Mittwoch , 28. September 2016
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Integration mit Spaten und Fußball

kre Barendorf. Esther ist elf Jahre alt und mag Kartoffelgerichte. Ihr Bruder Mohamed (19) findet Schnitzel lecker: Wenn Integration durch den Magen geht, ist die Familie von Michel Louis Nidba und seiner Frau Galohonon Georgette Atebo in Deutschland längst angekommen: Die vier stammen von der Elfenbeinküste. Ein Land, in dem Bürgerkrieg herrscht, Banden und bewaffnete Kriminelle auf Beutezug gehen und ein Menschenleben offenbar nicht viel wert ist. So jedenfalls empfinden Michel Louis Nidba und seine Familie ihre alte Heimat – und deshalb sind sie geflüchtet. Nach Deutschland. Hier haben sie Asyl beantragt, leben seit knapp einem Jahr in Barendorf in einer Asylbewerber-Unterkunft.

Sie sind nicht die einzigen, die Krieg, Plünderung, Tod und Vertreibung, aber auch die Hoffnung auf ein besseres Leben in Frieden und Freiheit nach Deutschland geführt haben. Die Zahl der Flüchtlinge ist in den vergangenen Wochen und Monaten dramatisch gestiegen. Nicht nur wegen des Syrien-Konflikts. Das spüren auch die Kommunen, denn sie sind für die Unterbringung der Asylbewerber verantwortlich. 420 leben aktuell insgesamt im Landkreis Lüneburg, davon 176 in der Hansestadt. Und 33 in der Samtgemeinde Ostheide, Libanesen, Sudanesen, Somalis, Tschetschenen, Iraner – und eben die vierköpfige Familie von Michel Louis Nidba von der Elfenbeinküste.

Gibt es Probleme, wenn so viele unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen? „Jedenfalls nicht bei uns“, sagen Samtgemeindebürgermeister Norbert Meyer und Ordnungsamtsleiter Dennis Neumann. Das liege zum einen daran, dass die Samtgemeinde von Anfang an für dezentrale Unterkünfte der Bewerber in Barendorf und Neetze gesorgt habe. „Da fällt die Integration leichter,“ sagt Neumann und Meyer bestätigt: „Die Menschen werden nicht ausgegrenzt, sondern man geht aufeinander zu.“ So habe sich eine ehemalige Lehrerin aus Neetze bereit erklärt, acht jungen Somalis in Neetze Deutschunterricht zu geben – 90 Minuten, zweimal pro Woche.

Und man spielt zusammen Fußball. „Sehr erfolgreich sogar“, freut sich Norbert Meyer, selbst begeisterter Alt-Herrenkicker. Seit einigen Wochen stürmt Mohamed ganz offiziell im Trikot des TuS Barendorf. „Beim Spiel am Sonntag gegen Dahlenburg habe ich zwei Tore geschossen“, freut sich der 19-Jährige, der die Georg-Sonnin-Schule (BBS II) besucht. Die Partie gegen Dahlenburg haben die Barendorfer letztlich 4:2 gewonnen.

Vieles ist neu für die Familie von der Elfenbeinküste – nicht nur die deutsche Küche. So haben die vier im vergangenen Winter zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee gesehen. Doch den ganzen Tag zu Hause sitzen, nichts tun und darauf zu hoffen, dass der Asylantrag bewilligt wird – das will Michel Louis Nidba nicht. An der Elfenbeinküste hat er als Mathematiklehrer gearbeitet. Jetzt jobbt er 20 Stunden in der Woche auf Ein-Euro-Basis für die Gemeinde als Grünpfleger.

„Das ist in Ordnung“, sagt der 41-Jährige dankbar, „ich bin zufrieden mit dem Job und froh, dass ich überhaupt etwas machen darf.“

Der Fluchtweg der vier von der Elfenbeinküste klingt abenteuerlich: Nach Marokko haben sie sich durchgeschlagen, von dort sind sie mit einem kleinen Boot nach Spanien übergesetzt worden. 20 Stunden dauerte die Überfahrt, und Michel Louis Nidba ist froh, dass sie diese Tortur heil überstanden haben. Andere haben weniger Glück. Immer wieder kentern diese Boote, ertrinken Menschen.

Ob ihr Asylantrag letztlich Erfolg haben wird, kann Michel Louis Nidba nicht sagen. Aber er hofft es inständig – und schaut dabei zu seiner Tochter Esther hinüber, die die Hauptschule Stadtmitte besucht. Ob sie schon Freunde in Deutschland gefunden hat? „Ja“, sagt sie stolz, „ich habe vier Freundinnen, die in Kaltenmoor wohnen.“ Und dann sagt sie noch, was sie später einmal werden möchte: „Arzthelferin.“