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Rettungskräfte und Polizei vor der Metrostation Maelbeek in Brüssel. Foto: Olivier Hoslet
Rettungskräfte und Polizei vor der Metrostation Maelbeek in Brüssel. Foto: Olivier Hoslet

Terror in Brüssel: Mehr als 30 Tote und über 180 Verletzte

dpa Brüssel. Terror im Herzen Europas: In Brüssel sind bei Explosionen am Flughafen und in der U-Bahn Dutzende Opfer getötet worden. Nach belgischen Medienberichten starben insgesamt mindestens 34 Menschen, davon 14 am Airport und 20 an der Metrostation Maelbeek mitten im EU-Viertel.

Es soll mindestens 187 Verletzte gegeben haben. Allein in der U-Bahn seien 106 Menschen verletzt worden, sagte Brüssels Bürgermeister Yvan Mayeur.

Der belgische Premierminister Charles Michel sprach von «blinden, gewalttätigen und feigen Anschlägen». Ob es sich bei den Terroristen um Unterstützer des erst am Freitag festgenommenen Hauptverdächtigen der Pariser Anschläge vom November 2015, Salah Abdeslam, handelte, war zunächst unklar.

Michel sagte, die Sicherheitskräfte wappneten sich gegen weitere Bluttaten. Auch in vielen anderen europäischen Städten ging die Terrorangst um: Schwer bewaffnete Sicherheitskräfte patroullierten an Flughäfen und an anderen Verkehrsknotenpunkten.

Am Brüsseler Flughafen habe sich wahrscheinlich ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt, sagte Staatsanwalt Frédéric Van Leeuw. Die Terrorwarnung in Belgien wurde auf die höchste Stufe angehoben.

Spaniens Außenminister José Manuel García-Margallo machte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) für die Explosionen verantwortlich. Die belgische Regierung äußerte sich bisher nicht dazu.
Der mutmaßliche Topterrorist Abdeslam war bei einem Polizei-Großeinsatz in der als Islamistenhochburg bekannten Brüsseler Gemeinde Molenbeek festgenommen worden. Bei den Anschlägen am 13. November 2015 in Paris gab es 130 Todesopfer.

Seit Abdeslams Festnahme suchte Belgien noch mutmaßliche Komplizen. In belgischen Medien wird nun über die möglichen Täter und Drahtzieher der Anschläge vom Dienstag spekuliert. Immer wieder taucht vor allem der Name Najim Laachraoui auf. Er war erst vor kurzem identifiziert und zur Fahndung ausgeschrieben worden.

Am Dienstag gab es in Brüssel erneut mehrere Razzien. Ermittler seien auf der Suche nach Verdächtigen, die mit den Attentaten zu tun haben könnten, berichtete der Sender RTBF mit Hinweis auf Justizquellen.

Das Auswärtige Amt in Berlin richtete einen Krisenstab ein. Unklar war am Dienstag zunächst, ob auch Deutsche unter den Opfern sind. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hatte darüber zunächst keine Informationen. «Wir wissen nicht einmal, ob die Lage abgeschlossen ist», sagte er in Berlin. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) wollte um 17.00 Uhr in Berlin eine Erklärung abgeben.
Nach Angaben von Augenzeugen ereigneten sich am Dienstagmorgen gegen 8.00 Uhr zunächst am Flughafen kurz nacheinander zwei Explosionen. Zeugen wollen zuvor Schüsse gehört haben. Der Nachrichtenagentur Belga zufolge wurden am Flughafen Waffen gefunden. Belga verwies auf eine gut informierte Quelle, eine offizielle Bestätigung gebe es aber nicht. Eine Person habe etwas auf Arabisch gerufen, hatten mehrere Menschen der belgischen Nachrichtenagentur berichtet.

Gegen 9.00 Uhr kam es an der Metrostation Maelbeek mitten im EU-Viertel von Brüssel zu einer Detonation – von hier aus sind es nur wenige Minuten zu Fuß zu wichtigen EU-Gebäuden, etwa zum Sitz der Europäischen Kommission. Die Explosion wurde in einer gerade eingefahrenen U-Bahn ausgelöst. Bilder vom Tatort zeigten einen völlig zerstörten Metro-Wagen.

Später kam es laut Belga zu einer weiteren Explosion in der Nähe der U-Bahnstation Maelbeek. Dabei handelte es sich aber wohl um eine kontrollierte Sprengung durch Experten, wie der Rundfunk RTBF unter Berufung auf Polizeikreise berichtete.

