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Viel Verantwortung, wenig Lohn

ben Lüneburg. Als freiberufliche Hebamme hat Meike Bernoth einen Fulltime-Job. „Ich arbeite 60 Stunden pro Woche, habe Tag und Nacht Bereitschaft“, sagt die 44-Jährige aus Adendorf. Viel Arbeit für wenig Lohn. Denn trotz der Honorarerhöhung um 13 Prozent im Januar arbeiten Hebammen für einen Stundenlohn von 8,48 Euro brutto, hat der Deutsche Hebammenverband (DHV) ausgerechnet. Meike Bernoth sagt: „Für diese wichtige Arbeit ist das zu wenig.“

Immerhin, ein weiteres Lohnplus ist in Sicht. Seit gestern verhandeln die Berufsverbände der Hebammen und der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) über einen Qualitätsbonus: Spätestens im Januar 2015 sollen freiberufliche Hebammen fünf Prozent mehr Lohn erhalten, wenn sie bestimmte Standards erfüllen. „In der Praxis wird sich dadurch nicht viel ändern“, sagt Meike Bernoth. „Wir arbeiten auch jetzt auf sehr hohem Niveau, schließlich sind wir uns der Verantwortung für Mütter und Kinder bewusst.“ Das zeigt auch eine Auswertung der Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe von knapp 11 000 Geburten in Hebammenpraxen, Geburtshäusern oder zu Hause: 99,3 Prozent der Neugeborenen kamen gesund auf die Welt, für 94,3 Prozent der Mütter lief die Geburt ohne Komplikationen.

Die Gesundheit von Mutter und Kind hat Priorität für Meike Bernoth, die sich mindestens einmal im Jahr fortbildet. Um vorgegebene Qualitätsstandards sorgt sie sich deshalb nicht. Wohl aber darum, dass diese mit zusätzlichen Kosten verbunden sein könnten: Ein Zertifikat, das alle zwei Jahre erneuert und bezahlt werden muss, wäre eine zusätzliche Belastung, die das Lohnplus schmälern könnte. „Zumal wir im nächsten Jahr eine erneute Erhöhung der Berufshaftpflicht erwarten“, sagt Bernoth.

Dabei machen die Versicherungsbeiträge, die erst 2012 um 15 Prozent auf aktuell 4200 Euro gestiegen sind, den Hebammen schon jetzt zu schaffen. Um den Beitrag decken zu können, muss Meike Bernoth fünf bis sechs Hausgeburten begleiten, hat sie ausgerechnet. Hinzu kommen Kosten für die Krankenversicherung, außerdem sind Hebammen verpflichtet, 20 Prozent ihres Gewinns in die gesetzliche Rentenversicherung einzuzahlen. Sie können also nicht, wie andere Selbstständige, frei über ihren Beitrag für die Altersvorsorge entscheiden. „Um von dem Gehalt leben zu können, muss man sehr viel arbeiten“, sagt Meike Bernoth. Sie übernimmt jeden Monat durchschnittlich zwei Geburten als erste Hebamme und unterstützt bei zwei weiteren Geburten eine Kollegin. „Viel mehr ist gar nicht zu schaffen.“

Denn Meike Bernoth steht den Frauen auch in den Monaten davor und danach zur Seite. So eilt sie täglich von Haustermin zu Haustermin, berät in medizinischen Fachfragen, übernimmt Vorsorge- und Nachsorgeuntersuchungen, bringt Blutproben ins Labor, und hört zu, wenn die Frauen emotionale Unterstützung brauchen. „Man gibt viel in diesem Beruf, aber man bekommt auch viel zurück.“

Nur finanziell wird es manchmal eng. Eine Tatsache, die der Hebammenverband anlässlich des heutigen Equal Pay Day, dem Tag für die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern, anprangert: Typische Frauenberufe würden in Deutschland schlechter bezahlt als typische Männerberufe, argumentiert Verbandspräsidentin Martina Klenk: „Damit muss endlich Schluss sein.“