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Schiffer sitzen auf glühenden Kohlen

emi Scharnebeck. Donnerstag, 19 Uhr, Schiffshebewerk Scharnebeck. Mehrere Schiffe liegen in Zweier- und Dreierreihen festgezurrt im Elbe-Seitenkanal. Nichts geht mehr am Hebewerk. Während die Urlauber Maria und Fritz Schmidt mit Josef Hoffmann auf ihrer Yacht im Oberhafen bei Rotwein und selbstgemachtem Kartoffelsalat miteinander scherzen, sitzen an Deck eines Frachters im Unterhafen drei Männer mit grimmigen Mienen zusammen: Schiffsführer David Tangermann und die Steuerleute Ilja Reiche und Erik Wilke stecken seit Mittwochvormittag in Scharnebeck fest – und finden das Ganze gar nicht lustig.

„Jeder Tag, an dem wir hier nicht wegkommen, kostet 1500 Euro“, sagt Tangermann. „Drei Mann können nicht arbeiten, aber die Gehälter müssen trotzdem bezahlt werden.“ Die drei Angestellten einer Reederei haben auf ihrem 100 Meter langen Binnenschiff 1900 Tonnen Kohle geladen. Die wollen sie von Hamburg aus zum Kohlekraftwerk in Mehrum bei Hannover transportieren. Am Hebewerk endete vorerst ihre Reise: Ein Zusammenspiel aus dem Streik der Angestellten im Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) Uelzen sowie technischen Defekten legte in Scharnebeck den Betrieb lahm.

Auch Maria und Fritz Schmidt blieben mit ihrem Boot im Stau stecken – mehrmals. Aufgebrochen waren die Urlauber vor rund zwei Wochen in Saarbrücken. Ziel: Ueckermünde am Stettiner Haff. Doch an der Schleuse in Duisburg wurden sie zum ersten Mal gestoppt. „Wir haben uns also ein Auto gemietet und sind zurück nach Hause gefahren, damit der Urlaub nicht verfällt“, berichtet Fritz Schmidt. „Letzte Woche sind wir mit dem Mietauto wieder nach Duisburg gefahren.“ Ein teures Vergnügen. Und dann noch der Stau in Scharnebeck. „Da haben wir uns elend gefühlt“, sagt Ehefrau Maria. „Aber wir nehmen es jetzt, wie’s kommt. Gestern haben wir einen Ausflug nach Lüneburg gemacht.“

So locker sehen es die Männer um David Tangermann nicht. „Für uns sind solche Ausfälle langfristig existenzbedrohend. Sechs Schiffe unserer Reederei liegen hier. Aber die selbstständigen Binnenschiffer trifft es noch härter.“ Den Streik der Beschäftigten der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) können sie nur bedingt verstehen: „Die bangen um ihre Arbeitsplätze, aber an uns wird es ausgelassen.“

Unterdessen wurde der Streik ausgesetzt. Die Wasserstraßen in Niedersachsen und Bremen sind seit gestern wieder befahrbar. Auch in Scharnebeck gibt es Entwarnung: Der zuletzt defekte Osttrog des Hebewerks ist wieder in Betrieb. Damit stehen beide Tröge zur Verfügung, der Stau soll sich im Laufe des Wochenendes auflösen. Regina Stein von ver.di: „Die Bundesregierung hat jetzt noch einmal Zeit, den Konflikt zu beenden. Kommt es zu keinen konkreten Vereinbarungen, werden die Streikaktionen fortgesetzt.“ Ver.di verlangt eine tarifvertragliche Absicherung der Beschäftigten beim geplanten Umbau der WSV.