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Michael (r.) und Martin Hagemann melken in einem Backsteinbau auf der Weide. Vor Jahrzehnten wurde das Gebäude extra dafür gebaut. Foto: t&w
Michael (r.) und Martin Hagemann melken in einem Backsteinbau auf der Weide. Vor Jahrzehnten wurde das Gebäude extra dafür gebaut. Foto: t&w

Alles im Grünen von Milch bis Melken

off Scharnebeck. Die Sommertage als Milchbauer beginnen für Michael Hagemann mit Autofahren. Jeden Morgen um kurz vor sechs setzt sich der 34-Jährige hinter das Steuer seines Geländewagens, dreht den Zündschlüssel um und lässt den Mitsubishi samt Viehanhänger langsam vom Hof rollen. Vorbei an den letzten Häusern von Scharnebeck, die Kreisstraße entlang über den Elbeseitenkanal geht es über einen holprigen Wirtschaftsweg immer weiter in die Einsamkeit. Sieben Minuten und 4,7 Kilometer, dann hat der Landwirt sein Ziel erreicht. Das Sommerquartier seiner 28 Milchkühe ein Ort wie aus der Zeit gefallen.

Eingebettet in Wald und Acker reiht sich Wiese an Wiese, am hinteren Ende leuchtet ein Schuppen aus rotem Backstein seit 1968 Hagemanns Sommermelkstand. Wie sein Großvater vor fast 50 Jahren lässt Michael Hagemann seine Kühe von Mai bis Oktober Tag und Nacht draußen, treibt sie nur morgens und abends zum Melken unter das Dach des Weidemelkstandes. Die Milch sammelt er in einem Aluminiumtank auf dem Viehanhänger und füllt sie zu Hause in den Kühltank, dort holt sie jeden Morgen um halb neun der Molkereiwagen ab. Der gleiche Ablauf seit fast fünf Jahrzehnten. Mit einem Unterschied: Was damals in der Milchviehhaltung alltäglich war, ist heute die absolute Ausnahme.

„Weidemelken ist für die meisten Milchviehbetriebe arbeitswirtschaftlich nicht mehr machbar“, sagt Michael Hagemann. Im Landkreis Lüneburg kennt er maximal eine Handvoll Kollegen, die noch, wie er, morgens und abends mit dem Alutank auf die Weide fahren. Die meisten Landwirte, die ihre Kühe ebenfalls auf die Wiese lassen, „haben den Stall in unmittelbarer Nähe“, sagt er. Alle anderen lassen ihre Kühe das ganze Jahr über im Stall. Weidemelken, ein Auslaufmodell? „Grundsätzlich sicherlich schon.“ Für Hagemanns nicht.

Dichte Wolken hängen über dem Grün, in der Ferne grummelt der erste Donner. Michael Hagemann steht im Melkschuppen, sein jüngerer Bruder Martin hat die ersten acht Kühe durch das große Tor getrieben. Barbara, Beate, Uschi, Sabrina, Anna, Ulrike, Britta, Diana…, den Brüdern genügt ein flüchtiger Blick, dann wissen sie, wen sie vor sich haben. Welche der Kühe von sich aus ihren Platz findet, und welche sie zweimal bitten müssen.

Als jede der acht Kühe ihren Platz in dem einfachen Holzstand gefunden und das Maul im frisch gefüllten Futtertrog versenkt hat, legen die beiden Landwirte einer nach der nächsten das Melkgeschirr an. Im Knien. Ein Knochenjob, jeden Morgen und jeden Abend. „Trotzdem mag ich es“, sagt Michael Hagemann, „die Kühe Tag und Nacht draußen, wir mitten in der Natur…“ Er lacht. „Ist doch wunderbar.“

Michael Hagemann führt den Familienbetrieb in vierter Generation. Und trotzt nicht nur mit seinen 28 Milchkühen dem Trend. Mit 70 Mastschweinen, 220 Mastrindern, Getreide-, Mais- und Kartoffelanbau hat er für den modernen Durchschnittsbauernhof mindestens zwei Standbeine zu viel. Spezialisieren, wachsen, immer moderner und effektiver werden Michael Hagemann hat sich für einen anderen Weg entschieden. Er erhält die Vielfalt, die auf dem Betrieb am Scharnebecker Ortsrand über Jahrzehnte gewachsen ist. Und er melkt weiter seine 28 Milchkühe. Im Winter im Stall. Von Mai bis Oktober auf der Weide.

Wie lange er die Weidehaltung noch so erhalten kann? Wie lange Knie und Rücken den Knochenjob noch mitmachen? Und wie lange er den zusätzlichen Zeitaufwand für das Weidemelken leisten kann? Michael Hagemann zuckt die Achseln. „Solange es eben geht.“ Eine Förderung oder mehr Milchgeld bekommt er nicht. Nur Anna, Beate, Uschi, Sabrina, Ulrike und seine anderen 23 Milchkühe danken es ihm und „sind im Sommer so gut wie nie krank“.

Landesprogramm
Fördern will auch Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer die Weidehaltung von Kühen. Im April hat der Grüne dafür ein extra Programm gestartet. Ob und wie Landwirte davon profitieren werden, ist noch unklar. Vorerst hat das Land nur Geld für eine Konzeptentwicklung bereitgestellt. 228 500 Euro erhält das Grünlandzentrum Niedersachsen/Bremen, weitere 47 000 Euro die Georg-August-Universität Göttingen. Mit Partnern aus Wissenschaft und Industrie sollen sie ein Weidemilch-Label erstellen und Vermarktungschancen erarbeiten.