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In der U-Bahn wird Annika von einem Unbekannten (Thomas Flocken) bedrängt. In dem Theaterworkshop lernen die 14-Jährige und ihre Mitschüler der Scharnebecker Schule am Schiffhebewerk, mit solchen Situationen umzugehen. Foto: t & w
In der U-Bahn wird Annika von einem Unbekannten (Thomas Flocken) bedrängt. In dem Theaterworkshop lernen die 14-Jährige und ihre Mitschüler der Scharnebecker Schule am Schiffhebewerk, mit solchen Situationen umzugehen. Foto: t & w

Schüler lernen Zivilcourage

emi Scharnebeck. Annika sitzt in der U-Bahn. Der Mann neben ihr rutscht näher, redet auf sie ein, lässt sie nicht in Ruhe. Die 14-Jährige bekommt Angst und sinkt immer mehr auf ihrem Sitz zusammen. Da eilen drei Schüler auf sie zu, ziehen die Jugendliche hoch und begleiten sie in einem schützenden Ring aus Körpern zu einem anderen Platz. Es sind Rollenspiele wie dieses, welche das Schauspielkollektiv Lüneburg jetzt an fünf Terminen mit den Achtklässlern der „Schule am Schiffshebewerk“ durchführte. Im Rahmen des Theaterworkshops/Kompetenztrainings „Vis ávis – kompetent für Zivilcourage“ lernten die Schüler unter anderem, was Diskriminierung bedeutet, wo Gewalt anfängt und wie sie im Notfall eingreifen können, ohne sich selbst zu gefährden.

Im Workshop von Schauspieler und Pädagoge Thomas Flocken und Theaterpädagogin Julia von Thoen haben Teilnehmer die Möglichkeit, selbst in die Rolle von Täter und Opfer zu schlüpfen und so verschiedene Perspektiven einzunehmen. „Wir wollen nicht nur erzählen“, sagt Julia von Thoen. „Die Schüler können und sollen alles selbst ausprobieren – das macht unter anderem auch mehr Spaß als nur zuzuhören.“

Das bestätigt Schülerin Annika, die ihre Opferrolle mittlerweile wieder abgestreift hat: „Ich finde diesen Workshop gut, weil man merkt, wie es anderen Leuten in so einer Situation geht und erfährt, wie man selbst helfen kann.“ Zum Beispiel hat die 14-Jährige an diesem Tag gelernt, dass es „mehrere Arten von Diskriminierung gibt, nicht nur gegenüber Ausländern, sondern auch gegenüber Schwulen, Behinderten und Obdachlosen“.

Schauspieler Thomas Flocken hält es für wichtig, Zivilcourage in die Klassenzimmer zu bringen, „weil das Thema zu jeder Zeit aktuell ist und weil gerade junge Menschen besonders gefährdet sind“. Der Workshop soll deshalb präventiv wirken und die Jugendlichen „möglichst früh für Gefahren sensibilisieren“. Er richtet sich an Schüler der 8. bis 11. Klassen, funktioniert aber auch bei Erwachsenen.

„In der achten Klasse wird das Weggehen interessanter“, begründet Julia von Thoen die Altersspanne bei den jungen Leuten, „und da kommt es dann eher mal zu Konflikten“. Volker Stomberg ist Fachleiter für Geschichte, Politik und Erdkunde und begleitet das Projekt. Er beobachtet auch an der „Schule am Schiffshebewerk“ Fälle von Mobbing. „Neuerdings auch von Cybermobbing.“ Da sei die Auseinandersetzung mit Zivilcourage wichtig. „Wir wollen, dass unsere Schüler selbstbewusste, empathiefähige Mitmenschen werden.“

Oftmals würden Konflikte außerhalb der Schule angebahnt, weiß Oberschuldirektor Rainer Griebel, „und hier knallt es dann“. Umso wichtiger seien Angebote wie das des Schauspielkollektivs. „Wir haben damit allerbeste Erfahrungen gemacht“, sagt Griebel, „und wollen gern weitermachen“. Die Finanzierung sei allerdings kompliziert, es fehle eine mittelfristige Perspektive.

Das Schauspielkollektiv und die Scharnebecker Schule wollen deshalb gemeinsam nach einer Lösung suchen, damit der Kursus keine einmalige Angelegenheit bleibt. Das würde auch Schüler wie Maximilian freuen. Der 13-Jährige ist überzeugt: „Der Workshop ist viel, viel besser als Unterricht.“ Und er vermittelt den Schülern wichtige Handlungskompetenzen.

Informationen zu weiteren Theaterproduktionen und Workshops des Theaterkollektivs Lüneburg gibt es im Internet unter www.schauspielkollektiv.de