Dienstag , 27. September 2016
Aktuell
Home | Lokales | Scharnebeck | Eine Region erfindet sich neu
Früher hatten Samtgemeindedirektor Adolf Zieseniß und Samtgemeindebürgermeister Werner Moss (v.l.) im Rathaus das Sagen, heute leitet Laars Gerstenkorn an der Spitze der Verwaltung die Geschicke der Samtgemeinde. Foto: off
Früher hatten Samtgemeindedirektor Adolf Zieseniß und Samtgemeindebürgermeister Werner Moss (v.l.) im Rathaus das Sagen, heute leitet Laars Gerstenkorn an der Spitze der Verwaltung die Geschicke der Samtgemeinde. Foto: off

Eine Region erfindet sich neu

off Scharnebeck. Sie ist so groß wie die Weihnachtsinsel im Indischen Ozean. Und feiert in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen: die Samtgemeinde Scharnebeck. Mehr als 15000 Menschen leben zwischen Art­lenburg im Norden und Neu Lentenau im Süden. Ein Gebiet, das heute ganz selbstverständlich als Samtgemeinde zusammengehört über das Anfang der 1970er-Jahre allerdings hitzig diskutiert wurde. Zwei Männer, die die Entstehung der Verwaltungseinheit hautnah miterlebt haben, sind Adolf Zieseniß und Werner Moss. Ziesenieß als Bürgermeister der Gemeinde Echem und ab 1973 als Verwaltungsmitarbeiter in der Gemeinde Scharnebeck. Moss als Fraktionsvorsitzender der CDU im Gemeinderat Scharnebeck und Mitglied des Lüneburger Kreistages.

Mehr als vier Jahrzehnte später sitzen Zieseniß und Moss im Sitzungssaal des Scharnebecker Rathauses. Für den 89 Jahre alten Echemer und den drei Jahre jüngeren Scharnebecker ein besonderer Ort. Zieseniß hat hier von 1980 bis 1990 als hauptamtlicher Samtgemeindedirektor gearbeitet, Moss von 1986 bis 2002 im Rathaus Termine und Sitzungen als ehrenamtlicher Samtgemeindebürgermeister geleitet. Beide haben nicht nur an der Entstehung der Verwaltungsreform mitgearbeitet, sie haben nach der Gründung am 1. März 1974 auch Karriere in der Samtgemeinde gemacht. Und beide sind überzeugt: „Die Gründung war richtig.“

Doch der Zusammenschluss der Gemeinden war nicht freiwillig. Das Land Niedersachsen hatte eine kommunale Gebietsreform von oben verordnet, mitreden konnten die Vertreter vor Ort höchstens beim Zuschnitt der neuen Verwaltungseinheit. Nach der Kommunalwahl im September 1968 begannen die Verhandlungen, Gemeindevertreter setzten sich regelmäßig an einen Tisch fast alle mit einem Ziel. „Jede Gemeinde wollte ihren Status behalten, bestenfalls die eigene Rolle noch stärken“, sagt Moss.

Anfangs noch nicht dabei waren die Gemeinden Artlenburg, Brietlingen und Lüdershausen. „Die sollten zuerst mit den westlich abschließenden Elbmarschgemeinden Tespe und Marschacht eine Einheit bilden“, erinnert sich Zieseniß. Auch Boltersen sollte zunächst dem Bereich Barendorf/Neetze zugeordnet werden. Am Ende allerdings einigte man sich: Die neue Samtgemeinde bilden die Gemeinden Artlenburg, Barförde, Boltersen, Brietlingen, Echem, Hittbergen, Hohns-torf, Jürgenstorf, Lüdersburg, Lüdershausen, Rullstorf, Sassendorf und Scharnebeck. Mit Hauptsitz in Scharnebeck.

Doch mit einem Zusammenschluss allein war es nicht getan. „Gemeinden sollten mindestens 400 Einwohner haben“, sagt Zieseniß. Und das bedeutete für Barförde, Boltersen, Jürgenstorf, Lüdershausen und Sassendorf das Ende als eigenständige Gemeinde. Barförde wurde Teil der Gemeinde Hittbergen, Boltersen schloss sich mit Rullstorf zusammen, Jürgenstorf mit Lüdersburg, Sassendorf wurde in die Gemeinde Hohnstorf eingegliedert und Lüdershausen der Gemeinde Brietlingen zugeschlagen. Aus 13 wurden acht Gemeinden und aus den acht die Samtgemeinde Scharnebeck.

Am 1. März 1974 war die Reform dann perfekt: Insgesamt 13 Verwaltungsaufgaben gingen von den Mitgliedsgemeinden auf die Samtgemeinde über: von der Trägerschaft der allgemeinbildenden Schulen über die Abwasserbeseitigung und die Wasserversorgung bis zum Feuerschutz und der Aufstellung von Flächennutzungsplänen. Für Adolf Zieseniß, der das Geschäft als ehrenamtlicher Gemeindebürgermeister aus Echem kannte, der einzig richtige Schritt. „Die Verwaltung einer Gemeinde war allein und nach Feierabend einfach nicht mehr zu schaffen“, sagt er. „Dafür brauchte man jemanden, der sich hauptamtlich darum kümmert.“ Ab 1980 war er es als zweiter Samtgemeindedirektor in Scharnebeck.

Eine der Hauptaufgaben in den ersten Jahren der Samtgemeinde: der Ausbau einer flächendeckenden Kanalisation und Wasserversorgung. „Allein in die Kanalisation sind Millionen geflossen“, sagt Zieseniß. Ihm als Samtgemeindedirektor stand für alle repräsentativen Aufgaben der Samtgemeindebürgermeister zur Seite, ein Ehrenamt, das in den ersten zwölf Jahren Otto Hübner ausfüllte und 1986 Werner Moss übernahm. Heute kümmert sich Samtgemeindebürgermeister Laars Gerstenkorn hauptamtlich um beides er leitet die Verwaltung und repräsentiert die Samtgemeinde.

Gefeiert wird der 40. Geburtstag der Samtgemeinde Scharnebeck morgen Abend mit einem Galakonzert in Hohnstorf mit dem Polizeiorchester Hamburg und dem Sänger Ken Norris. Moss und Zieseniß werden ebenfalls dabei sein, auch wenn sie offen zugeben: „Wir dachten, die Samtgemeinde überlebt nicht lange.“ Beide waren 1974 überzeugt, aus der Samt- wird ganz schnell eine Einheitsgemeinde. Ob das der richtige Schritt wäre, darüber haben sie vor 40 Jahren diskutiert und darüber diskutieren sie noch heute gerne. Die alten und die neuen Verantwortlichen der Samtgemeinde Scharnebeck.