Aktuell
Home | Netzwelt | Internet-Therapie für Depressive

Internet-Therapie für Depressive

red Lüneburg. Wer krank ist, setzt sich vor seinen Computer oder greift zum Handy, um über das Internet Hilfe zu bekommen. So skizziert die Lüneburger Universität neue Möglichkeiten bei der Behandlung psychischer Erkrankungen. Sie erforscht im Rahmen ihres Innovationsinkubators Onlineprogramme für eben diesen Zweck. Die internet-basierten Gesundheitstrainings seien ein vergleichsweise neuer Therapieansatz. Eine jüngst gegründete internationale Vereinigung will dem Computer als Behandlungshelfer jetzt europaweit den Weg bahnen.

Es ist Abend, die Kinder sind im Bett. Peter S. setzt sich an seinen Rechner und öffnet die Internetseite gesundheitstrainingsonline.de. Er loggt sich ein, klickt sein Tagebuch an und trägt ein, wie heute seine Stimmung war. Dann ruft er auf, welche Pläne er für die nächsten Tage notiert hat: morgen joggen, übermorgen mit dem Nachbarn auf ein Bier treffen, am Wochenende ein Ausflug ans Meer. Keine großen Dinge. Doch Peter S. fällt es schwer, sie umzusetzen. Er leidet unter Depressionen. Sein Stimmungstief will er mit Hilfe des Computers in den Griff bekommen: In einem Verhaltenstraining am PC lernt er, Auslöser seiner depressiven Phasen zu identifizieren und zu vermeiden. Er notiert Aktivitäten, die ihm Freude bereiten, und übt gezielt, sie auch in Zeiten großer Niedergeschlagenheit zu genießen. Mit Erfolg: Sein Stimmungstagebuch zeigt fortan immer mehr positive Einträge – auch wenn noch rabenschwarze Tage dabei sind. So beschreibt die Uni eine Form der Therapie via Internet.

„Gerade bei leichten bis mittelschweren Depressionen können sie sehr wirksam sein“, behauptet David Ebert vom Projekt „Internet-Therapien“ an der Leuphana. Es gebe wissenschaftliche Studien, die das zeigten. Zusammen mit mehr als 100 weiteren Wissenschaftlern hat er die Europäische Vereinigung für Internettherapie gegründet, die Erforschung und Einsatz von Internet-basierten Trainings- und Therapieformen vorantreiben soll.

In England, Holland oder Schweden seien die Programme bereits weit verbreitet. Weil sich Betroffene mit psychischen Beschwerden häufig schämen, sich ihr Leiden einzugestehen und einen Spezialisten aufzusuchen, blieben nach Schätzungen etwa die Hälfte aller psychischen Erkrankungen unbehandelt. Die Hemmschwelle, anonym am Computer nach Hilfe zu suchen, dürfte geringer sein, hofft Ebert. Zumal Patienten selbst entscheiden, wann sie die Trainingseinheiten absolvieren. Die Programme ließen sich flexibel in den Alltag integrieren.

Zudem seien klassische Therapieplätze rar, Betroffene müssten oft sechs bis zwölf Monate auf den Beginn der Behandlung warten. Bei vielen psychischen Erkrankungen komme es aber darauf an, rechtzeitig gegenzusteuern. Eine unbehandelte Depression zum Beispiel könne sich mehr und mehr verschlimmern und sogar chronisch werden. „Über das Internet lassen sich Betroffene früher erreichen“, glaubt David Ebert. „Sie lernen frühzeitig, mit welchen Mechanismen sie ihre Beschwerden bekämpfen können. In manchen Fällen lässt sich so vermutlich die Entwicklung einer voll ausgeprägten Depression gänzlich verhindern.“

Auch seien klassische Therapieformen teurer. In Deutschland fließen laut Ebert jährlich fast 30 Milliarden Euro in die Behandlung psychischer Erkrankungen – das seien 11 Prozent der gesamten Krankheitskosten. „Wir wollen Menschen die Möglichkeit geben, selbstbestimmt etwas für ihre psychische Gesundheit zu tun und so ihre Lebensqualität zu steigern“, sagt Ebert. Das beschränke sich nicht nur auf den Kampf gegen Depressionen: Internet-Trainings vermittelten laut Ebert einen besseren Umgang mit berufsbezogenem Stress; sie helfen Diabetes-Kranken, ihren Lebensstil konsequent umzustellen und so chronischen Folgeschäden vorzubeugen; sie zeigen Menschen mit Panikstörungen, wie sie mit ihrer Angst besser leben können.

An der Leuphana Universität Lüneburg laufen momentan neun Projekte, die den Nutzen internet-basierter Interventionen bei verschiedenen Krankheitsbildern untersuchen. „Dabei kooperieren wir mit Wissenschaftlern, die in ihren Bereichen als weltweit führend gelten“, sagt Ebert. Den Gang zum Spezialisten könne das mit Sicherheit nicht komplett ersetzen: „Wenn es uns aber gelingt, Betroffene mit den neuen Möglichkeiten des Internets früher zu unterstützen, dann ist schon viel gewonnen.“

Betroffene, die an einem internet-basierten Gesundheitstraining teilnehmen möchten, können sich unter www.geton-training.de anmelden. Erforscht werden momentan unter anderem Trainings gegen depressive Beschwerden, Schlafstörungen, Stress, Belastungen im Lehrerberuf sowie zur Reduktion des Alkoholkonsums.