Dienstag , 27. September 2016
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Weizenernte wie vor 60 Jahren. Peter Thiele lädt die Getreidegarben auf den Leiterwagen, die Rolf Twesten auf dem Anhänger richtig verstaut. Günther Angermann fährt seinen Bulli, einen Deutz-Trecker von 1950. Foto: phs
Weizenernte wie vor 60 Jahren. Peter Thiele lädt die Getreidegarben auf den Leiterwagen, die Rolf Twesten auf dem Anhänger richtig verstaut. Günther Angermann fährt seinen Bulli, einen Deutz-Trecker von 1950. Foto: phs

Zeitreise auf dem Weizenfeld – Mit Video

off Artlenburg. Rolf Twesten läuft Schweiß von der Stirn, die Sonne auf dem Weizenfeld brennt. Seit 15 Minuten kämpft der Vorsitzende des Artlenburger Mühlenvereins mit dem 60 Jahre alten Bindermäher, auch seinen Mitstreitern Peter Thiele und Günther Angermann steht die Anstrengung ins Gesicht geschrieben. Verbindungsstangen anheben, Beförderungsbänder einspannen, Bolzen befestigen was in der modernen Landwirtschaft ein Knopfdruck wäre, ist mit historischem Gerät ein Knochenjob. Nach 25 Minuten wischt sich Twesten noch einmal den Schweiß von der Stirn, klettert auf den Fahrersitz seines rostigen Deutz-Schleppers und gibt Gas. Die historische Weizenernte beginnt. Und mit ihr die Vorbereitung für das Artlenburger Mühlenfest am Sonntag, 5. Oktober.

„Der Weizen, den wir heute mähen, wird beim Mühlenfest mit historischen Maschinen zunächst gedroschen und dann gemahlen“, sagt Twesten. Genau so, wie er es noch selbst erlebt hat. „Als Zehnjähriger saß ich schon auf dem Trecker und habe mit meinem Vater Getreide gemäht.“ Es geht Rolf Twesten wie seinem Vereinskollegen Günther Angermann: Für beide ist der Ernteeinsatz weniger historisch, als vielmehr ein Stück Erinnerung an die eigene Kindheit und Jugend.

Der Motor des Deutz knattert, die Luft über dem Acker flirrt und flimmert. Während Twesten die Spur hält, sorgt Angermann auf dem Kontrollsitz des Bindermähers für die richtigen Einstellungen. Mit zwei langen Hebeln reguliert der 74 Jahre alte Avendorfer die Schnitthöhe, neben ihm spuckt die Landmaschine ein Bund Weizen nach dem nächsten aus, die sogenannten Garben. „Jeweils 20 Stück davon wurden früher zusammen als Hocken zum Trocknen aufs Stoppelfeld gestellt“, sagt Angermann. Auch das Handarbeit und ein Knochenjob.

Das Team des Mühlenvereins verzichtet an diesem Tag auf das Trocknen. „Morgen soll es regnen“, sagt Twesten, „deswegen fahren wir das Getreide lieber gleich rein.“ Auch das erledigen die Nostalgiker allerdings nicht irgendwie, sondern so wie es vor einem halben Jahrhundert üblich war: mit stilechten Forken und einem historischen Leiterwagen. Dieses Mal sitzt Günther Angermann am Steuer, fährt mit seinem „Bulli“, einem Deutz Baujahr 1950, langsam das Feld entlang. Peter Thiele lädt mit der Forke die Weizengarben auf. Und Rolf Twesten steht auf dem Wagen und ordnet die Getreidebündel.

„Bis Oktober werden die Garben bei uns in der Halle trocknen“, sagt Twesten. „Und beim Mühlenfest wird dann eine alte Dreschmaschine die Körner vom Rest der Pflanze trennen.“ Allesamt Arbeitsschritte, die Mähdrescher längst auf einmal erledigen. Eine Fahrt durchs Korn und das Getreide ist nicht nur gemäht, sondern gleichzeitig gedroschen. Eine Entwicklung, die Peter Thiele auf der einen Seite beeindruckt. Die ihn auf der anderen aber auch zum Nachdenken bringt.

„Früher konnte ein Landwirt mit vier bis fünf Hektar eine ganze Familie, Magd, Knecht und Altenteiler ernähren“, sagt der Artlenburger, „heute reichen dafür nicht mal 100 Hektar.“ Gerade Landwirtschaft habe sich in den vergangenen 60 Jahren so rasant entwickelt, dass ein 60 Jahre alter Mähbinder bereits wirkt, wie aus der Zeit gefallen. „Und gerade deshalb ist es so wichtig, diese historischen Maschinen und Arbeitstechniken für die Nachwelt zu erhalten“, sagt Thiele.