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Paula hat ihren eigenen Kopf und mag es nicht, wenn Margarethe Vetter an ihrem Halfter zerrt: Esel sind wie Mitarbeiter. Foto: t&w
Paula hat ihren eigenen Kopf und mag es nicht, wenn Margarethe Vetter an ihrem Halfter zerrt: Esel sind wie Mitarbeiter. Foto: t&w

Führungskräfte unter Eseln +++ Mit LZplay-Video

emi Boltersen. An den ersten beiden Hürden klappt es problemlos. Ohne zu murren steigt Paula über einen Baumstamm hinweg und läuft über eine Plastikfolie. Dann erspäht die Eseldame einen Apfel. Und bleibt stehen. „Na komm, weiter.“ Margarethe Vetter säuselt. Sie streichelt. Krault. Zerrt an der Leine. Paula bewegt sich keinen Zentimeter. Während Mensch und Tier minutenlang miteinander ringen, galoppiert Adele los. Ihre Leine fest in der Hand, versucht Ekkehard Dahlkötter stolpernd Schritt zu halten. Die Teilnehmer lachen.

Wer führt hier eigentlich wen? Die Frage drängt sich unweigerlich auf beim Führungskräfte-Coaching mit tierischer Unterstützung. „Esel sind für Führungskräfte wahnsinnig gut geeignet“, erklärt Seminarleiterin Gabriele Duchek. „Sie gelten als stur, dabei brauchen sie nur Sicherheit und wollen überzeugt werden das ist bei Mitarbeitern nicht anders.“

Jahrelang arbeitete die 52-Jährige als Business Coach in Hamburg. Doch irgendwann zog es die gebürtige Lüneburgerin zurück in ihre Heimat und aufs Land. Vor drei Jahren erfüllte sich Gabriele Duchek ihren Traum in Boltersen. Esel mochte die 52-Jährige schon immer. Als sie und ihre zwölf Jahre jüngere Schwester Andrea von Managern in Österreich hörten, die von Eseln lernten, war ihre Idee geboren.

Zwei Männer und zwei Frauen stehen in Gummistiefeln und Regenjacke auf der feuchten Eselwiese hinter dem Haus. Ein selbstständiger IT-Berater, der Inhaber eines Optikerladens, eine Yoga-Lehrerin, eine Selbstständige in der Erwachsenenbildung.

„Im wirklichen Leben bin ich auch Eselführer“, stellt sich Ekkehard Dahlkötter vor, und schiebt lachend hinterher: „Nein, ich führe Menschen.“ Der 52-jährige Inhaber eines Optikergeschäfts in Lüneburg leitet ein vierköpfiges Team und will herausfinden, wie er Mitarbeiter führen kann, die mal gut und mal nicht so gut drauf sind ganz wie Esel eben. „Vielleicht schmunzeln manche darüber, dass ich das mache, aber ich finde, das sollten mehr Führungskräfte aufgreifen.“

Nach der Übung analysiert Andrea Duchek: „Du hast eine ziemlich kurze Leine. Wie weit lässt du deine Mitarbeiter laufen? Als Adele die Karotten gefressen hat, hast du aufgegeben. Manchmal ist eine Richtungsänderung gut.“

Meist hapert es bei den Führungskräften an den selben Dingen, hat Gabriele Duchek beobachtet: „Sie merken nicht, was der Esel braucht: Streicheleinheiten, längere Leine, einfach mal aus dem Weg treten. Vielleicht wissen sie selbst nicht, wo sie lang wollen und dann kommt der Esel nicht hinterher.“ Das zweitägige Seminar soll die Führungskräfte einerseits schulen, wie sie mit welchem Mitarbeiter umgehen müssen, ihnen aber auch eigene Stärken vor Augen führen.

Margarethe Vetter aus Berlin hat lange Zeit in der pharmazeutischen Industrie gearbeitet, seit Kurzem ist sie Yoga-Lehrerin. Am Seminar nimmt die 39-Jährige teil, um mehr über sich selbst zu erfahren. Darüber, wie sie auf andere wirkt und wie sie reagiert, wenn sie an Grenzen stößt. Selbstbewusst führt Margarethe Vetter Paula auf das erste Hindernis zu. Alles geht gut. Bis die Eseldame den Apfel erspäht. Und die Teilnehmer sich vor Lachen kaum noch einkriegen können.

„Humor gehört dazu“, sagt Gabriele Duchek. „Das macht es oft einfacher.“ Das Schöne sei ja, dass alle Führungskräfte sich beim Esel-Coaching in Jeans und Regenjacke treffen. „So kommen sie heraus aus ihrer Rolle in Schlips und Kragen.“ Und dürfen sich einmal richtig zum Esel machen.