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Gemeinsam gegen Fachkräftemangel

ben Lüneburg. Deutschland hinkt bei der Zuwanderung hochqualifizierter Fachkräfte hinterher, so das Ergebnis einer aktuellen Studie der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Gleichzeitig scheint die Not groß: Zunehmend klagen Unternehmen über Fachkräftemangel. Was Lüneburger Firmen tun können, erklärt Sönke Feldhusen, Leiter Unternehmensführung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Lüneburg-Wolfsburg.

Allseits wird der Fachkräftemangel beklagt, wie dramatisch ist die Situation wirklich?

Sönke Feldhusen: Auf jeden Fall angespannt. Wir haben im Oktober Unternehmen befragt: Für 34 Prozent wird der Fachkräftemangel ein Problem für die Entwicklung in den nächsten Jahren sein. Im Bereich der Industrie konnten 32 Prozent eine Stelle nicht innerhalb von drei Monaten besetzen, bei den Dienstleistern sind es sogar 51 Prozent.

Welche Mitarbeiter fehlen den Unternehmen?

Feldhusen: Vor allem gibt es Probleme bei den technischen Berufen: Es fehlen Ingenieure, IT-Fachkräfte aber auch Techniker und Industriemeister. Einen massiven Mangel haben wir in Lüneburg im Gesundheits- und Pflegebereich.

Trotzdem kommen einer Studie von OECD und DIHK zufolge knapp die Hälfte der Unternehmen nicht auf die Idee, Fachkräfte im Ausland zu suchen. Rund ein Drittel der Befragten hat das Verfahren als zu kompliziert eingestuft. Trifft das zu?

Feldhusen: Teilweise ja. Wir haben zwar ganz gute Rahmenbedingungen bei den hochqualifizierten Fachkräften, also für Akademiker, für die im letzten Jahr die Bluecard eingeführt wurde. Aber beispielsweise nicht für Industriefachkräfte, die nicht aus dem EU-Raum kommen. Hier prüft die Arbeitsagentur erst, ob es möglich ist, die Stelle mit einer Fachkraft aus Deutschland oder dem EU-Ausland zu besetzen.

Wenn das nicht möglich ist, wie kommen Unternehmen an eine ausländische Fachkraft?

Feldhusen: Es gibt mehrere Wege. Man kann eine Stelle selbst international ausschreiben über die ZAV, das ist eine zentrale Auslands- und Fachvermittlungsstelle der Bundesagentur für Arbeit. In Spanien können Unternehmen auch eine Anfrage an die deutsch-spanische Auslandshandelskammer (AHK) stellen, die dann gegen Entgeld aktiv auf die Suche geht. Je nachdem, was das deutsche Partnerunternehmen will, werden Vorstellungsgespräche in Spanien geführt oder Rekrutierungsevents veranstaltet. Das sind Beispiele für übliche Möglichkeiten.

Gibt es denn auch unübliche?

Feldhusen: Noch nicht. Aber wenn der Bedarf da wäre, würden wir für den Großraum Lüneburg zusammen mit der Arbeitsagentur eine Unternehmenskooperation organisieren, um gezielt für den Raum Lüneburg in ausgewählten Ländern zu rekrutieren. Das bedeutet Unternehmen, die einen ähnlichen Fachkräftebedarf haben, tun sich zusammen.

Welche Vorteile hätte das für die Unternehmen?

Feldhusen: Durch die Bündelung wird die Suche bezogen auf die einzelne Fachkraft günstiger und die Fachkraft wäre nicht alleine hier. Denn es ist eine ganz schöne Herausforderung, zum Beispiel als junger Spanier für einen Job hierher zu kommen und möglicherweise in einem mittelständischen Unternehmen der einzige spanische Beschäftigte zu sein. Wenn allerdings zehn Spanier kommen, die man untereinander vernetzt und im Sinne einer Willkommenskultur gezielt unterstützt, dann ist es deutlich wahrscheinlicher, dass sie auch hier bleiben.

