Dienstag , 27. September 2016
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Diese Jugendlichen der Scharnebecker Oberschule Am Schiffshebewerk kümmerten sich jetzt um das Mahnmal in Hittbergen (hockend, v.l.): Björn, Florian, Pascal und Adina. Stehend (v.l.): Jill, Alena, Thomas und Lena. Foto: kre
Diese Jugendlichen der Scharnebecker Oberschule Am Schiffshebewerk kümmerten sich jetzt um das Mahnmal in Hittbergen (hockend, v.l.): Björn, Florian, Pascal und Adina. Stehend (v.l.): Jill, Alena, Thomas und Lena. Foto: kre

Gegen das Vergessen

kre Scharnebeck/Hittbergen. Nicht einmal 1000 Einwohner zählt die Gemeinde Hittbergen. Ein kleiner, beschaulicher Ort, in dem die Welt noch in Ordnung ist. Und doch finden sich auch hier Zeugnisse dunkelster deutscher Geschichte: Im Schatten der Martin-Kirche, dem Wahrzeichen Hittbergens, steht ein Mahnmal, das an die Toten und Gefallenen beider Weltkriege erinnert. Keine 200 Meter entfernt am Rande des Friedhofes steht ein zweiter Gedenkstein. Er erinnert an die KZ-Häftlinge, die im April 1945 von einem SS-Erschießungskommando hingerichtet wurden. Zunächst in einem Massengrab ,,Am Buscheberg“ verscharrt, wurden die Toten später in Holzsärgen auf dem Friedhof Hittbergen beigesetzt.

Heute 69 Jahre später stehen Lena, Florian, Jill und fünf weitere Schüler der Scharnebecker Oberschule am Schiffshebewerk an der Gedenkstätte. Mit Gartengeräten jäten sie Unkraut, kehren Laub, machen die Grabanlage winterfest. Es ist ein neblig grauer Novembermorgen, den sich die Klasse H10a für ihren Aktionstag ausgesucht hat. Mit ihrem Einsatz an der Gedenkstätte führen die Schüler eine Tradition fort, die vor 29 Jahren vom damaligen Leiter der Hauptschule Am Schiffshebewerk und dem ehemaligen Samtgemeindedirektor Scharnebecks eingeleitet wurde. Seit 1985 übernehmen Scharnebecker Schüler die Pflege der Gräber in Hittbergen.

Dieser Einsatz ist zugleich auch eine Vorbereitung auf die Klassenfahrt ins belgische Lommel in Flandern in wenigen Tagen. Dort befindet sich unter anderem der größte deutsche Soldatenfriedhof des Zweiten Weltkriegs im westeuropäischen Ausland: Auf einer Fläche von 16 Hektar sind hier 542 Gefallene aus dem Ersten und 38560 Gefallene aus dem Zweiten Weltkrieg beigesetzt.

Die Oberschule am Schiffshebewerk fährt jedes Jahr mit einer Abschlussklasse in die Jugendbegegnungsstätte des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Geschichte wird lebendig, denn die Schüler werden während ihres Aufenthaltes in Lommel auch Einzelschicksalen von gefallenen Soldaten nachgehen. ,,Außerdem werden unsere Schüler in den nächsten Tagen und Wochen mit der Sammelbüchse durch Scharnebeck ziehen, um für den Volksbund zu sammeln“, berichtet Geschichtslehrerin Margrit Wartemann, die an diesem Morgen den Arbeitseinsatz der Jugendlichen an der Hittbergener Gedenkstätte betreut.

Dass sich die Scharnebecker Schüler seit Jahren intensiv mit der deutschen Geschichte beschäftigen, geht nicht zuletzt zurück auf das Engagement des ehemaligen Schulleiters der Hauptschule am Schiffshebewerk, Hermann Daerner: Er hatte herausgefunden, dass nicht 46, sondern 45 KZ-Häftlinge in Hittbergen begraben liegen, vermutlich politische Gefangene im Alter zwischen 30 und 50 Jahren, die in einem Rüstungsbetrieb im Harz eingesetzt waren und 1945 vermutlich Richtung Hamburg verlegt werden sollten.

Am Lüneburger Bahnhof aber wurde der Gefangenentransport bombardiert, die Überlebenden mussten zu Fuß weiter. „Zwischen dem 12. und dem 15. April“, so hat Daerner herausgefunden, seien etwa 100 KZ-Häftlinge mit Bewachern aus Richtung Echem gekommen und hätten an der Straßenkreuzung Echem-Bullendorf-Hohnstorf gelagert. Die Schwächeren seien zurückgelassen und später zum Wäldchen am ,,Buscheberg“ geführt worden, um Schützengräben auszuheben. Dort seien sie vermutlich auch von SS-Leuten ermordet worden. Ihre Leichen wurden zunächst verscharrt, im Oktober 1945 aber umgebettet auf den Friedhof in Hittbergen. Hier erinnert jetzt das Mahnmal an die Männer. Und die Schüler der Scharnebecker Schule sorgen mit ihrem Arbeitseinsatz dafür, dass die Erinnerung an sie nicht verloren geht.

Die Oberschule bietet auch in diesem Jahr an, Kränze für Angehörige nach Lommel mitzunehmen. Die Kränze müssen bis Ende November im Sekretariat der Oberschule in Scharnebeck abgegeben werden.