Aktuell
Home | Lokales | Lüneburg | Absage für Bimmelbahn
3494237.jpg

Absage für Bimmelbahn

ca Lüneburg. Für seinen Job als Pferdekutscher erhielt Andreas Gensch Lob, doch für seine neuen Pläne, künftig eine Solarbahn mit 60 Plätzen zu betreiben, steckte der 56-Jährige auf einer Bürgerversammlung im Glockenhaus reichlich Kritik ein: So eine „Bimmelbahn“ passe nicht in die Stadt, die sich den Denkmalschutz groß auf ihre Fahnen geschrieben hat. „An der Ostsee fahren solche Bahnen, die finde ich alle fürchterlich“, sagte Waltraut Harder. Inga Whiton sprach für den Arbeitskreis Lüneburger Altstadt (ALA): „Wir wenden uns gegen diese Bahn.“ Gerhard Stiefel, Anwohner aus der Altstadt, sagte, dort schaue die Stadt auf jeden Fenstereinbau, wie könne so eine Bahn möglich sein? Sigrid Krampitz erklärte für 50 Stadtführer: „Die Bahn passt nicht ins Stadtbild.“

Gensch erklärte noch einmal, was er der LZ bereits im April gesagt hatte: Der Betrieb mit drei Kutschen und den Pferden mache viel Arbeit. Er könne die Tiere nur für zwei Rundläufe einsetzen und bei Schnee und Eis keine Touren anbieten. Der Unterhalt pro Jahr koste ihn mehr als 80 000 Euro. Oft würden die Kutschen als Verkehrshindernis wahrgenommen, Autofahrer hupten und setzten zu waghalsigen Überholmanövern an. Die 300 000 Euro teure sogenannte Wegebahn bringe jede Menge Vorteile: Sie habe sich binnen vier Jahren amortisiert, er könne mehr Fahrgäste mitnehmen, es gebe zwei Plätze für Rollstuhlfahrer. Tonbandaufnahmen erklärten Sehenswürdigkeiten in einem Dutzend Sprachen. Die Bahn sei leise und umweltfreundlich, dazu hygienisch, denn das Zusammenkehren von Pferdemist entfalle.

Rechtsdezernent Markus Moßmann, Ordnungsamtsleiter Joachim Bodendieck und Erich Waldow von der Landesnahverkehrsgesellschaft erklärten die rechtlichen Vorgaben: Danach hat Gensch entsprechende Anträge gestellt, die Solarbahn zu betreiben, weil er zum Jahreswechsel den Kutschenbetrieb einstellen wolle. In den nächsten Tagen beginnt ein Anhörungsverfahren, bei dem Anregungen und Bedenken geäußert werden können, etwa vom Busunternehmen KVG oder der Gewerkschaft ver.di. Die werden geprüft und in einen Bescheid eingearbeitet. Am Ende befinden die Behörden über eine Genehmigung. Moßmann betonte mehrfach, dass Gensch einen Rechtsanspruch auf die Ausübung seiner Berufsfreiheit besitze.

Das brachte den Schauspieler Burkhard Schmeer, der in der Altstadt wohnt, zu dem Schluss: „Wir haben gar keinen Einfluss. Im Grunde genommen ist das hier eine Verkündigung.“ Kritiker Dietmar Günther forderte eine „Bürgerbefragung“: Es gehe immer nur um Wünsche von Touristen, nicht um die von Lüneburgern.

Stefan Pruschwitz setzte auf Zahlen. Der Marketing-Chef erklärte, dass es im vergangenen Jahr 5200 Stadtführungen gegeben habe, Tendenz steigend. Viele Gäste wünschen sich eine Bahn oder Kleinbusse, wie sie etwa in Wismar, Worms und Würzburg kreisen. Er arbeite mit jedem Angebot zusammen, egal ob Kutschen oder Wegebahn. Buchhändler Jan Orthey vermisste eine Ausschreibung durch die Stadt. Moßmann konterte, das sei keine kommunale Aufgabe. Wolle man das ändern, müsse die Stadt Zuschüsse gewähren, was sie finanziell nicht könne.

Bei aller Kritik gab es auch drei Fürsprecher für Genschs Projekt. Christoph Kusche findet den Unternehmer mutig, der setze auf ein „modernes Transportlinien-System“, anfänglich seien die seit dem Jahr 2000 fahrenden Kutschen auch kritisiert worden. Ratsfrau Irmgard Hillmer (CDU) sagte: „Wir müssen die Situation von Herrn Gensch sehen und können nicht glauben, es geht immer so weiter.“ Winfried Machel stellte die Frage: „Gibt es einen hier, der den Job von Andreas Gensch übernehmen will?“

Den gab es nicht und Moßmann stellte klar, dass sich auch niemand bei der Stadt als neuer Kutscher beworben habe.