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Christian Krohn (l.), Vorsitzender des Vereins für Heimatkunde im Raum Scharnebeck, und Ausstellungsleiter Anton Bröring am Scheiterhaufen, der zeigt, wie eine Leichenverbrennung vor 2000 Jahren ausgesehen haben könnte. Foto: t&w
Christian Krohn (l.), Vorsitzender des Vereins für Heimatkunde im Raum Scharnebeck, und Ausstellungsleiter Anton Bröring am Scheiterhaufen, der zeigt, wie eine Leichenverbrennung vor 2000 Jahren ausgesehen haben könnte. Foto: t&w

Archäologen haben viel Geduld

pet Scharnebeck. Vor fast 2000 Jahren hat der Mann in der Region gelebt. Etwa 175 Zentimeter groß muss der Germane gewesen sein, er litt unter schwerer Arthrose, war lange bettlägerig. Im Alter von 60 bis 70 Jahren ist er gestorben. Sein Leichnam wurde, wie es üblich war, verbrannt, in einem Bronzegefäß wurde er in der heutigen Gemarkung Sasendorf nahe Bad Bevensen bestattet. Die gut erhaltene Urne und ihr Inhalt stehen im Mittelpunkt der archäologischen Sonderausstellung, die am Sonnabend, 12. September, 16 Uhr, in der Galerie Kulturboden in Scharnebeck (Bardowicker Straße 2) eröffnet wird — Titel der Ausstellung: „Alles im Eimer“.

Ein germanisches Gräberfeld aus der Zeit des 1. und 2. Jahrhunderts n. Chr. wurde 2002 entdeckt, als ein Chemiekonzern eine Pipeline durch einen Acker bei Sasendorf trieb. Silber- und Bronzefibeln wurden gefunden, Haarnadeln, Urnenstücke und Schmuck. Vier Jahre nach der Entdeckung des Gräberfelds schlug die Sonde von Heinz-Dieter Freese, Mitglied im Freundeskreis für Archäologie in Niedersachsen (FAN), besonders deutlich an — Hinweis auf einen umfangreicheren Fund in größerer Tiefe.

Mitglieder des FAN und des Vereins für Heimatkunde im Raum Scharnebeck gruben das Bronzegefäß, einen „Import“ aus dem römischen Reich, dann unter fachlicher Leitung von Dr. Wilhelm Gebers vom Landesamt für Denkmalpflege aus. Aber die Bergung aus 90 Zentimetern Tiefe war nicht so einfach: Um den Eimer, an dem Tuchreste erkennbar waren, nicht zu gefährden, wurde um ihn herum ein Erdblock herausgearbeitet, zur Transportsicherung wurde der Block mit Gipsbinden stabilisiert.

Es dauerte noch einmal sechs Jahre, bis der Bronzeeimer freigelegt wurde — weil das personell schwach aufgestellte Landesamt für Denkmalpflege dazu nicht in der Lage war, fanden die Arbeiten schließlich unter Regie des FAN statt, wenn auch in den Räumen des Landesamts. Gefunden wurden Grabbeigaben aus Eisen wie ein Messer, Fibeln, dazu verbrannte Knochenreste des Verstorbenen, die interessante Aufschlüsse über ihn bescherten (Text rechts) und — eine Sensation unter Archäologen — Tuchreste.

Die Funde von Sasendorf und die Geschichte der Ausgrabung werden in Scharnebeck ausführlich beschrieben. Ein im Zentrum des Ausstellungsraums errichteter Scheiterhaufen mit „Leiche“, einer Puppe, soll zeigen, wie es bei der Verbrennung eines Leichnams vor 2000 Jahren zugegangen sein könnte. Ein Film über eine Leichenverbrennung in Nepal ergänzt die Ausstellung.

Die Ausstellung ist bis Sonntag, 11. Oktober, geöffnet. Die Öffnungszeiten: dienstags bis freitags, 10 bis 12 und 14 bis 16 Uhr, sonnabends und sonntags, 10 bis 12 und 14 bis 18 Uhr. Nach Vereinbarung unter Tel. 04136/7141 (Christian Krohn). Die Ausstellung ist dank eines Fahrstuhls auch für Gehbehinderte zu erreichen.

Wissenschaftler kombinieren messerscharf

Nur wenige verbrannte Knochenreste, auch Reste von Zähnen, wurden in der bei Sasendorf freigelegten Bronzeurne gefunden riesig groß sind aber die Erkenntnisse, die Archäologen mit modernster Technik daraus ziehen können.

1,64 bis 1,83 Meter groß soll der Mann gewesen sein, der vor knapp 2000 Jahren bei Sasendorf bestattet wurde — die Körpergröße bestimmten Wissenschaftler aus „dem dorsoventralen Durchmesser des vollständig durchbrannten, linken Radiusköpfchens“, eines Knochens am Ellbogen.

Darauf, dass der Germane in den letzten Jahren seines Lebens unbeweglich war, schließlich bettlägerig wurde, weisen Verformungen des Knochengewebes hin. Parodontose bescheinigen die Wissenschaftler dem Leichnam von Sasendorf, schließen das daraus, dass „die Ränder der meisten erhaltenen Zahnfächer ausgezackt und porös“ sind.

Auch unter einer schmerzhaften chronischen Kieferhöhlenentzündung litt der in dem Bronzegefäß bestattete Mann. „In der rechten Kieferhöhle sind auf dem Boden sowie der Seite Reste einer unregelmäßig plattenartigen, schwach in den Rändern integrierten Auflagerung erkennbar“.pet