Hand. Die Piraten setzen auf moderne Kommunikation, Romann jedoch forderte von der Kreisverwaltung, dass ihm die Kreistagseinladungen – die mit den Unterlagen leicht im Internet zu finden sind – per Post zugeschickt werden.

Nach der von Romann behaupteten Attacke in der Kneipe kam es im Herbst 2012 zum Prozess gegen den 30-Jährigen vor dem Lüneburger Amtsgericht, der Politiker gegenüber der LZ: „Der Mann wurde zu einer Geldstrafe in Höhe von 120 Tagessätzen verurteilt.“ Der 30-Jährige zog in die Berufung vors Landgericht, die 5. Kleine Strafkammer verhandelte am Montag. Romann: „Unglaublich, es gab einen Freispruch.“ Hier allerdings erläutert Gerichtssprecherin Natho: „Es war ein Freispruch wegen Schuldunfähigkeit des Angeklagten, die ihm der psychiatrische Gutachter Dr. Reiner Friedrich attestiert hatte.“ Beim Freispruch seien sich „mit Ausnahme von Herrn R.“ alle Prozessbeteiligten einig gewesen. Der Angeklagte ist unter anderem Cannabis- und Alkoholkonsument.

Gegen den Freispruch will Romann nach eigenem Bekunden in Revision gehen. Und politisch hat der Parteilose auch neue Ideen, er will seine eigene Partei gründen, die Hauptziele der „Europäischen Unionspartei“ (EUP): Die Gründung eines europäischen Gesamtstaates mit Englisch als Amtssprache.