Donnerstag , 29. September 2016
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Knapp 60 Kopfweiden wachsen auf seinem Land, alle zehn bis 15 Jahre muss Hans Röhr die Bäume beschneiden. Rund 20 sind in diesem Jahr dran, den Holzschnitt nutzt er als Brennholz, einzelne Äste als Zaunpfähle. Foto: t&w
Knapp 60 Kopfweiden wachsen auf seinem Land, alle zehn bis 15 Jahre muss Hans Röhr die Bäume beschneiden. Rund 20 sind in diesem Jahr dran, den Holzschnitt nutzt er als Brennholz, einzelne Äste als Zaunpfähle. Foto: t&w

Geköpft und kostbar

off Barförde. Am Himmel über der Elbtalaue schweben Schön-Wetter-Wolken. Wintersonne scheint auf die Wiese hinter dem alten Bauernhaus und wärmt Hans Röhr das wettergegerbte Gesicht. Mit seinem Sohn Karsten steht der Landwirt vor einer alten Kopfweide, ihre Mission für diesen Vormittag: Köpfen. Zum letzten Mal haben sie die Äste der Weide vor zwölf Jahren geschnitten, jetzt zieht Hans Röhr erneut das Startkabel der Motorsäge. Kreischend setzt sich das Sägeblatt in Bewegung. Die Pflege einer uralten Kultur beginnt.

Hans Röhr ist mit dem Schneiden der Kopfweiden aufgewachsen. „Früher waren Weiden alles“, sagt er. Die Bauern machten Zäune aus den Ästen, flochten Körbe aus den jungen Trieben, nutzten den Schnitt als Brennholz. Heute ist kein Bauer mehr auf das Holz der Weiden angewiesen und die Tradition droht zu verfallen. Naturschutzverbände und Politik versuchen gegenzusteuern sodass die Pflege der Kopfweiden unter anderem im Kreis Lüneburg finanziell gefördert wird.

In den Gebietsteilen A und B des Biosphärenreservates stellt der Landkreis Lüneburg dem Verein zum Schutz der Kulturlandschaft und des Eigentums im Elbtal (VSKE) für die Kopfweidenpflege jährlich 3000 Euro zur Verfügung. „Davon zahlen wir je nach Größe der Weide zwischen 12,50 und 25 Euro“, sagt Karsten Röhr, beim VSKE für die Weidenpflege zuständig. Im höchsten Schutzgebiet C übernimmt die Biosphärenreservatsverwaltung die Förderung und zahlt 25 Euro pro Weide. Erlaubt ist der Baumschnitt allerdings nur im Winterhalbjahr: von Oktober bis Ende Februar.

Die ersten Äste sind gefallen. Hans Röhr steht inzwischen in einem offenen Käfig an der Frontladerschaufel, Karsten Röhr sitzt hinterm Steuer des Treckers. Fast jedes Jahr sind sie auf einer ihrer Wiesen im Kopfweideneinsatz, Vater und Sohn sind ein eingespieltes Team. Ein Zeichen mit dem Daumen genügt, dann bringt der Junior den Senior an den richtigen Platz. Hans Röhr setzt die Säge an und wenig später fällt der Ast krachend auf den Marschboden. Ast für Ast nähren sich die Barförder ihrem Ziel: einer kahlgeschnitten Kopfweide.

Ohne regelmäßige Pflege würden die alte Bäume in den Himmel wachsen, kopflastig werden und beim nächsten Herbststurm drohen, auseinanderzubrechen. Ein Verlust nicht nur für die Kulturlandschaft, sondern auch für unzählige Tiere. In den Hohlräumen, die sich bei regelmäßiger Pflege in den Bäumen bilden, nisten Vögel, darunter stark gefährdete Arten wie Hohltaube oder Wiedehopf. Auch Steinkäuzen, Bachstelzen, Gartenrotschwänzen oder Feldsperlingen bieten alte Kopfweiden eine Heimat, ebenso Hornissen, Käfern, Schmetterlingen, Ameisen und unzähligen anderen Insekten.

Nach einer guten Stunde Arbeit ist die erste Kopfweide auf der Elbwiese kahl. Kaum vorstellbar, dass aus dem knorrigen, zerklüfteten Stamm je wieder etwas wächst. Doch Hans Röhr beruhigt: „Da sprießt in wenigen Wochen wieder das pure Leben.“ Und der Landwirt meint nicht nur den Austrieb neuer Weidenzweige. Schon oft hat Hans Röhr auf dem Kopf einer Weide Stachelbeeren wachsen sehen, Holunderbüsche, Weidenröschen oder Taubnesseln. Überpflanzen nennen Botaniker sie. Eine weitere Spezialität der Kopfweiden.

Erklärungen dafür, wie Holunder, Stachel- oder Brombeeren ihren Weg auf die Köpfe der Weiden gefunden haben, gibt es viele. Vielleicht hat eine Amsel den Holundersamen mitgebracht, vielleicht ein Eichelhäher oder ein Grünfink. „Auf jeden Fall bieten Kopfweiden auch zahlreichen Pflanzen eine Heimat“, sagt Hans Röhr. Für ihn gehören die charakteristischen Bäume, in deren Höhlen der Sage nach Elfen und Nixen hausen, zu seiner Heimat wie Elbe und Storch. Deshalb pflegt er sie. Und hat die Tradition an Sohn Karsten weitergegeben.