Im Ausland wird Deutschland als schwer zu durchdringender Arbeitsmarkt wahrgenommen. Was muss passieren, damit sich das ändert?

Feldhusen: Es wäre wichtig, ein Punktesystem einzuführen, wie in Australien oder Kanada, wo eine ausländische Fachkraft eine bestimmte Anzahl an Punkten braucht, um ein Zuwanderungsrecht zu erhalten. Die Punkte, die der Arbeitnehmer für seine Qualifikation erhält, können jährlich verändert werden und richten sich nach dem Bedarf. So kann im Zweifelsfall ein Bäcker für seine Qualifikation mehr Punkte bekommen als ein promovierter Chemiker. Das Punktesystem ist fair, flexibel und signalisiert auch nach außen: Das ist ein Einwanderungsland, Fachkräfte sind willkommen. Darüber hinaus müssen wir an unserem Marketing und der Willkommenskultur arbeiten, damit sich bei jungen Leuten die Sichtweise durchsetzt, dass es cool ist, in Deutschland zu arbeiten.

Wie könnte Lüneburg bei ausländischen Fachkräften punkten?

Feldhusen: Wichtig wäre eine zentrale Anlaufstelle für Neubürger, das betrifft nicht nur ausländische Fachkräfte, sondern auch solche, die aus Deutschland herziehen. Diese zentrale Stelle müsste darüber informieren, welche Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen es gibt, bei der Wohnungssuche helfen und über Freizeiteinrichtungen informieren, sich auch um die Partner der Fachkräfte kümmern.

Unter welchem Dach könnte diese Anlaufstelle angesiedelt sein?

Feldhusen: Stadt und Landkreis könnten dabei mit Unternehmen kooperieren, gemeinsam ein Willkommenspaket kreieren mit Informationen und Begrüßungsangeboten wie vergünstigen Eintrittskarten oder einem subventionierten Busticket. Sinnvoll wäre, wenn mehrere Landkreise dabei kooperieren. Die Region Lüneburger Heide hat bessere Chancen, überregional wahrgenommen zu werden als eine einzelne Stadt. Sinnvoll sein kann auch ein Personalpool für zweit- oder drittplatzierte Bewerber, die in die Region wollen. Hier könnten auch Partner von gerade eingestellten Fachkräften aufgenommen werden, die so ebenfalls die Chance haben, in der Region einen Job zu finden.

Woran scheitert die Idee des gemeinsamen Bewerberpools?

Feldhusen: Bisher am mangelnden Interesse der Unternehmen. Es gibt zwar einige, die Interesse bekundet haben, aber noch sind es nicht genug. Da müssten viele mitmachen, um gemeinsam erfolgreich zu sein. Das bedeutet zwar auch Kosten, aber wir wären sogar bereit, die Anschubfinanzierung zu übernehmen.

Glauben Sie, die Not ist noch nicht groß genug?

Feldhusen: Ich glaube, dass viele Unternehmen bisher nur an herkömmliche Bewerbungsverfahren denken. Sie müssen sich gedanklich erst daran gewöhnen, gemeinsam auf Fachkräftesuche zu gehen. Denn das würde auch bedeuten, dass ein anderes Unternehmen den Vorteil hat, den Zweit- oder Drittplatzierten, den man selbst eben nicht eingestellt hat, als Fachkraft zu bekommen. Das setzt Kooperationsbereitschaft voraus, die aber wichtig ist für Mittelständler, um annähernd Waffengleichheit mit Großunternehmen zu erlangen.

Noch sind das alles nur Ideen, wie lange wird es dauern, bis die Realität werden?

Feldhusen: Den gemeinsamen Bewerberpool könnte man bei ausreichend großem Interesse und Kooperationsbereitschaft kurzfristig realisieren. Eine Willkommenkultur zu etablieren, mit der man aktiv und erfolgreich nach Fachkräften im Ausland suchen kann, wird sicher noch mindestens fünf Jahre dauern. Deshalb wäre es gut, jetzt zu starten, da sich in absehbarer Zeit der Fachkräftemangel verschärfen wird.