Donnerstag , 29. September 2016
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Leben in einem Denkmal

rast Lüneburg. Die Hansestadt reizte Prof. Dr. Andreas Herrmann und seine Frau Rita, genau das Richtige für den neuen Lebensabschnitt. Der Umweltwissenschaftler der Technischen Universität Braunschweig ging 2009 in Pension: ,,Ein Immobilienanbieter zeigte uns im Lüneburger Umland etliche Gebäude — Winkelbungalows aus den 60er- und 70er-Jahren, die aufwendig hätten saniert werden müssen.“ Dann habe der Anbieter von einem bereits entkernten Haus mitten in Lüneburg — Am Berge 45 — erzählt: ,,Als wir davor standen, war uns sofort klar: Das Haus ist für uns bestimmt.“ Mit Hilfe der Denkmalpflege entstand ein Schmuckstück, in dem das Ehepaar seit Januar 2012 lebt. Über sein Leben in einem Denkmal berichtet Herrmann bei einer Veranstaltung der Stiftung Denkmalpflege.

„Der Keller datiert aus dem 14. Jahrhundert, die Kellerbalken stammen aus dem Jahr 1567″, sagt Prof. Herrmann zu dem ab 1797 als Schmiede genutzten Gebäude, das er und seine Frau liebevoll ,,Sandwich-Haus“ nennen. Denn die Häuser, die einst drumherum standen, wurden um den Wechsel vom 19. ins 20. Jahrhundert abgerissen, neue und höhere Gebäude wurden fertiggestellt. Das benachbarte Haus, mit einem Fischrestaurant im Erdgeschoss, entstand im Jahre 1904.

Das Haus Am Berge 45 hatte ein Bauunternehmer von einer Erbengemeinschaft erstanden, der es zu einem großen Teil in Abstimmung mit Architekten und Denkmalpflege saniert hatte. Als die Herrmanns das Denkmal kauften, ,,war das Erdgeschoss allerdings noch chaotisch“. In Abstimmung mit dem Denkmalschutz wurden Fliesen und Kacheln ausgesucht, alte Fußböden abgeschleift und erneuert. ,,Wir haben einen sehr guten Kontakt zur Denkmalpflege, eng mit den Architekten und regionalen Handwerkern gearbeitet, die viel Liebe zum Detail zeigten.“ Der Denkmalschutz habe in vielen Bereichen Entgegenkommen bewiesen: ,,Das Haus war als Gewerbe- und Wohngebäude vorgesehen, es hätte also für viel Geld eine Brandschutzmauer eingezogen werden müssen.“ Durch die reine Privatnutzung aber sei dies nicht mehr nötig gewesen.

Stolz zeigt Andreas Herrmann auf eine restaurierte, moosgrüne Textiltapete und ein Stück Tapete in Aquamarin in einem Raum des Erdgeschosses: ,,Die grüne Tapete zeigt, wie farbenfroh Lüneburger schon Ende der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren. Das blaue Stück stammt vom Ende des 19. Jahrhunderts. Aquamarin war die erste synthetisch hergestellte Farbe.“

Das Ehepaar hat einiges in sein neues Leben in alten Mauern investiert, verweist aber auch auf die Steuervergünstigungen. Und es musste sich von vielem trennen: von Möbeln aus seinem Braunschweiger Haus, die nicht in die kleinen Zimmer Am Berge passten, von seinem großen Garten und einem Parkplatz direkt vor dem Haus. Doch das alles opferte das Paar nur zu gerne für das Leben mit der Historie. Dass sie darauf stolz sind, zeigten beide im September 2012, als sie beim Tag des offenen Denkmals mehr als 400 Besucher durch das Schmuckstück führten. Für Andreas Herrmann ist das selbstverständlich: ,,Denkmalgeschützte Häuser sollen der Öffentlichkeit nahegebracht werden.“