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„Ein Abschied, der wehtun wird“

off Scharnebeck. Es ist Dienstagmittag, kurz nach halb zwei, Karin-Ose Röckseisen nimmt die letzte Stufe in den ersten Stock der Scharnebecker Domäne. Die 74-Jährige sieht aus, wie man sie kennt. Unbändiges graues Haar, wild gemusterter Blazer und ein Blick, als wolle sie Pferde stehlen. Unterm Arm trägt sie einen Korb mit einer Dose Kekse, Kaffee und Kakao. Auch das, typisch für die Scharnebeckerin: Sie verwöhnt gern, prägt mit ihrem „Mutti-Stil“ seit fast 15 Jahren das Kulturgeschäft in der Samtgemeinde. Nun steht sie in dem leeren Saal der Domäne und spricht über Abschied, über den letzten Künstler, den sie mit Lakritz, Konfekt und Schokolade verwöhnen wird. Am 30. April 2014 wird sie das Amt der Kulturbeauftragten in der Samtgemeinde an die Lüdersburgerin Elke Koops abgeben. So steht es im Beschlussvorschlag, über den der Samtgemeinderat heute Abend abstimmen wird.

Karin-Ose Röckseisen verlässt die erste Reihe des Kulturgeschäfts auf eigenen Wunsch, hat ihre Entlassung selbst beantragt und sich um eine Nachfolgerin selbst gekümmert. „Erst wenn ich weiß, dass ich eine Sache in gute Hände abgebe, kann ich auch aufhören“, sagt sie. So hat sie es mit der Scharnebecker Schachecke und dem Amt der Vorsitzenden des FDP-Ortsverbandes Adendorf-Scharnebeck gemacht, so will sie es eines Tages mit dem Vorsitz des Fördervereins Inselsee machen. Mit 74 Jahren steckt Karin-Ose Röckseisen mittendrin im Abschied aus dem öffentlichen Leben. Ihr Leitmotto dabei: „Man sollte aufhören, wenn es am schönsten ist und der Abschied noch weh tut.“

Wie schwer es ihr fallen wird, die Kultur der Domäne abzugeben, darüber redet sie nicht. Die 74-Jährige spricht lieber über die letzten anderthalb Jahrzehnte, in denen es ihr gelungen ist, die Domäne als feste kulturelle Institution im Kreis Lüneburg zu etablieren. Rund 300 Veranstaltungen, von Konzerten über Lesungen bis zu Kleinkunst und Marionettentheater, hat sie seit 1999 auf die Beine gestellt. Zunächst völlig ohne Gegenleistung, dann gegen eine kleine Aufwandsentschädigung – und immer ohne ein eigenes Kulturbudget dafür zu haben.

Für Röckseisen hieß das: „Wenn das Künstlerhonorar höher war, als meine Einnahmen, hab ich aus eigener Tasche draufgezahlt.“ Das habe ein paar Mal verdammt weh getan, doch allzu oft sei ihr das nicht passiert. Die gebürtige Ostpreußin hat schnell gelernt, ein besonderes Händchen entwickelt für das richtige Programm, Honorarverhandlungen, Werbung. Und sie hat nie aufgegeben, Hartnäckigkeit bewiesen – auch das, typisch für sie.

Die gebürtige Ostpreußin hat viel bewegt in der Samtgemeinde Scharnebeck – auch außerhalb der Domäne. Ohne sie würde es die Fußgängerampel an der Lüneburger Straße nicht geben, ohne ihren Einsatz würde heute wohl niemand mehr im Inselsee baden, und ohne sie würde es kein Brückenschach geben. Warum sie sich für all das einsetzt, auch mit 74 Jahren noch ein halbes Dutzend Ehrenämter hat? „Wissen Sie“, sagt sie, „ich hatte immer tausend Ideen, was man machen müsste. Und weil ein anderer sie nicht umgesetzt hat, habe ich mich selbst gekümmert.“

Ein halbes Jahr wird sich Karin-Ose Röckseisen auch um die Domäne noch kümmern, ihre Nachfolgerin einarbeiten, dann übergibt sie das Kulturgeschäft endgültig in andere Hände. „Ein Abschied, der wehtun wird“, sagt sie. So, wie sie es sich gewünscht hat.