Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Letzte Ruhe für Ermordete

ca Lüneburg. Heute würden sich Sozialarbeiter und Therapeuten um Friedrich Daps kümmern. Dass er wenig spricht, wohl nicht versteht, was man ihm sagt, und er sich nicht mit anderen Kindern beschäftigt, wären Signale, dass der Junge Hilfe benötigt. Sein Vater wollte ihn damals nur für kurze Zeit in Obhut geben, schrecklicher Fehler. Doch das konnte der Mann wohl nicht ahnen. Friedrich, im Oktober 1933 in Hannover-Isernhagen geboren, wurde vom Kreiswohlfahrtsamt im Juli 1937 in die Pestalozzi-Stiftung in Großburgwedel geschickt.

Es geht weiter in die Heil- und Pflegeanstalt Langenhagen. Dort vermutet eine Schwester, dass der Blondschopf „taub und stumm“ sei, das könnte sein auffälliges Verhalten erklären. Einige Monate später wird Friedrich nach Rotenburg gebracht, wo ihm „keinerlei geistige Entwicklung“ attestiert wird. Schließlich kommt er in die Kinderfachabteilung nach Lüneburg. Statt Hilfe zu erhalten, wird Friedrich ermordet. Das Personal schläfert ihn wahrscheinlich mit Luminal ein. Er gilt als lebensunwert.

Die Geschichte des Jungen steht für das Schicksal anderer Kinder, die ebenfalls in Lüneburg von Medizinern und Pflegepersonal getötet wurden. Die Psychiatrische Klinik arbeitet furchtbare Seiten ihrer Vergangenheit auf, seit langem. Im Badehaus und im Wasserturm erklärt eine Ausstellung, wie sich die Medizin mit der Mordlust der Nationalsozialisten gemein machte.

Am Sonntag, 25. August, gibt es den Versuch, ein Stück des Unrechts wiedergutzumachen. Um 14 Uhr weihen auf dem ehemaligen Anstaltsfriedhof, dem Nordwest-Friedhof zwischen Lüneburg und Vögelsen, Vertreter von Klinik, Gedenkstätte, Stadt, Psychosozialem Verein und Geschichtswerkstatt ein Gedenkfeld ein, und zwar da, wo einst die Gräber der Opfer lagen.

Der Tag ist vielleicht auch etwas wie eine Heimkehr. Dafür muss ein bisschen ausgeholt werden. Dr. Carola Rudnick, Projektleiterin der Gedenkstätte, hat diesen Teil der Geschichte erforscht.

In der NS-Zeit wurden den Leichen von Kindern zu angeblichen Forschungszwecken Präparate entnommen. Carola Rudnick erklärt ihre Forschungsergebnisse so: „Die sterblichen Überreste der Kinder wurden 2011 im Archiv der Neuropathologie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) gefunden. Es sind 577 Präparate von Gehirnen, die vom damaligen Leiter der ,Kinderfachabteilung‘ Lüneburg zu Forschungszwecken an das UKE abgegeben wurden. Dort wurden sie von Dr. Jakobs weiter erforscht. Heute lassen sich mindestens 384 Sektionen von Lüneburger Kinder-Patienten zwischen 1941 und 1945 nachweisen.“

Und weiter: „Die entnommenen Organe von insgesamt 37 Kindern wurden nach Hamburg weitergegeben. Willi Baumert, Leiter der ,Kinderfachabteilung‘, und der damalige Ärztliche Direktor Max Bräuner hatten in Gerichtsaussagen mehrfach darauf hingewiesen, dass die ,Kinderfachabteilung‘ vor allem zur Erforschung erbkranken Nachwuchses gedient habe. Dies wurde häufig bezweifelt. Die Funde von Präparaten und die Auswertung des Sektionsbuches der Universitätsklinik Hamburg lassen inzwischen aber den Schluss zu, dass die ,Kinderfachabteilung‘ systematisch ,Forschungsmaterial‘ lieferte. Dies geriet dort nach 1945 in Vergessenheit.“ Erst 2011 wurden die Präparate wieder entdeckt.

Die Überreste von zwölf der getöteten Kinder sollen morgen im Rahmen einer Feier beigesetzt werden. Diese Zahl findet sich auch in der Gedenkanlage wieder. Handwerker haben aus Steinen, die an die Mauern der Heil- und Pflegeanstalt erinnern, ein mit Basalt-Schotter gefülltes Quadrat gesetzt: 297 rote Steine der Umfassung stehen für die getöteten Kinder; zwölf größere für die Mädchen und Jungen, deren Überreste nun von Superintendentin Christine Schmid beigesetzt werden.

In dem Quadrat liegt ein Findling, dessen Inschrift an die Verbrechen in der NS-Zeit erinnert. Für einen Friedhof unübliche Kirschbäume sollen auf das Schicksal eines jeden Einzelnen hinweisen.

Bei der Feier sprechen Oberbürgermeister Ulrich Mädge, der Ärztliche Direktor der Klinik, Dr. Sebastian Stierl, Pfleger Henning Bendler und Projektleiterin Rudnick. Superintendentin Christine Schmid begleitet die Beisetzung von zwei Urnen. Der Gitarrist Frank Füllgrabe setzt einen musikalischen Rahmen.

Carola Rudnick hat die kurzen Lebenswege von zehn Kindern in einer Ausstellung nachzeichnen können. Vor allem aber hat sie Angehörige ermittelt, die oft nicht wussten, was aus Bruder oder Schwester geworden war. Mancher wird am Sonntag dabei sein, um nach sieben Jahrzehnten Abschied von einem Verwandten zu nehmen, der vergessen schien, dessen Los in der Familie vielleicht auch nicht erzählt wurde. Es ist ein Schlusspunkt.