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Das Glocken-Spiel

ca Lüneburg. Ein Dutzend Schaulustige steht in der Glockenhalle und will nichts verpassen. Handy-Kameras fangen den historischen Moment ein, der für Gunter Gläser Routine ist. „Geht mal weg da unten“, ruft der 63-Jährige, blickt 30, 40 Meter in die Tiefe und schüttelt den Kopf, weil die Neugier stärker ist als Vorsicht und Verstand. Gläser und sein Kollege Elmar Seifermann haben gestern Morgen im Johannis-Turm zwei Glocken herabgelassen. Die Kleine Schelle wiegt 220 Kilo, die Sonntagsglocke zwölfmal so viel. Von solchen Brocken möchte niemand getroffen werden.

Die 1718 aus ihren Vorgängerinnen gegossene Sonntagsglocke hat einen feinen Riss und kann nicht mehr geläutet werden, an der Kleinen Schelle aus dem Jahr 1519 ist quasi die Aufhängung kaputt. Die Küster konnten sie nicht mehr läuten, um die Schäden nicht noch zu vergrößern. Heute am Morgen fährt eine Spedition die ehrwürdigen Damen zur Firma Lachenmeyer nach Nördlingen, wo Fachleute sie schweißen.

Gläser führt den Meistertitel im seltenen Beruf Glockenfachmonteur, seit 43 Jahren kümmert er sich um die klingenden Schätze, erst in Apolda in Thüringen, nach der Wende zog er 1990 nach Karlsruhe. „Etwa 15 Glocken im Quartal“ holt er von Türmen oder zieht sie wieder in die Höhe. Für ihn und seinen Kollegen Seifermann, ein Zimmermannsmeister, ist es ein Knochenjob, trotz der Elektrowinde, die ihnen hilft. Die kann 1,6 Tonnen heben, daher müssen die Männer „scheren“, also die Last auf Seile und Balken verteilen, damit die Winde das Gewicht bewegen kann.

Seit Montag, 11. März, haben sie ihre Ausrüstung über 200 buckelige Stufen der gut schulterbreiten Wendeltreppe zum Glockenstuhl emporgeschleppt und mit Küster Hans-Jürgen Stiller (63) alles vorbereitet. „Eine erbärmliche Plackerei“, sagt Gläser. Allein die Winde wiegt 80 Kilo, dazu kommen Stahlseile, Werkzeuge, eine Leiter und, und, und. 15 Mal müssen die Männer jeden Tag hoch und runter, das braucht Kondition und Kraft.

Während Gläser oben die Winde bedient, schiebt Seifermann die Sonntagsglocke mit einer Latte in die richtige Richtung, dann wechselt er zu einem Seil und zieht. Der 49-Jährige hat Schultern breit wie ein Bär, doch er ächzt: „Ich drück‘ mir ’nen Wolf.“ Schweißperlen stehen auf seiner Stirn, nur nicht nachlassen, sonst könnte die Glocke gegen die engen Luken prallen. Denn es geht nicht im 90-Grad-Winkel nach unten, die Durchlässe in den drei Ebenen liegen nicht in einer Linie. Das oberste Loch haben die Handwerker um drei Zentimeter vergrößert, sonst hätte die Sonntagsglocke mit ihren 2,14 Metern Durchmesser nicht durch die Öffnung gepasst.

Die Gemeinde lässt die beiden Glocken reparieren, sie hat zudem zwei Ersatzglocken in Auftrag gegeben, wenn genug Spenden eingehen, könnte eine Wachtglocke hinzukommen. Die „Neuen“ haben einen größeren Durchmesser, dafür müssen andere Durchlässe genutzt werden. Da kommt es allen zupass, dass im Herbst auch der Glockenstuhl, also einfach gesagt die Aufhängungen und Balken, überarbeitet wird.

Für Gläser und seinen Kollegen sind Enge und Gewicht der neuen Glocken, von der allein eine rund sechseinhalb Tonnen wiegen soll, kein Problem, sondern eine Herausforderung. Der Meister lächelt selbstbewusst: „Wir haben im Hamburger Michel eine Neun-Tonnen-Glocke bewegt und in Duderstadt zwei sechs und drei Tonnen schwere Glocken.“ Mein Gott, was soll da schiefgehen?

Jetzt hat alles wie am Schnürchen geklappt. Elmar Seifermann hat den Koloss durch alle Öffnungen bugsiert, auch die Sonntagsglocke steht nach gut einer Stunde auf dem Boden. Um 11.18 Uhr ruft er: „Fertig!“

Ein Video über die Kirchenglocken gibt’s auf der Seite lzplay.de.