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Auf der Durchreise von Uelzen nach Lauenburg und weiter nach Lübeck passierte Peter Vöge mit seinem Frachtensegler Gertrud auch das Schiffshebewerk in Scharnebeck. 14 Jahre lang hat der Hamburger an dem Schiff gewerkelt, im ehemaligen Frachtraum eine Druckwerkstatt aufgebaut. Foto: schulze
Auf der Durchreise von Uelzen nach Lauenburg und weiter nach Lübeck passierte Peter Vöge mit seinem Frachtensegler Gertrud auch das Schiffshebewerk in Scharnebeck. 14 Jahre lang hat der Hamburger an dem Schiff gewerkelt, im ehemaligen Frachtraum eine Druckwerkstatt aufgebaut. Foto: schulze

Die schwimmende Druckwerkstatt

emi Scharnebeck. „Gertrud“ ist Peter Vöges große Liebe. Als der Hamburger die alte Dame vor 20 Jahren zum ersten Mal sah, wirkte sie schäbig, fast ein bisschen traurig. Sie lag in einem Seitenarm des Emder Hafens, verborgen unter Abfall und Schrott. Und doch konnte Peter Vöge erahnen, dass sie einmal stolz und stattlich gewesen sein musste: Ein prächtiges, 25 Meter langes Segelfrachtschiff, erbaut um 1910. Der Drucker beschloss, das Plattbodenschiff wieder herzurichten. Und in seinem Inneren Platz zu schaffen für seine zweite große Leidenschaft: eine Druck- und Buchbindewerkstatt.

Nachdem Peter Vöge das Schiff vom Müll befreit und 3000 Liter ölhaltiges Wasser entsorgt hatte, ließ er „Gertrud“ zu einer Werft in Oldersum schleppen. Dort bekam das Schiff ein neues Deckshaus und einen neuen Motor. 14 Jahre lang arbeitete Peter Vöge unermüdlich mit Freunden an dem Schiff, entrostete und lackierte den Rumpf, ließ alte Einbauten herausreißen und neue Teile schweißen. Heute ist der Hamburger 69 Jahre alt, im Ruhestand und auf Abenteuerreise mit der „Gertrud“. Auch mit an Bord: Freund Dietmar Koop. Auf ihrer Fahrt von Oldenburg bei Bremen über Uelzen bis nach Lübeck passierten die beiden das Schiffshebewerk in Scharnebeck.

Peter Vöge, dicker, grauer Strickpulli, durchdringende, blaue Augen, sonnengebräunte Haut, hat auf einer gepolsterten Eckbank unter Deck Platz genommen. Sonnenlicht fällt durch zwei große Dachluken auf helle Holzdielen. Hinter dem 69-Jährigen tut sich die Druckwerkstatt auf, ein Sammelsurium an alten Maschinen, gedruckten Bildern, Pinseln, Holzlettern und Farbe. Als er von seinem Lebenswerk spricht, werden Peter Vöges Gesichtszüge weich, seine Hände geraten in Bewegung. Peter Vöge sagt, er sei glücklich, und das sieht man.

Als der Hamburger 1984 im Rahmen seiner Werkstattarbeit mit Jugendlichen einen Segeltörn in Holland unternahm, packte ihn die Leidenschaft für das Segeln auf großen Frachtschiffen. Jahrelang suchte er nach einem vergleichbaren Boot. Dass er schließlich „Gertrud“ fand, bezeichnet Peter Vöge als „Glücksfall“. Doch sein Traum vom fahrtüchtigen Schiff drohte zwischenzeitlich zum Alptraum zu werden.

Neben seinem eigenen Lehrmittelverlag für Buchbinderei-Artikel hatte er eine weitere Baustelle am Hals, war völlig überlastet. Selbst treue Freunde versagten dem Projekt ihre Hilfe. „Alle haben mich für verrückt erklärt und gesagt, das schafft er nie. Doch ich habe mich nicht entmutigen lassen.“ Um das Jahr 2000 erhielt das Schiff einen neuen Mast und neue Seitenschwerter, wurde langsam wieder zurückverwandelt in seinen ursprünglichen Zustand als Frachtensegler.

Vor anderthalb Jahren hörte der Hamburger auch mit seinen Buchbinde-Kursen auf, um sich acht Stunden täglich seiner „Gertrud“ zu widmen. Seine alte Werkstatt hat er inzwischen genauso aufgelöst wie seinen Verlag und seine Wohnung. „Auch um mir selbst zu dokumentieren, ich will wirklich los. Ich bleibe nicht mit der Hälfte meiner Gedanken zurück.“ Das Schiff ist nun Peter Vöges Wohn- und Arbeitsplatz, seine neue Heimat.

Den Sommer über will er das majestätische Dahingleiten genießen. Im Winter wird er sich vermehrt seiner anderen großen Leidenschaft widmen: „Ich bin im ersten Leben Drucker und von daher ist die Liebe zum Bleisatz, zu den Holzlettern einfach geblieben. Hier kann ich meine eigenen Texte, Poesie, Plakate und kleine Bücher machen.“ Vielleicht zeigt der Hamburger dem ein oder anderen auch mal seine Werkstatt. Aber hauptsächlich will er allein sein zwischen Maschinen, Wind und Wellen. Mit seiner großen Liebe „Gertrud“.

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