Der Airport Brüssel-Zaventem wurde geschlossen. Flüge wurden umgeleitet, etwa nach Frankfurt und Düsseldorf. Zudem wurden alle Metro-Stationen und sämtliche Bahnhöfe in Brüssel gesperrt. Die Bahngesellschaft SNCB rief Reisende auf, die belgische Hauptstadt bis auf weiteres nicht anzufahren. Die Deutsche Bahn stellte den Zugverkehr zwischen Aachen und Brüssel ein.
Auch der Schutz der belgischen Atomkraftwerke wurde verstärkt. Polizei sei vor Ort, ebenso Militär, hieß es vom Betreiber Engie.

Die Behörden im Nachbarland Frankreich erhöhten die Polizeipräsenz an den Grenzen sowie in Bahnhöfen und Flughäfen. Innenminister Bernard Cazeneuve schickte dafür am Dienstag 1600 zusätzliche Polizisten und Gendarmen in den Einsatz, wie er nach einem Krisentreffen bei Präsident François Hollande in Paris ankündigte. Hollande versprach Belgien seine Solidarität: «Frankreich und Belgien sind durch das Grauen verbunden, das wir ein weiteres Mal teilen.»

In Deutschland verstärkte die Bundespolizei ihre Kontrollen, etwa am Flughafen Frankfurt. Bundespräsident Joachim Gauck verurteilte die Anschläge als «schreckliches Verbrechen». «Deutschland steht angesichts dieser terroristischen Gewaltakte an der Seite Belgiens», schrieb er an König Philippe.

Auf Bildern vom Brüsseler Flughafen waren blutverschmierte Menschen mit zerrissener Kleidung zu sehen. In einer der Flughafenhallen stürzte offensichtlich durch die Wucht der Explosionen die Deckenverkleidung herab. Eine riesige Glasfront wurde zerstört.

Vor knapp zwei Jahren hat es in Brüssel den bis dahin letzten Anschlag gegeben: Der Islamist Mehdi Nemmouche erschoss im Mai 2014 bei einem Anschlag auf das Jüdische Museum vier Menschen. Der Täter ist Franzose und wurde später in Frankreich verhaftet und nach Belgien ausgeliefert.

Hintergrund

Flughäfen geraten immer wieder ins Visier von Terroristen. Einige Fälle:
März 2016 – Bei der Explosion einer Laptop-Bombe auf einem Flughafen im Krisenstaat Somalia werden mindestens sechs Menschen verletzt. Der Sprengsatz explodiert an einem Kontrollpunkt im Flughafen der Stadt Beledweyne.

Dezember 2015 – Militante Kurden greifen einen Istanbuler Flughafen mit Mörsergranaten an. Eine Reinigungskraft kommt ums Leben, mehrere Flugzeuge werden beschädigt.

Juli 2014 – Ein libanesischer Selbstmordattentäter sprengt sich in einem mit israelischen Touristen besetzen Reisebus am Flughafen von Burgas an der bulgarischen Schwarzmeerküste in die Luft. Sieben Menschen sterben, mehr als 30 werden verletzt.

Juni 2014 – Taliban-Kämpfer greifen als Polizisten getarnt einen Flughafen in Karachi (Pakistan) an. Bei stundenlangen Gefechten werden die zehn Angreifer und Dutzende weitere Menschen getötet.

März 2011 – Ein Kosovo-Albaner erschießt am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten und verletzt zwei weitere schwer. 2012 wird er zu lebenslanger Haft verurteilt.

Januar 2011 – Bei einem Selbstmordanschlag auf dem Moskauer Flughafen Domodedowo sterben mindestens 37 Menschen. Die Ermittler machen Islamisten aus dem Nordkaukasus verantwortlich.

Juni 2007 – Brandanschlag auf den Flughafen Glasgow: Islamisten versuchen, mit einem brennenden Jeep in die Terminalhalle vorzudringen. Der Fahrer stirbt, es gibt mehrere Verletzte.

Dezember 2006 – Bei einem Bombenanschlag auf dem Madrider Flughafen Barajas kommen zwei Menschen ums Leben. Parkdecks stürzen ein. Urheber ist die baskische Separatistenorganisation ETA.

Bei einer neuen Terrorserie sind am Dienstag in Brüssel mindestens 34 Menschen getötet worden. Mehr als 180 wurden verletzt. Vermutet wird, dass die Anschläge wieder auf das Konto von radikalen Islamisten gehen. Auch nach mehreren Stunden war die Lage allerdings noch sehr unübersichtlich. Was wissen wir? Was nicht?

