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Annegret Tautenhahn vermisst den Brustumfang des wenige Tage alten Kalbs und errechnet daraus das Gewicht. Danach nimmt sie für ihre Kälber-Gesundheitsstudie noch eine Blut- und eine Kotprobe. Foto: t & w
Annegret Tautenhahn vermisst den Brustumfang des wenige Tage alten Kalbs und errechnet daraus das Gewicht. Danach nimmt sie für ihre Kälber-Gesundheitsstudie noch eine Blut- und eine Kotprobe. Foto: t & w

Im Auftrag der Kälbchen

off Echem. Für Annegret Tautenhahn führt der Weg zum Doktortitel durch Peter Junges Kälberställe. Im dunkelblauen Schutzanzug, mit Gummihandschuhen, Stiefeln und Maßband in der Hand steht die 27-jährige Veterinärmedizinerin neben einem der neugeborenen Kälbchen des Echemer Landwirts, vermisst mit geübten Handgriffen den Brustumfang des Tieres, entnimmt eine Blut-, dann eine Kotprobe. Material, das ihr helfen soll, das Leben Tausender Kälber in Deutschland zu verbessern – und das die Promotionsstudentin der Universität Berlin in dieser Woche auch auf Milchviehbetrieben im Kreis Lüneburg sammelt.

Mehr als 30 Milchviehbetriebe hat Annegret Tautenhahn seit Anfang des Jahres bereits besucht, weitere 50 sollen bis Ende 2014 mindestens dazu kommen. Einen Tag nimmt sich die Veterinärmedizinerin pro Betrieb Zeit – für Betriebsrundgang, zwei- bis dreistündige Befragung und Kälberbeprobung. Das Ziel ihrer Arbeit: „Ich versuche zu ermitteln, welche Faktoren bei Fütterung, Haltung und Management sich auf welche Weise auf die Gesundheit der Kälber auswirken.“ Anders ausgedrückt: Die Tierärztin sucht nach den Gründen für die drei häufigsten Kälberkrankheiten – Neugeborenendurchfall, Atemwegserkrankungen und Nabelentzündungen. „Klar ist bereits, dass Fütterung, Haltung und Management Einfluss auf diese Erkrankungen nehmen“, sagt sie, „nicht ganz klar ist allerdings, wie sich die Faktoren gegenseitig genau beeinflussen.“

Mit rund 200 Kühen gehört der Echemer Betrieb von Peter und Tim-Philipp Junge für Annegret Tautenhahn zu den kleineren Höfen, „ausschlaggebend für die Kälbergesundheit ist die Größe des Betriebs allerdings nicht“, sagt sie. Seit Mai hat die Veterinärmedizinerin bereits so viel gesehen und ermittelt, dass sie sagen kann: „Entscheidend für die Gesundheit der Kälber ist die Stallhygiene, Haltungsform, Fütterung und vor allem die Versorgung mit der Kolostralmilch, der ersten Milch nach der Geburt.“ Faktoren, die in großen und kleinen Betrieben umgesetzt – oder vernachlässigt werden können. „Je nach Wissensstand, Arbeitsbelastung und Struktur des jeweiligen Milchviehbetriebes.“

Wie gut oder schlecht sich die Betriebe konkret um ihre Kälber kümmern, beurteilt Annegret Tautenhahn mithilfe des Tiergerechtigkeitsindexes Kalb, einem ganzheitlichen Verfahren zur Bewertung der Haltungssysteme. „Danach können Betriebe maximal 198 Punkte erreichen“, sagt sie, „bisher hatte mein bester Betrieb 142 und der schlechteste 63 Punkte.“ Das zeigt: Es gibt auf den Betrieben durchaus Verbesserungsbedarf.

Auch Junges wollen ihr neues Wissen über einige Details beim Umgang mit Kolostralmilchfütterung umsetzen, so viel wie möglich aus der Arbeit von Annegret Tautenhahn lernen. Viele Verbesserungsvorschläge hatte die 27-Jährige auf den ersten Blick zwar nicht, trotzdem warten Peter und Tim-Philipp Junge gespannt auf die Auswertung der Probenergebnisse. Denn beide wissen: „Der Grundstein für eine gute Milchkuh wird beim Kalb gelegt.“

Endgültige Ergebnisse ihrer Gesundheitsstudie wird Annegret Tautenhahn voraussichtlich 2015/2016 vorlegen – und dann als Dr. Tautenhahn wohl auch im Landwirtschaftlichen Bildungszentrum (LBZ) Echem zitiert werden. Schon jetzt arbeitet die Klinik für Klauentiere der Freien Universität Berlin, für die sie die Studie durchführt, eng mit dem LBZ zusammen. Außerdem hat das LBZ der Tierärztin die Praxisbetriebe in der Region vermittelt und selbst mit seinen Kälbern an der Studie teilgenommen. Liegen die Ergebnisse zur Verbesserung der Kälbergesundheit vor, wird das LBZ sie auch in ihre Bildungsarbeit aufnehmen – und damit bestenfalls mit dazu beitragen, das Leben Tausender Kälber zu verbessern.