Aktuell
Home | Lokales | Neuhaus | „Das glücklichste Volk der Welt“ – Mit LZplay-Video
Vor Beginn der offiziellen Feierstunde zum 25. Jahrestag des Mauerfalls begaben sich viele Teilnehmer auf einen grenzhistorischen Spaziergang am Elbdeich bei Konau. Foto: t&w
Vor Beginn der offiziellen Feierstunde zum 25. Jahrestag des Mauerfalls begaben sich viele Teilnehmer auf einen grenzhistorischen Spaziergang am Elbdeich bei Konau. Foto: t&w

„Das glücklichste Volk der Welt“ – Mit LZplay-Video

kre Konau. Glück und Dankbarkeit: Zwei Worte, die am Sonntag häufig zu hören waren während der Feierstunde zum 9. November in Konau. Ein kleiner Ort mit wenigen Häusern, gleich hinter dem Elbdeich in der Gemeinde Amt Neuhaus gelegen. Hierher, in eine ehemalige Scheune, in der jetzt kulturelle Veranstaltungen stattfinden, hatte der Landkreis Lüneburg ganz bewusst zu seiner Feierstunde eingeladen. Bis vor 25 Jahren war hier noch die Welt für die DDR-Bürger zu Ende gefangen hinter Sperranlagen und verminten Todesstreifen. Doch dann kam der 9. November. Der Tag, an dem die Mauer fiel und wenig später auch die unmenschlichen Grenzanlagen an der Elbe. Dieses historische Ereignis wollte auch der Landkreis Lüneburg ausreichend würdigen, hatte dazu Gäste aus Politik, Verwaltung und öffentlichem Leben eingeladen. Allerdings bedauerte die Neuhauser Bürgermeisterin Grit Richter in ihren Grußworten, dass nicht auch die Bürger eingeladen wurden.

Das machte auch der Festredner des Nachmittags deutlich: ,,Es waren die Menschen der DDR, die die Grenze für beide deutschen Seiten geöffnet haben“, betonte Dr. Till Backhaus und fügte hinzu: ,,Darauf können wir stolz sein.“ Backhaus ist heute Landwirtschaftsminister in Mecklenburg-Vorpommern, geboren und aufgewachsen ist der dienstälteste bundesdeutsche Minister in Neuhaus an der Elbe. ,,Deshalb kommen bei mir heute wieder ganz besonders die Emotionen hoch“, gestand der Minister, der zudem glaubt, dass die Worte des damaligen Regierenden Berliner Bürgermeisters Walter Momper (SPD) nichts von ihrer Gültigkeit verloren haben: ,,Wir sind das glücklichste Volk der Welt, weil wir die Wiedervereinigung erreicht haben.“

Vor 25 Jahren freilich, als die Menschen in der DDR begannen, sich gegen SED-Regime und Stasi-Willkür aufzulehnen, ,,hatte noch niemand an die Wiedervereinigung gedacht“, gestand Dr. Till Backhaus, der bis 1990 in einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) gearbeitet hatte: ,,Wir wollten eine bessere, eine demokratische DDR. Das Recht auf freie Meinungsäußerung, und besonders natürlich Reisefreiheit.“

Backhaus hob auch noch einmal den Mut der DDR-Bürger hervor, die es wagten, sich gegen den DDR-Staat aufzulehnen: ,,Der Arm der Stasi war lang.“ Und die, die gemeinsame Sache mit der Staatssicherheit machten? ,,Niemand, der das nicht auch wollte, musste für die Stasi arbeiten!“, betonte der gebürtige Neuhäuser. Auch er habe sich nie von der SED oder den Blockparteien verbiegen lassen. Die Folge: Als seine Großmutter in Bienenbüttel verstarb, versagte ihm der SED-Staat die Teilnahme an der Beerdigung. Backhaus durfte als ,,Risiko-Person“ nicht ausreisen.

Die Menschen im Amt Neuhaus hatten tagtäglich den Zaun, die Sperranlagen das Symbol des Gefängnisses vor Augen. Wen wunderts, dass gerade auch die Bürger an der Elbe die Grenzöffnung als Symbol der grenzenlosen Freiheit verstehen: ,,Die Deutsche Einheit ist ein Geschenk für das Deutsche Volk, die Europäische Union, erreicht durch eine friedliche Revolution.“

Wie sehr die Teilung Deutschlands die Familien in Ost und West belastete, machte zudem Landrat Manfred Nahrstedt deutlich: Auch seine Familie war jahrzehntelang durch die Grenze getrennt. ,,Mein Bruder lebte, nachdem er aus Bielefeld wieder in die DDR zurückgegangen war, mit seiner Frau und seinen Kindern bei Magedeburg, meine Eltern und ich in Bielefeld“, berichte der Landrat. Doch als sein Bruder einige Jahre später bei einem Fluchtversuch aus der DDR gefasst wurde, durfte er nach seinem Gefängnis-Aufenthalt in Bautzen nicht in unser Eltenhaus bei Magdeburg zurück. Er wurde mit seiner Familie an die polnische Grenze zwangsumgesiedelt.“

Nahrstedt kann aufgrund seiner Familien-Biographie gut nachvollziehen, was es für die 350 Menschen an der Elbe bedeutet haben muss, als sie in einer ,,Nacht- und Nebel-Aktion“ Haus und Hof im Sperrgebiet verlassen mussten: ,,Dieses Schicksal verbindet meine Familie mit vielen Menschen hier im gesamten Kreis Lüneburg und in ganz Deutschland. Die Teilung hat viele Familien zerrissen“

Dass die Wiedervereinigung friedlich vonstatten ging, ist auch mit das Verdienst der Kirchen: ,,Wir waren auf alles vorbereitet“, zitierte Landessuperintendent Dieter Rathing den Präsidenten der Volkskammer der DDR, Horst Sindermann: ,,Nur nicht auf Kerzen und Gebete.“ ,,Niedersachsen war Grenzland, heute sind wir die Drehscheibe im Herzen Europas“, freute sich sich auch Dr, Jörg Mielke, Leiter der Niedersächsischen Staatskanzlei. Und einen Schmunzler schickte er ob seines Namens auch noch hinterher: „Wäre ich vor 25 Jahren hierher gekommen, hätte mein Namen wohl für einige Aufregung gesorgt…“