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Lüneburg auf dem Weg zur Inklusion

ben Lüneburg. Wenn Claus Amelung sich die perfekte Krippen-Welt basteln würde, dann wäre manches anders als in der Realität. Denn: „Zurzeit sind die Rahmenbedingungen für integrative Einrichtungen nicht so, wie sie sein sollten“, sagt der Kita-Bereichsleiter bei der Lebenshilfe Lüneburg-Harburg. So orientiere sich die Anzahl der Betreuungskräfte in Krippen für Kinder mit und ohne Behinderung an starren Vorgaben einer Verwaltungs-Verordnung – und nicht am tatsächlichen Bedarf.

Claus Amelung steht im Ruheraum der Krippe Campinis, in den anderen Zimmern feiern Eltern und Kinder die Einweihung der zweiten Gruppe der Einrichtung. Eine Gruppe ázwölf Kinder, jeweils zwei davon mit Behinderung, betreuen zwei Erzieherinnen bei den Campinis. Ginge es nach der niedersächsischen Kita-Verordnung, würden sie dabei 25 Stunden pro Woche von einer Heilpädagogin unterstützt. „Das ist absolut nicht ausreichend“, sagt Claus Amelung.

Der 59-Jährige hat deshalb die Stadt Lüneburg überzeugt, die Rahmenbedingungen zu verbessern. Im Ergebnis führt die in Fachkreisen als „Lüneburger Modell“ bekannte Vereinbarung unter anderem dazu, dass die Heilpädagogin integrative Gruppen wie die Campinis zusätzlich zu den beiden Erzieherinnen in Vollzeit unterstützt, den Fachkräften für Berichte, Eltern- und Teamgespräche zusammen 16 statt der vorgegebenen elf Stunden zur Verfügung steht.

Rund 120 000 Euro für je eine der drei integrativen Gruppen lässt sich die Stadt das pro Jahr kosten, wenngleich Oberbürgermeister Ulrich Mädge (SPD) das Land gefordert sieht, „sich wieder intensiver an den Personalkosten zu beteiligen“. Bürgermeisterin Regina Baumgarten (CDU) betont bei der Einweihung der Campini-Gruppe: „Lüneburg möchte sich als familienfreundliche Stadt präsentieren, dazu gehört eine gute Kinderbetreuung – und zwar für alle Kinder.“

Die gemeinsame Betreuung von Kindern mit und ohne Behinderung in einer Gruppe ist auch Ziel der Lebenshilfe. Für Claus Amelung macht der damit verbundene Anspruch der ganzheitlichen Förderung die Vollzeit-Mitarbeit einer heilpädagogischen Fachkraft unverzichtbar: „Die heilpädagogische Fachkraft muss schließlich einen Bezug zu allen Kindern aufbauen.“ Wie sollte es auch anders funktionieren? Schließlich agiert die Expertin mit den behinderten Kindern nicht unter einer Käseglocke, sondern in einem Raum mit zehn weiteren Jungen und Mädchen. Da geht es um genau die Teilhabe, der sich Bund und Land mit der Annahme der UN-Konvention „Rechte von Menschen mit Behinderungen“ verpflichtet haben.

Das Schlüsselwort heißt Inklusion. Menschen mit Behinderung sollen gleichberechtigt und selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. In Krippen geht es nicht länger darum, Kinder in ein bestehendes System zu integrieren, sondern sie so zu unterstützen, dass sie selbstverständlicher Teil der Gruppen sein können. „Aber zurzeit muss man immer noch eine Schublade aufmachen, damit man sie so betreuen und fördern kann, wie es notwendig ist“, kritisiert Claus Amelung.

Das beginne damit, dass Eltern für ihr behindertes Kind beim Sozialamt einen Antrag auf Eingliederungshilfe stellen müssen, damit der Zuschuss für die heilpädagogische Fachkraft – bei zwei Kindern pro Gruppe sind es monatlich jeweils rund 1480 Euro – überhaupt bewilligt werden kann. Dabei käme eine „heilpädagogische Atmosphäre“, wie Amelung es ausdrückt, allen Kindern zugute. Unabhängig davon, ob sie eine Behinderung haben, hyperaktiv sind, aus einem sozial schwachen familiären Umfeld kommen oder einen Migrationshintergrund haben. Die Experten können schnell erkennen, ob ein Kind einer ergotherapeuthischen Unterstützung bedarf oder ob eine spezielle Sprachförderung nötig wäre.

Es geht um Chancengleichheit, ein Schlagwort, das auch im Koalitionsvertrag der rot-grünen Landesregierung auftaucht, die darin erklärt „für alle Bildungseinrichtungen die Inklusion anstreben und die dafür notwendigen Voraussetzungen schaffen“ zu wollen. Weiterhin wollen SPD und Grüne den Personalschlüssel in Krippen und Kitas verbessern, inklusive Einrichtungen sollen nicht länger die Ausnahme sein, sondern zur Regel werden. Das lässt auch Claus Amelung hoffen – auf eine Zeit, in der er sich die perfekte Krippen-Welt nicht mehr zurechtbasteln muss.