Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Werner Laatsch (links) und Ulrich Schröder betreiben das Café Klatsch, Lüneburgs meistgebuchte Adresse für Live-Musik.
Werner Laatsch (links) und Ulrich Schröder betreiben das Café Klatsch, Lüneburgs meistgebuchte Adresse für Live-Musik.

Früher war mehr Blues

oc Lüneburg. Die ersten Gäste trudeln ein, es ist später
Nachmittag, die Kaffeemaschine gurgelt noch. Das Licht ist wie
draußen, irgendwie abgedimmt, Ulli Schröder hat ein paar Fotos von
früher mitgebracht, Werner Laatsch streicht über ein großes
Pflaster an seiner Hand, und der nächste, der an den Tresen kommt,
fragt: „Werner, watt machen die Knochen?“ Vor wenigen Tagen ist
Laatsch die Treppe runtergepurzelt, jetzt gehts wieder und weiter
im Café Klatsch, das ohne Ulli Schröder und Werner Laatsch nicht
vorstellbar ist und am Montag, 20. Januar, 30 Jahre alt wird. Kein
Alter für eine Kneipe, aber das Klatsch ist anders, es ist der Ort
der Bands, und es sind sicher 1000, vielleicht 2000 Konzerte, die
hier liefen. Dabei fing es mit Wolle und Büchern an. Also Blick
zurück: Sie hatten Lehramt studiert, ihr zweites Examen absolviert.
Siegfriede Rieß, Lehrerin in Kaltenmoor, und Ulrich Schröder, der
in die Jugendarbeit wechselte, hatten eine Idee. Sie wollten ein
Café eröffnen, mit Garten, und außerdem Bücher und Wolle verkaufen.
Es war die Zeit, als in Hörsälen viel gestrickt wurde. Der passende
Ort war bald gefunden, das ehemalige Gasthaus und Keglerheim von
Sophus Dose, spätere Kaleidoskop, Am Springintgut. Gut lief nur die
Sache mit dem Café. „Aber die Leute maulten: Immer, wenn es
gemütlich wird, macht ihr dicht“, erinnert sich Ulli Schröder. Also
wechselte das Konzept. Länger auf, Wolle raus, Bücher hinterher,
Bands rein. Das Klatsch wurde zum Ort für Live-Musik. Mittlerweile
stieß Werner Laatsch hinzu, Siegfriede Rieß stieg irgendwann aus.
Das Klatsch sieht gefühlt noch so aus wie 1984, nur älter. An den
Wänden hängen John Lennon, Keith Richards und Bruce Springsteen,
dazu Plakate von Bands, die im Klatsch spielten. Unter der Decke
schläft ein Ventilator, ein paar Grüngraupflanzen recken sich zum
Licht. Die Holztische stammen aus einem Lokal, das mit
französischer Küche scheiterte. Sie sind wie die Holzdielen
durchgekerbt und rauchgegerbt. Der Laden übertüncht sein Alter
nicht, zeigt gelebtes Leben, das hat seinen eigenen Charme. Nichts
ist gestylt, Kneipendesigner könnten was lernen. Die größte
Investition in all den Jahren war neben einer neuen Heizung die in
Schall-Isolation, „wir hatten schon Ärger mit Nachbarn“, sagt Ulli
Schröder. Im hinteren Raum steht noch ein Kicker, hängt eine
Dartscheibe natürlich keine elektronische, „alles analog“, der
Kaffee kommt eben auch noch aus der Kanne. Das Publikum habe sich
gewaltig geändert. meint Schröder. „Früher hatten wir mehr Freaks.
Heute geht das durch alle Gesellschaftsschichten.“ Geblieben ist
die Musik, fast jede Woche zwei Konzerte. Heute, Sonnabend, zum
Beispiel BadnShape, eine Lüneburger Band, die Klassiker und jüngere
Hits spielt. Die ersten, die einst auf der Bühne standen, waren
Fredi Hullerum und Kalle Fricke. Sie spielten Blues. „Man musste
sich noch nach Bands umsehen“, sagt Schröder, „heute fragen jeden
Tag zwei an, die wollen alle hier rein.“ Um die 100 Leute passen
ins Klatsch, Konzerte bleiben eine intime Angelegenheit. „Früher
war mehr Blues“, sagt Werner Laatsch, längst läuft ebenso viel
Rock, Jazz, Folk. Aber als Hausband kommt jeden Monat die
BluesOrganisation mit Tabbel Dierßen auf die kleine Bühne wie
gestern Abend. Das Klatsch ist Kult. Mittlerweile gibt es sogar ein
Café-Klatsch-Fußballteam. Montag ab 19 Uhr legt zum Geburtstag DJ
B.Schall auf, Musik aus mindestens 30 Jahren. „Die Zukunft?“ Da
muss Ulli Schröder überlegen, wie das alles mal weitergehen soll,
das ist nicht klar. Werner Laatsch sieht das gewohnt trocken: „Die
Frage ist doch nur, wer fällt zuerst um? Am liebsten hier, hinterm
Tresen.“