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Precht fordert ein Lehrer-Casting

sel Lüneburg. Wer sich Wissen aneignen will, braucht die Schule nicht. „Im Internet finde ich Wissen, das kein Gymnasium ansatzweise vermitteln kann“, sagt Richard David Precht und stellt fest: „Schule hat ihre alte Legitimation verloren.“ Dennoch sei Schule wichtig, da sie für Chancengleichheit und Persönlichkeitsentwicklung sorgen müsse. Aber eben nicht so, wie Schule heute oft funktioniere – mit Frontalunterricht in 45-minütigen Blöcken, überfrachteten Lehrplänen, Jahrgangsklassen und Lehrern, die besser einen anderen Beruf ausüben sollten. „Anna, die Schule und der liebe Gott“ heißt Prechts neuer Bestseller, den er jetzt in Lüneburg präsentierte und diskutierte. Neben ihm auf dem Podium in der Uni: Dr. Matthias von Saldern, Professor für Schulpädagogik an der Leuphana, und Dr. Bernd Althusmann Ex-Kultusminister von Niedersachsen. Moderiert wurde die Diskussion von Dr. Christoph Jamme, Philosophie-Professor in Lüneburg.

Er habe sich durch Prechts Buch „gekämpft“, teilte von Saldern dem Publikum, in dem er viele Fans hatte, eingangs mit. Inhaltlich teile er viele Ansätze mit dem Autor, etwa die Kritik am G8, am Sitzenbleiben, an den Hausaufgaben, am dreigliedrigen Schulsystem. Allerdings strotze das Buch vor Fehlern und Widersprüchen: „Ich hätte mir gewünscht, dass jemand, der vom Fach etwas versteht, das Buch lektoriert hätte.“ Ein Widerspruch, den von Saldern aufdeckte: Precht kritisiere die PISA-Studien scharf, zitiere aber gleichwohl beständig aus ihnen.

„Die Sozialdaten von PISA sind hochinteressant und relevant“, entgegnete Precht. Der erfolgreiche Buchautor, TV-Moderator und Honorarprofessor für Philosophie in Lüneburg, spart in seinem Buch nicht mit Kritik an Pädagogik-Professoren, die sich durch Erlasse und Vorgaben aus den Kultusministerien gängeln ließen: „Warum lassen Sie sich das gefallen?“ Kreative Köpfe gäbe es in den zuständigen Behörden ohnehin nicht, findet Precht, die säßen bestenfalls in der Bertelsmann- und anderen Stiftungen.

Prechts plakative Sprüche und von Salderns markige Entgegnungen kamen bestens an im übervollen Hörsaal, wurden begeistert aufgenommen, mitunter johlend gefeiert. Wohltuend unaufgeregt lieferte Althusmann Zahlen zum Bildungsetat, zu Schulabbrechern, verwies darauf, dass im Kultusministerium sehr wohl kreative Lösungen aus den empirischen Erhebungen der Schulinspektion entwickelt würden. „In den vergangenen zehn Jahren hat es in Deutschland so viele Veränderungen im Schulsystem wie nie zuvor gegeben. Jetzt Revolution zu rufen, das geht auf Kosten der Kinder.“

Der Begriff Revolution wurde auch in der anschließenden, sehr kurzen Diskussion mit dem Publikum kritisch hinterfragt. Precht stellt seinen Begriff der Bildungsrevolution in eine Kette mit der industriellen, sexuellen und digitalen Revolution, er erwartet keine plötzliche Umwälzung. Evolution wäre als Begriff also angebrachter, die sei seit Jahren im vollen Gange. So erinnerte Althusmann an die Flexibilisierung der Eingangsstufe an niedersächsischen Grundschulen. Und von Saldern verwies auf das schleswig-holsteinische Modell, das Acht- und Neuntklässlern beispielsweise unterschiedliche Lerntempi anbietet. Individualisiertes Lernen, größere Flexibiliät, Koordinierung von Lehrplänen und Inhalten auf Bundesebene, Ganztagsschule – das befürworteten alle Experten auf dem Podium. „80 Prozent der niedersächsischen Schulen arbeiten gut, haben ein engagiertes Kollegium und sind modern aufgestellt“, meinte Althusmann und forderte mehr Wertschätzung für den Beruf des Lehrers.

Precht hingegen meint, dass „zu viele Lehrer sein wollen, die es nicht sein sollten“. Er wünsche sich kleine, jahrgangsübergreifende Lernteams, in denen beispielsweise ein Hochfrequenzphysiker und kein ausgebildeter Lehrer die Kinder von physikalischen Gesetzen begeistert. „Man muss nicht viel über Didaktik wissen, sondern es können.“ Der Popstar unter den Philosophen empfiehlt eine Art Casting-Show für Lehrer und anschließend Schauspielunterricht. Warum ein per se begeisternder Hochfrequenzphysiker es nötig hätte, Schauspielunterricht zu nehmen, blieb Prechts Geheimnis. „Unterhaltsam“ fand von Saldern seinen Gegenpart auf dem Podium, attestierte ihm aber auch, dass er „das System nicht kennt“.