Donnerstag , 29. September 2016
Aktuell
Home | Lokales | Scharnebeck | Ackern nach neuen Regeln
Bisher haben Landwirte pro Hektar Acker- oder Grünland eine Förderung von 330 Euro bekommen. Künftig sind es rund 260 Euro pro Hektar. Foto: A
Bisher haben Landwirte pro Hektar Acker- oder Grünland eine Förderung von 330 Euro bekommen. Künftig sind es rund 260 Euro pro Hektar. Foto: A

Ackern nach neuen Regeln

off Barförde. Jahrelang ist es für Alfred Ritters eine Rechnung mit vielen Unbekannten gewesen. Fest stand nur: Als deutscher Landwirt wird er in der neuen Förderperiode 2014 bis 2020 weniger Direktbeihilfen der Europäischen Union bekommen als bisher. Wie viel weniger, war offen. Bis jetzt. Denn nach der Einigung der Agrarminister zur Verteilung der insgesamt rund 6,2 Milliarden Euro EU-Fördermittel für Deutschland liegen nun konkrete Summen vor – und der Milchviehhalter aus Barförde konnte zumindest einige Fragezeichen in seiner Rechnung durch Zahlen ersetzen.

Das Ergebnis: Ritters muss in Zukunft pro Jahr mit rund 9500 Euro und damit 20 Prozent weniger Direktbeihilfen (Förderung pro Hektar Acker- oder Grünlandfläche) als bisher auskommen. Einbußen, mit denen sein Familienbetrieb irgendwie haushalten muss – und die niedriger oder höher ausfallen, je nachdem, welche weiteren Förderprogramme aufgelegt und welche Anforderungen an ihn genau gestellt werden.

Grundsätzlich steht für die kommende Förderperiode 2014 bis 2020 fest: Die europäische Landwirtschaft soll ökologischer werden. Und das bedeutet für die Bauern: Wer möglichst viel Förderung erhalten will, muss grüner werden. So sind zum Beispiel 30 Prozent der 260 Euro, die ein Landwirt künftig pro Jahr und Hektar bekommt (bisher rund 330 Euro), für das sogenannte Greening veranschlagt. Hält sich ein Betrieb nicht an die Öko-Auflagen, wird die Greeningprämie von 80 Euro gekürzt – und ihm stehen statt 260 Euro nur noch 180 Euro pro Hektar zu.

Eine weitere Neuerung, für die vor allem Niedersachens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) gekämpft hat, ist die zusätzliche Unterstützung kleiner Betriebe. Danach bekommen Bauern künftig für die ersten 30 Hektar einen Zuschlag von 50 Euro pro Hektar, für weitere 16 Hektar gibt es 30 Euro mehr pro Hektar. Und das bedeutet: Zusätzlich zu den 260 Euro pro Hektar gibt es 1980 Euro Prämie für die ersten 46 Hektar Land. Eine Maßnahme, die vor allem kleine Betriebe stützen soll – die bei Landwirten wie Alfred Ritters allerdings nur auf verhaltene Freude stößt.

„Diese Variante ist sicherlich ein guter Ansatz“, sagt er, „aber es muss sich niemand etwas vormachen: knapp 2000 Euro retten keinen Betrieb vor dem Ruin, auch keinen kleinen.“ Ähnlich realistisch gibt sich Jungbauer Jochen Hartmann aus Rettmer beim Blick auf die künftige Unterstützung für Junglandwirte.

Ab 2014 erhalten Bauern unter 40 Jahren für die ersten 90 Hektar einen Bonus von 50 Euro pro Hektar, maximal 4500 Euro. „Ein guter Ansatz“, findet Hartmann, „aber wer als Hofnachfolger etwas Neues wagen und etwas verändern will, dem ist mit 4500 Euro im Jahr auch nicht sehr geholfen.“ Trotzdem sind Hartmann und Ritters einig: Die neue Förderperiode hätte Familienbetriebe wie ihre härter treffen können.

Denn klar ist: Für die Auszahlung von Direktbeihilfen stehen in der sogenannten ersten Säule der Agrarförderung künftig rund 80 Millionen Euro weniger zur Verfügung (780 Millionen Euro statt 860 Millionen Euro pro Jahr). Dass die Förderung pro Hektar Grün- oder Ackerland sinkt, war damit klar – offen war nur, für wen um wie viel. „Dass wir jetzt endlich Zahlen kennen, war für die weitere Planung wichtig“, sagt Ritters. Offen ist allerdings nach wie vor, welche Möglichkeiten sich den Landwirten über die zweite Säule der Agrarförderung bieten – denn dort stehen statt bisher 140 in Zukunft 165 Millionen Euro im Jahr zur Verfügung.

Gebündelt sind in der zweiten Säule der Agrarförderung Mittel zum Beispiel für ländliche Entwicklung, Dorferneuerung und Agrarumweltmaßnahmen. „Bei der Verteilung dieser Mittel haben die Länder Gestaltungsfreiraum“, sagt Ministeriumssprecherin Natascha Manski. Stärker als bisher will das Ministerium damit ökologische Landwirtschaft und artgerechte Tierhaltung fördern.

„Die konkreten Programme werden derzeit erarbeitet“, sagt Manski. Und in Alfred Ritters Rechnung bleiben auch vorerst noch einige Unbekannte. Ihm persönlich allerdings wäre ohnehin am liebsten, er würde ohne Agrarbeihilfen auskommen. „Und stattdessen auskömmliche Preise für meine Produkte bekommen.“