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Die Setzfische haben eine Größe von zwei bis drei Zentimetern. Sie wurden über den vergangenen Winter aufgepäppelt. Nach dem Schlüpfen waren sie einen Zentimeter groß. Foto: t&w
Die Setzfische haben eine Größe von zwei bis drei Zentimetern. Sie wurden über den vergangenen Winter aufgepäppelt. Nach dem Schlüpfen waren sie einen Zentimeter groß. Foto: t&w

Massenstart ins neue Leben

dth Barförde. Mit einem Plätschern beginnt der neue Lebensabschnitt für Tausende. Biologe und Fischzüchter Tassilo Jäger-Kleinicke aus Kiel zieht einen Schlauch von den bis zu 700 Liter fassenden Transportbehältern in seinem kleinen Lkw hin zum Ufer des Alt-Arms der Elbe. Beim Campingplatz „Grünendeich“ zwischen Barförde und Wendewisch, in einem strömungsarmen Bereich, beginnt die besondere Fisch-Besatzaktion unter Federführung der Biosphärenreservatsverwaltung Niedersächsische Elbtalaue. Im nunmehr fünften Jahr sollen junge Nordsee­schnäpel in der Elbe wieder angesiedelt werden.

Der lachsähnliche Fisch mit der prägnanten Himmelfahrts-Nase galt lange Zeit als ausgestorben. Ursprünglich hatte sich mancher Angler angesichts der Besatzaktionen, nicht nur an der Elbe, die Hände gerieben. Stattdessen freuen sich jetzt Umweltfreunde. Denn der Nordseeschnäpel steht unter strengem Naturschutz.

„Diese Maßnahme dient der Stützung des Fischbestands, der in den letzten vier Jahren mit dem Aussetzen von insgesamt 610000 Jungfischen begründet wurde“, sagt Tobias Keienburg von der Biosphärenreservatsverwaltung. Diesmal hat Züchter Jäger-Kleinicke rund 300000 der Setzfische im Gepäck, mehr als je zuvor bei den Besatzaktionen an der Elbe. Die Menge ist auch Ausdruck eines relativ guten Zuchtjahres und steigender Nachfrage, nach dem noch seltenen Fisch. Rund 25000 Euro kostet die Besatzmaßnahme, die vom Niedersächsischen Umweltministerium mit Mitteln der Europäischen Union gefördert wird. Und es sind auch die Vorschriften der EU, die den Nordseeschnäpel nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) ganzjährig unter strengem Schutz stellen.

Keienburg vom Biosphärenreservat sagt: „Wir haben ein großes Interesse daran, die biologische Vielfalt an und in der Elbe so groß wie möglich zu halten.“ Und zu der Vielfalt gehöre eben auch der Nordseeschnäpel, der vor 100 Jahren noch in der Nordsee weit verbreitet war sowie in den Unterläufen der Elbe, Weser, Ems oder des Rheins. Keienburg: „Der Schnäpel lebt die überwiegende Zeit des Jahres im Gebiet der Flussmündungen im Wattenmeer. Zum Laichen wandert er schließlich die Flüsse hinauf und war deshalb in früheren Zeiten regelmäßig auch in der Elbe anzutreffen.“ Überfischung und sinkende Wasserqualität führten jedoch dazu, dass der beliebte Speisefisch schließlich in den 1950er Jahren in Deutschland als ausgestorben galt. Bis ihn Züchter Jäger-Kleinicke im deutsch-dänischen Grenzfluss Vidau wiederentdeckte.

Mit Unterstützung des dänischen Dansk Aquakultur Instituts in Abenrade erhielt Jäger-Kleinicke die ersten Schnäpeleier für ein eigenes Aufzuchtprogramm. 1987 begann er mit verschiedenen Partnern an deutschen Flüssen die Besatzaktionen durchzuführen. Die ersten Wiederansiedlungsversuche an der Elbe startete er 2000 bis 2003 bei Havelberg und Magdeburg.

Seit 1992 gilt die FFH-Richtlinie und stellt seitdem auch den Nordseeschnäpel unter Schutz. Angler sind seitdem gehalten, wenn sie den lachsähnlichen Speisefisch gefangen haben, wieder freizulassen. Ob die bisherigen Besatzaktionen an der Elbe im niedersächsischen Biosphärenreservat, die 2010 mit 42000 Setzfischen begonnen wurde, von Erfolg gekrönt sind, lässt sich laut Keienburg noch nicht sagen. 2011 haben nach Zahlen des Elbfischmonitorings an der Fischaufstiegsanlage Geesthacht 50 Nordsee­schnäpel den Weg zurück in den Elbeabschnitt bei Bleckede gefunden, 2012 waren es nur 25. Wie viele Nordseeschnäpel auf dem Weg in ihre Laichgebiete geschleust wurden, lässt sich nur vermuten. Keienburg: „Grundsätzlich sind wir froh, wenn zehn Prozent des Besatzes durchkommen.“