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Ein Hühnerstall auf Achse

off Rettmer. Es sieht aus wie ein schiefer Bauwagen, ist ein reiner Frauenhaushalt und zieht seit Tagen die Blicke von Autofahrern und Passanten auf sich. Direkt vor Rettmer, auf einer Wiese zwischen Kartoffelacker und Pferdekoppel, haben die Junglandwirte Hilke und Jochen Hartmann das erste Hühnermobil im Landkreis Lüneburg aufgestellt, ein ausgeklügeltes Stallsystem auf Rädern und Zuhause für 245 Hennen. Auf zwei Stalletagen und einem großen Stück Wiese können sich die Hartmann-Hühner von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang frei bewegen. Wohnen sie zwei Wochen an einem Ort, ziehen sie in ihrem Heim auf Rädern weiter – und werden von Jochen Hartmann auf ein frisches Stück Grün gefahren.

Rettmer, kurz nach elf, wolkenverhangener Himmel und Nieselregen überm Hühnermobil. An Tag Zehn nach der Stalleinweihung wackelt eine unerschrockene Hennengruppe durchs hohe Wiesengras, einige von ihnen baden im weichen Sand, andere scharren im Erdgeschoss des Stalls in der Einstreu. Dass die meisten der 245 Hühner noch im ersten Stock sitzen, wundert Jochen Hartmann nicht. „Es dauert drei oder vier Wochen, bis sich die Tiere an ihre neue Umgebung gewöhnen.“ Haben die Tiere die Möglichkeiten ihres neuen Luxusheims allerdings erstmal erkannt, wird auch der Auslauf von fast allen genutzt. „Davon haben wir uns bei anderen Hühnermobil-Betreibern überzeugt“, sagt der 32-Jährige.

Wie das System des Hühnermobils funktioniert, hat Jochen Hartmann schnell erklärt: „Im ersten, gedämmten Stock sind Sitzstangen, Nester, Futtertrog und Tränken untergebracht, im Erdgeschoss befinden sich der Scharrbereich und die Ausgänge nach draußen.“ Damit die Hühner nachts vor Raubtieren geschützt sind, schließen sich die Ausgangsklappen automatisch bei Sonnenuntergang und öffnen sich wieder bei Sonnenaufgang. Zum Umsetzen des Hühnermobils muss Jochen Hartmann die Hühner nur in den Stall treiben, den Trecker vorfahren, die Stallachse anschließen und losfahren.

Dank der Räder und der kompakten Größe des Stalls kann der Landwirt mit dem Hühnermobil sogar über Straßen fahren, auch Grünflächen in mehreren Kilometern Entfernung ansteuern. Flexibilität, die Hilke und Jochen Hartmann von dem Stallsystem überzeugt hat – und die ihren Anteil daran hat, dass das Stallsystem 2003 vom Bundeslandwirtschaftsministerium mit dem Förderpreis Ökolandbau ausgezeichnet wurde. „Mit dem regelmäßigen Umsetzen der Hühner fährt man nicht nur Krankheitserregern und Matsch davon“, erklärt Hartmann, „die Grasnarbe bleibt auch erhalten und der Auslauf verschlämmt nicht.“

Mehr als 35 000 Euro hat der mobile Hühnerstall Hilke und Jochen Hartmann gekostet, eine Investition, die sie mit dem Hofverkauf der Mobil-Eier eines Tages wieder einnehmen wollen. Bisher hat das Ehepaar aus Rettmer nur die paar Eier ihrer Haushühner abgegeben – zu wenig für die Nachfrage ihrer Kunden. „Irgendwann wollten immer mehr Leute, die Kartoffeln bei uns holen, auch Eier“, erzählt Hilke Hartmann. Also entschloss sie sich vor einem Jahr dazu, das Standbein Huhn weiter auszubauen. Die 30-Jährige machte sich im Internet schlau, auf Messen und bei anderen Landwirten, besichtigte andere Ställe und entschied sich am Ende für das Hühnermobil. Ein Stallsystem, das für die Landwirte nicht nur praktisch ist. „Wir sind auch davon überzeugt, dass es unseren Hühnern damit sehr gut geht.“ Wer sich davon überzeugen will, dem bieten die Landwirte eine Besichtigung an – und machen damit aus ihrem mobilen gleichzeitig einen gläsernen Hühnerstall.