Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Die Zwillinge Joachim und Gerhard Schwencke blicken 1964 nach ihrer Flucht in den Westen zurück in die alte Heimat. Foto: nh
Die Zwillinge Joachim und Gerhard Schwencke blicken 1964 nach ihrer Flucht in den Westen zurück in die alte Heimat. Foto: nh

Fluchtgeschichten über die Elbe

mrn/lz Hitzacker/Neuhaus Die fünf Jungs waren erst 16 und 17 Jahre alt, drei von ihnen waren in dieselbe Klasse gegangen. Sie kamen aus Vellahn, Kloddram, Neu Bleckede und Camin und wohnten im Lehrlingsheim in Jessenitz, wurden dort zu Landmaschinenschlossern ausgebildet. Und sie wollten weg aus der DDR, beschlossen gemeinsam über die Elbe zu fliehen im November 1964, weil sie die äußerst strenge Heimordnung nicht mehr ertrugen. Manfred Müller schaffte es nicht durch die eiskalte Elbe und ertrank, die Zwillinge Joachim und Gerhard Schwencke leben heute noch in der Nordheide, Reinhard Bruhn wurde Rheinschiffer und Hans-Jürgen Schöber hatte das Heimweh nach drei Monaten in Schwaben so sehr gepackt, dass er in die DDR zurückkehrte.

Das ist eine von insgesamt 18 Fluchtgeschichten über die Elbe und von den Menschen, die alles auf eine Karte setzten, um aus der DDR zu entkommen. Zusammengetragen haben sie die Journalistin Karin Toben aus Rassau und der Museumsleiter des Museums in Hitzacker, Klaus Lehmann. Die einzelnen Schicksale werden in einer neuen Jahresausstellung auf großformatigen Stelen erzählt, ergänzt durch viele Fotografien. Am Sonnabend, 3. Mai, um 15 Uhr wird die Ausstellung im „Alten Zollhaus“ in Hitz­acker eröffnet.

Karin Toben hat sich nicht zum ersten Mal mit Lebensschicksalen an der Elbe befasst. Sie machte sich auf die Spuren von Zwangsausgesiedelten und verfasste das Buch „Heimat­sehnen“. In ihrem zweiten Buch „Weite Heimat Elbe“ geht es ebenfalls um Menschen, sowohl von der linken als auch der rechten Elbeseite, die auf besondere Weise mit dem Fluss verbunden sind oder waren.

„Unsere Ausstellung gibt nur einen Teil der in den Akten festgehaltenen Fluchten wieder. Aber sie zeigt beispielhaft, was Menschen riskierten, um in Freiheit leben zu können“, sagt Klaus Lehmann. Und Karin Toben ergänzt: „Auch winterliche Kälte, Hochwasser oder Eisschollen bildeten kein Hindernis.“ Wie bei der Flucht der Familie Launus, die mit sechs kleinen Kindern von Privelack Richtung Tießau über die zugefrorene Elbe kroch.

Unter den Flüchtlingen waren junge Männer, die keine Perspektive in der DDR sahen, aber immer auch Menschen, die der Krieg an die Elbe getrieben hatte, die nichts aufbauten und nichts zu verlieren hatten. Ein besonders dramatisches Schicksal ist das von Alfred Banz aus Strachau. Er floh zum ersten Mal mit 16 Jahren aus dem Osten. Aber das Heimweh nach der Mutter war stärker er kehrte zurück, um danach noch mehrmals die Ufer zu wechseln. Er nimmt DDR-Zuchthaus als Republikflüchtling auf sich und wird schließlich ausgewiesen. In Hamburg ermordet er eine Prostituierte, sitzt im Knast Santa Fu und begeht dort weitere Straftaten gleichzeitig beliefert er Hamburger Galerien mit seinen Bildern. 2002 stirbt Banz als unfreier Mann.

Karin Toben hat monatelang Material gesammelt, zusammen mit Klaus Lehmann in der Außenstelle Görslow der Stasi-Unterlagenbehörde Quellen studiert, in Staats- und Kreisarchiven geforscht. Toben hat zahlreiche Interviews geführt und einstige Flüchtlinge oder deren Kinder aufgesucht. Sie könnte damit leicht ein Buch füllen das hat sie sich auch vorgenommen. Das Schönste aber für sie ist, dass durch die Erinnerung Frieden gestiftet wurde in Familien, die seit der Flucht zum Teil seit Jahren keinen Kontakt mehr zueinander hatten. Auch weil die Zurückgebliebenen oftmals starken Repressalien ausgesetzt waren.