Donnerstag , 29. September 2016
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Joghurtbecher verbannt Mordslärm

rast Lüneburg. Mit der Joghurt-Produktion startete Lünebest Anfang der 1950er-Jahre. „Da wurde alles noch per Hand gemacht. Mit Handfüllmaschinen wurden die Gläser mit dem Joghurt gefüllt. Die Gläser wurden dann in Drahtkörbe gepackt und verladen – das war ein Mordslärm.“ Und alles andere als erfreulich für die Nachbarn am Lüner Weg, denn es schepperte und klirrte auch nachts. Die Szenerie kennt Gerhard Dous, der für Nestlé das Lünebest-Werk von Januar 1985 bis August 1999 leitete, aus Erzählungen des Ex-Chefs Hans Stamer. Einige Medien feiern aktuell die Berliner Meierei-Zentrale, die vor 50 Jahren den Joghurtverkauf in Bechern einführte und an der Entwicklung der neuen, eckigen, weißen und damals noch ohne Werbung bedruckten Becher beteiligt war. Lünebest allerdings füllte seinen Joghurt schon ein Jahr zuvor – 1962 – in Kunststoffbecher ab. Der Joghurtbecher kommt also aus Lüneburg.

1893 wurde das Unternehmen als Genossenschaft am Lüner Weg gegründet. 1915 stieg der aus Bleckede stammende Ludolf Stamer in den Betrieb ein, 1920 kaufte er ihn. 1932 übernahm Hans Stamer den Betrieb von seinem Vater, schon bald firmierte das Unternehmen unter dem Namen Lünebest Molkerei Lüneburg Hans Stamer KG. In den 60er-Jahren machte Stamer mit „Lünebest Spezialjoghurt“ Werbung. Später führte Glücksklee Regie im Betrieb. 1985 übernahm Nestlé die Firma, Hochwald griff dann vor knapp zehn Jahren zu. Allein 2012 haben laut Kathrin Lorenz vom Bereich Unternehmenskommunikation bei Hochwald 200 Millionen Joghurtbecher das Lüneburger Werk verlassen.

Der heute 78 Jahre alte Gerhard Dous lernte Hans Stamer zwei, drei Jahre nach Bechereinführung kennen, er selbst war damals für die Einzelhandelsgruppe Coop tätig: „Er kam zu uns nach Hamburg, stellte uns das Produkt vor, wir sollten es in unseren Vertrieb aufnehmen. Er war der Erste, der den Joghurt in Bechern als echte Marke präsentierte.“ Der stichfeste Joghurt, im Becher gereift und mit Frucht am Boden – das schmeckte den Kunden. Für den Erfolg nennt Dous drei Komponenten: „Es waren die schnellen Entwicklungen im Kunststoffbereich – was früher mit Aluminumkappen versehen war, erhielt nun einen siegelfähigen Aufdruck -, in der Fruchtindustrie und in der Maschinenindustrie.“

Ein Vorteil des Bechers gegenüber dem Glas war das Gewicht. Der Joghurt in der leichteren Verpackung lässt sich bequem mit zur Arbeit oder zur Schule nehmen. Und viele leere Becher verschwanden dann nicht im Müll, in Kindergärten etwa waren sie eine Zeitlang ein beliebtes Bastelutensil. Doch Ende der 70er- und in den 80-er-Jahren erlebte das Glas eine Renaissance. Gerhard Dous erinnert sich: „Es war die Zeit der großen Umweltdiskussionen“, die Konsumenten hätten Verpackungen gefordert, die mehrfach verwendet werden können: „So haben die drei großen Hersteller Nestlé, Südmilch und Ehrmann rund 110 Millionen Gläser Joghurt jährlich produziert, alleine Lünebest stellte 45 Millionen kleine Gläser im Jahr her.“ Doch der Glas-Markt sei schnell wieder rückläufig gewesen – und das sei er heute noch.

Kritiker sehen die Plastik-Verpackung als Problem. Laut Umweltbundesamtes in Dessau stieg in Deutschland die Menge an Kunststoffabfällen allein von 2009 bis 2011 um 10,5 Prozent auf 5,45 Millionen Tonnen. Zahlen zum Anteil der Joghurtbecher daran liegen aber nicht vor. Von der genannten Menge seien 99 Prozent der Abfälle verwertet worden. Die umstrittene Verpackung sei nur „eingeschränkt recyclingfähig“, sagt Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe. Ohnehin seien Plastikjoghurtbecher ein Einwegprodukt. „Mehrwegbecher aus Glas sind deutlich unterrepräsentiert.“ Allerdings: Im vergangenen Jahr habe es 3,5 Prozent mehr Joghurt und Milch in Glasbehältern gegeben. Eine Renaissance des Glases sei aber nicht festzustellen.

Und worin mag Gerhard Dous den Joghurt am liebsten? Er zögert nicht: „Die Vorteile des Glases sind sein gasdichter Abschluss und der sehr gute Joghurt-Geschmack.“