WAS GENAU IST PASSIERT?
Die Terrorserie beginnt kurz nach 08.00 Uhr auf dem Flughafen, eine halbe Autostunde von der Innenstadt entfernt. In der Abflughalle gibt es in kurzer Folge zwei Explosionen. Die Staatsanwaltschaft spricht von mindestens einem Selbstmord-Attentäter. Vorläufige Bilanz: mindestens 14 Tote, mindestens 81 Verletzte. Punkt 09.11 Uhr dann noch ein Anschlag, in der Metro-Station Maelbeek, mitten im EU-Viertel. In einer U-Bahn, die gerade steht, explodiert der mittlere Wagen – vermutlich eine Bombe. Bilanz hier: mindestens 20 Toten und 106 Verletzte. Stundenlang gibt es dann immer wieder Gerüchte über neue Anschläge – alles Fehlanzeige, zum Glück.

WIE REAGIEREN DIE BELGISCHEN BEHÖRDEN?
Für ganz Belgien gilt nun wieder die höchste Terrorwarnstufe – wie zuletzt im November 2015, gleich nach den Anschlägen von Paris. Der Flughafen wird sofort geräumt und dann geschlossen. Mehr als 1000 Flüge müssen umgeleitet werden. Alle U-Bahnen, Straßenbahnen, Busse stehen bis zum Abend still. Auch die Hochgeschwindigkeitszüge fahren nicht mehr. Der Schutz für die Zentralen von EU und Nato wird nochmals verschärft. Im Atomkraftwerk Tihange werden alle Mitarbeiter, die nicht unbedingt gebraucht werden, nach Hause geschickt. Das belgische Krisenzentrum empfiehlt: «Bleiben Sie, wo sie gerade sind!» Das Rote Kreuz bittet um Blutspenden. Gebraucht werden vor allem die Blutgruppen A und 0, Rhesusfaktor negativ.

WER STECKT HINTER DEN ANSCHLÄGEN?
Alles deutet darauf hin, dass auch diese Terrorserie einen islamistischen Hintergrund hat. Erst am Freitag war in Brüssel einer der mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge von Paris festgenommen worden, Salah Abdeslam. Seither rechneten Experten mit neuen Aktionen aus seinem Umfeld. Der Terrorexperte Peter R. Neumann vom Londoner King’s College sagte am Wochenende: «Es gibt keinen Grund zur Entwarnung. Uns stehen wahrscheinlich ähnliche Anschläge noch bevor.» Die Suche nach weiteren Tätern läuft auf Hochtouren. An verschiedenen Orten in Brüssel gibt es wieder Razzien. Belgiens Außenminister Didier Reynders bestätigt: «Wir fürchten, dass Leute noch auf freiem Fuß sind.» Gesucht wird auch nach zwei Komplizen Abdeslams. Die Staatsanwaltschaft äußert sich wegen der laufenden Ermittlungen zurückhaltend.

WIE GROSS IST DIE GEFAHR FÜR DEUTSCHLAND?
Die Sorge vor einem Anschlag auf deutschem Boden ist anhaltend hoch – aber das ist schon seit vielen Monaten so. Die Kontrollen an Deutschlands Grenzen zu Belgien und Frankreich werden nochmals verschärft. Auch an den großen Flughäfen und Bahnhöfen werden die Sicherheitsmaßnahmen wieder in die Höhe gefahren. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagt, es gebe bislang keine Hinweise auf einen «Deutschland-Bezug» der Täter. Aber selbstverständlich wird geprüft, ob es Querverbindungen zur hiesigen Islamistenszene gibt.

SIND DEUTSCHE UNTER DEN OPFERN?
Nach den jüngsten Anschlägen hat man immer die Befürchtung, dass auch Bundesbürger betroffen sind – gerade in einer Stadt wie Brüssel, wo auch viele Deutsche leben. De Maizière zufolge gab es zunächst aber keine Hinweise. Die Botschaft war auch am Nachmittag noch um Aufklärung bemüht. Botschafter Rüdiger Lüdeking schrieb in einer E-Mail an seine Landsleute: «Ich bitte Sie darum, in der gegenwärtigen Situation Ruhe zu bewahren und nach Möglichkeit Ihren aktuellen Aufenthaltsort (Büro, Zuhause) nicht zu verlassen.»

WARUM IMMER WIEDER BRÜSSEL?
Die belgische Hauptstadt gilt als Hochburg des islamistischen Terrorismus in Europa. Vor allem der Stadtteil Molenbeek mit seinen vielen Einwanderern aus der arabischen Welt hat einen schlechten Ruf. Von dort kamen außer Abdelslam auch andere Islamisten, die an Terrorabschlägen beteiligt waren. In Belgiens Hauptstadt lebt man deshalb seit einer Weile mit besonderer Vorsicht. Bereits eine Woche nach den Anschlägen in Paris hatte es konkrete Gefahrenhinweise für die Region Brüssel gegeben. Das öffentliche Leben kam damals für fünf Tage praktisch zum Erliegen, ohne dass etwas geschah.

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