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Als eine der treibenden Kräfte hat Christian Krohn vom Heimatverein sich für die Info-Tafeln eingesetzt, auf denen Besucher nachlesen können, was die Archäologen bislang auf dem Kronsberg zu Tage gefördert haben. Möglicherweise müssen die Tafeln bald ergänzt werden. Foto: sel
Als eine der treibenden Kräfte hat Christian Krohn vom Heimatverein sich für die Info-Tafeln eingesetzt, auf denen Besucher nachlesen können, was die Archäologen bislang auf dem Kronsberg zu Tage gefördert haben. Möglicherweise müssen die Tafeln bald ergänzt werden. Foto: sel

Parallelwelten im Kronsberger Sand

sel Scharnebeck. Unwirtlich war es im Urstromtal der Elbe, das von Feuchtgebieten, Mooren und Hochwäldern durchzogen war. Die erhöhten, sandigen Halbinseln, die aus dieser wilden und schwer zugänglichen Landschaft herausragten, waren begehrte Siedlungsplätze. So auch der Kronsberg, auf dem sich bereits vor 5000 Jahren Menschen niederließen. „Die Fläche auf dem Kronsberg war begrenzt, sodass hier alles enger zusammenrückte“, erläuterte Dr. Wilhem Gebers die Besonderheiten der Kuppel zwischen Scharnebeck und Rullstorf jetzt bei einem Vortrag in der Scharnebecker Domäne.

1979 hatte der Archäologe die Ausgrabungen in diesem exponierten Gelände aufgenommen und seitdem zahlreiche erstaunliche, Aufsehen erregende Funde zutage gefördert. Auch nach seiner Pensionierung untersucht Gebers die Fundstücke, um zu rekonstruieren, wie die Menschen in der Jungsteinzeit, in der Bronzezeit und in der altsächsischen Epoche auf dem Kronsberg gelebt haben. Die Ergebnisse seiner Arbeit präsentierte er jetzt bei dem Vortrag, zu dem der Verein für Heimatkunde im Raum Scharnebeck um seinen Vorsitzenden Christian Krohn eingeladen hatte. Vor rund 100 interessierten Zuhörern erläuterte Gebers, selbst Gründungsmitglied des umtriebigen Vereins, welche Auf- und Rückschlüsse mehr als 100000 keramische Funde ihm und seinem Team gegeben haben.

Das Besondere auf dem Kronsberg: Flugsande schützen die Schätze, die seit Tausenden von Jahren gut einen Meter im Untergrund „schlummern“. Außerdem profitieren Gebers und sein Mitarbeiter Mario Pahlow vor Ort von zwei Quellen, deren Erkenntnisse sich ergänzen: die Gräberfelder mit ihren Urnengräbern einerseits und die dazu gehörenden Siedlungen andererseits. Um Erkenntnisse über das frühere Leben zu bekommen, braucht es vor allem eines: viel Geduld. Denn die Rekonstruktion und Analyse der Keramikscheiben und der Grabbeigaben wie Schmuck, Pfeilspitzen, Spielzeug oder Gebrauchsgegenständen wie einem Rasiermesser ist eine Herausforderung sondergleichen.

Sämtliche Funde wurden vermessen und gewogen, sodass sich folgende Resultate ergeben: Die durchschnittliche Lebenserwartung betrug in der jüngeren Bronzezeit 29 Jahre, Frauen wurden bedeutend älter als Männer, einige von ihnen sogar über 60 Jahre. Von 75 Knochenbrandgräbern waren 22 Frauen- und zwölf Männergräber. Die Mehrheit bilden 41 Knochengräber von Kindern, die im Alter von neun Monaten bis 15 Jahren starben. „Die Kindersterblichkeit war sehr hoch. Warum das so war, ob Krankheiten oder Mangelerscheinungen die Ursache waren, das müssen Anthropologen untersuchen“, so Gebers. Vorausgesetzt, die Forschungen können finanziert werden, denn wie viele archäologische Projekte leidet auch das Kronsberger unter unzureichender finanzieller Unterstützung.

In einer Siedlung lebten lediglich 15 bis 20 Menschen, also zwei Familien in zwei Häusern. „Soziale Unterschiede gab es nicht.“ Zumindest nicht unter Zeitgenossen. Denn das Faszinierende auf dem Kronsberg ist auch, dass hier mehrere Siedlungsperioden nebeneinander im Boden lagern, dass sozusagen Parallelwelten aus der Jungsteinzeit, der Jungbronzezeit und der altsächsischen Epoche in derselben Erde stecken. Spuren von langobardischen Langhäusern sind in unmittelbarer Nähe von Erdverfärbungen altsächsischer Grubenhäuser die 4000 Jahre dazwischen scheinen nicht zu existieren. „Außerdem muss noch eine bedeutende Siedlung entdeckt werden. Nämlich die einer potenten und reichen Gemeinschaft.“ Denn auf dem Kronsberg wurde bereits das bedeutendste Pferdegrab entdeckt mit auffälligen Beigaben wie Gegenständen zur Jagd, Hunden und einem Hirsch. Die menschliche Siedlung dazu fehlt noch.

Dass die Ausgrabungen und Untersuchungen weitergehen und die Fundstücke öffentlich präsentiert werden können, das wünschten sich auch die zahlreichen Zuhörer. Eine Publikation mit den neusten Resultaten ist geplant, und im Rullstorfer Dorfgemeinschaftshaus sind einige Exponate ausgestellt. Auf dem Kronsberg selbst hat der Heimatkundeverein vor zweieinhalb Jahren Info-Tafeln aufstellen lassen.