Dienstag , 27. September 2016
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Fernseher rücken in die Ferne

emi Lüneburg. Gerade erst haben Leuphana-Studenten bei einer Umfrage herausgefunden, dass sich viele junge Lüneburger einen Elektronikmarkt in der Innenstadt wünschen, nun entsteht genau da am selben Tag gleich im doppelten Sinne ein noch größeres Vakuum. Während Karstadt am Sonnabend, 29. Juni, seine Musik-, Film- und Computer-Abteilung abbaut, schließt das Traditionsfachgeschäft EP: Just Co an der Heiligengeiststraße komplett seine Pforten.

Ein letztes Mal noch werden Abteilungsleiter Erich Mathies und sein Stellvertreter Jürgen Soerensen am Sonnabend, 29. Juni, im Untergeschoss von Karstadt Computerkabel, Mousepads und Fototaschen verkaufen. Um 18 Uhr gehen in der Abteilung die Lichter aus. Doch lange dunkel bleiben wird es nicht im Karstadt-Untergeschoss: Ab Mitte/Ende Juli soll dort, wo sonst Fernsehgeräte und Computer verkauft wurden, die Spielzeugabteilung im neuen Glanz erstrahlen.

Wo sich früher bunte CDs und DVDs aneinanderreihten und bewegte Bilder in allen Farben über die Mattscheiben flimmerten, gibt es jetzt das triste Grau leerer Regale. Zwischen halbgepackten Kartons und blauen Plastikkisten steht Karstadt-Geschäftsführer Horst Bergmann und erzählt mit fester Stimme, warum ein Teil der Multimedia-Abteilung bei Karstadt ersatzlos gestrichen wird. Es sind wirtschaftliche Gründe: „Der Wettbewerb im Bereich Rundfunk, Fernsehen und Computer ist so groß, dass nur noch die Allergrößten auf dem Markt eine Chance haben“, sagt er. „Aldi zum Beispiel macht viel mit TV und Computern.“

Auch das Internet habe einen wesentlichen Anteil daran, dass die Abteilung nun geschlossen werden muss, fügt Soerensen hinzu: „Viele junge Menschen laden sich Filme und Musik heutzutage einfach schnell runter, statt sie im Laden zu kaufen.“ Außerdem könne man online problemlos Ware bestellen. Der stellvertretende Abteilungsleiter hat 18 Jahre lang in der PC-Abteilung im Untergeschoss des Warenhauses gearbeitet. Nun muss er sich dort ein neues Betätigungsfeld suchen: „Ich gehe wahrscheinlich in die Spielwarenabteilung.“

Erich Mathies war zehn Jahre lang Leiter der Abteilung und bedauert die Schließung: „Es ist total traurig, dass wir zumachen, aber wirtschaftlich kann ich das verstehen.“ Er verkauft jetzt Bettwäsche und ist zusätzlich im Elektrobereich tätig. Der bleibt.

Verschwinden werden dagegen Fernseher, Computer und Stereoanlagen. Bergmann betont: „Wir verkaufen weiterhin Staubsauger, auch der Zubehör-Bereich bleibt bestehen: Die Kunden können bei uns immer noch Batterien, USB-Sticks und Rohlinge erwerben.“ Auch Handys und Bilderrahmen werde es weiterhin geben. Die zehn Abteilungsmitarbeiter sollen ebenfalls weitermachen dürfen: „Wir werden alle in andere Bereiche integrieren“, verspricht der Geschäftsführer. „Wir bringen unsere Leute unter.“

Ins Untergeschoss also soll die Spielzeugabteilung einziehen, die bisher zusammen mit den Sportartikeln in der zweiten Etage angesiedelt war. „Jede Veränderung bedeutet auch eine Chance“, ist Bergmann überzeugt. Im zweiten Stock soll bis zirka Anfang September „die größte Sportabteilung Lüneburgs“ entstehen.

Von solchen Möglichkeiten können Geschäftsführer Martin Sinne und Verkaufsleiter Frank Rabsahl von EP: Just Co. nur träumen. Sie werden am Sonnabend, 29. Juni, um 13 Uhr ihr Geschäft an der Heiligengeiststraße schließen – endgültig. „Wir hatten immer Umsatzschwankungen“, berichtet Sinne, „aber seit Januar konnten wir das nicht mehr kompensieren“.

Vor vier Wochen fiel die Entscheidung: Es geht nicht mehr weiter. Rabsahl klagt: „Manche Menschen haben sich hier jahrelang beraten lassen, stundenlang, haben aber nie einen Cent bei uns gelassen.“ Fernseher, Satelliten-Anlage und Telefon wurden wohl im Anschluss im Internet bestellt. „Ein paar von denen kommen jetzt wieder und sagen, wie leid es ihnen tue, dass wir schließen müssen.“ Mitleid, auf das der Verkaufsleiter verzichten kann.

Wie es nun mit ihm weitergehen wird, weiß Rabsahl noch nicht. Er sei bereits bei der Arbeitsagentur gewesen: „Die Mitarbeiter waren sehr engagiert, deshalb ist die Hoffnung da, dass ich wieder was finde – aber sicher nicht in dieser Branche, die schwächelt.“ Martin Sinne ist traurig über die Entwicklung. Er will den Service weiterführen, zum Beispiel Reparaturen vor Ort vornehmen. Und: „Die Sachen, die online gekauft werden, müssen ja angeschlossen und konfiguriert werden. Da ist der Bedarf groß.“

Dass er seinen Laden schließen muss, sei eine kaufmännische Entscheidung, „aber mein Herz sagt etwas anderes“. Die Schließung habe auch Auswirkungen für Lüneburg: „Für die Innenstadt ist das ärgerlich. Gerade ältere Menschen werden jetzt nicht mehr vernünftig versorgt und beraten.“ Die Wege seien länger, wer nicht mobil sei, habe ein Problem. Kunde Martin Wiese ergänzt: „Hier schließt sich wieder ein Fenster von Produktvielfalt.“