- CleverMagazin Storys
Bastian Sick
Nur aus Jux und Tolleranz
Bastian Sick, ein deutscher Journalist, Lektor und Übersetzer, der insbesondere durch seine Buchreihe „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ bekannt wurde, kommt auf seiner Tournee „Nur aus Jux und Tolleranz“ am 08. März 2011 nach Lüneburg. Das CLEVERmagazin stellt hier ein Interview mit dem bekannten „Hüter der deutschen Sprache“ vor, der es versteht, die deutsche Grammatik humorvoll und verständlich zu erklären. Viele Fehler sind inzwischen so in den täglichen Sprachgebrauch übergegangen, dass selbst hoch gebildete Menschen sie nicht mehr zweifelsfrei identifizieren können. Mit seiner „größten Deutschstunde derWelt“ schaffte er es 2006 gar in das Guinness-Buch der Rekorde, indem er vor 15.000 Menschen in der Köln-Arena auftrat. Seine Bücher, zu denen auch die Titel „Happy Aua“ und „Hier ist Spaß gratiniert“ gehören, haben bereits Ende 2009 die 4-Millionen-Marke der verkauften Exemplare übertroffen. Ein deutlicher Beweis dafür, dass die Beschäftigung mit der deutschen Grammatik und Rechtschreibung nicht nur wichtig ist, sondern auch eine Menge Spaß machen kann.
CLEVERmagazin:
Du tourst im Frühjahr mit Deinem neuen Programm „Nur aus Jux und Tolleranz“ durch Deutschland. Was ist neu?
Bastian Sick:
Vieles ist neu, und das in vertrautem Dekor: Auf der Bühne wird wieder ein Schreibtisch stehen, von dem aus ich plaudere – und es wird wieder eine große Leinwand geben, auf der ich jede Menge köstlicher Fundstücke präsentiere. Außerdem gibt es am Schluss auch wieder einen Song. Den habe ich gerade fertig getextet und kann es kaum erwarten, ihn zu präsentieren!
CLEVERmagazin: Was genau kommt ins neue Programm?
Bastian Sick: Eine gepfefferte Mischung aus Comedy und Lehrstoff. Ich werde beweisen, dass ich ein Mann für alle Fälle bin, vor allem für die Zwerch-Felle. Ich nehme deutschsprachige Ungereimtheiten aufs Korn, räume mal mit den Zeiten auf (kennen Sie das Ultra-Perfekt? Nein? Dann haben Sie Ihre Hausaufgaben noch nicht gemacht gehabt!), mache Jagd auf lästiges Verniedlichen („Hallöchen! Prösterchen! Noch jemand ein Sektchen?“) und präsentiere zahlreiche englische „Heileits“. Erwarten Sie eine Teatime vom Feinsten, mit „Dounats“, „Moffins“, „Brauwnies“ und „American Cheeskacke“.
CLEVERmagazin: Zur Vorbereitung des Programms hast du dir eine längere Auszeit genommen.Warum?
Bastian Sick: Eine Auszeit? Da musst du mich mit jemandem verwechseln! Ich war vielleicht nicht auf Tournee, jedenfalls nicht in Deutschland, aber von Auszeit kann keine Rede sein. Ich habe zwei neue Bücher veröffentlicht, eine neue Website ins Netz gestellt: www.bastiansick.de, die in Kürze auch noch um einen tollen Quiz-Teil erweitert wird; ich war auf Einladung des Goethe-Instituts ständig im Ausland unterwegs, habe eine Südamerika-Tournee gemacht, war in Montréal, Barcelona, Sevilla, Budapest, Lissabon und London. Ich habe Dutzende neuer Kolumnen geschrieben, gefühlte hunderttausend Leserbriefe beantwortet und würde jetzt eigentlich ganz gerne endlich mal Urlaub machen. Und was mache ich stattdessen? Eine neue Tournee!
CLEVERmagazin: Worauf führst du den Verfall von Sprach- und Schriftdeutsch zurück?
Bastian Sick: Es gibt verschiedene Gründe: Zum einen hat die Qualität des Deutschunterrichts seit den 70er-Jahren stark nachgelassen. Grammatikunterricht war richtig verpönt, es hieß, Grammatik würde die Entwicklung des Kindes einschränken. Man hat das Auswendiglernen von Gedichten abgeschafft und immer weniger Diktate geschrieben. Heute tut das allen leid, und viele Pädagogen jammern. Zum Glück ändert sich einiges auch wieder. Zweitens hat durch die Verbreitung neuer Medien eine Entprofessionalisierung der Sprache stattgefunden. Jeder Laie schreibt heute seine Anzeigen, Plakate, Handzettel, Einladungen und Speisekarten selbst am PC und bringt sie in den Umlauf, ohne dass da noch mal jemand draufgesehen hätte, der sich damit auskennt. Früher ging man damit zum Setzer, Schildermacher oder zur Lokalzeitung. Da hatte man die Gewähr, dass alles nach gültigem Standard geschrieben wurde. Drittens: Das Privatfernsehen hat einen permanenten Trend nach unten gesetzt. Statt nach Schönem zu streben, wird ständig das Hässliche vorgeführt. Früher waren die Menschen gezwungen, sich öffentlich-rechtliches Fernsehen mit Bildungsauftrag anzusehen. Heute haben sie RTL.
CLEVERmagazin: Geboren 1965 in Lübeck – jetzt erfolgreicher Bestseller-Autor. Grinst du dich nicht jeden Morgen selbstzufrieden im Spiegel an?
Bastian Sick: Seit einem Jahr bin ich ja nicht mehr beim „Spiegel“, sondern arbeite als freier Autor mit eigenem Büro in der Hamburger Hafencity. Ach so, den anderen Spiegel meinst du. :-) (Jetzt grinst Bastian wirklich.) Tatsache ist: Bisher ist alles wahnsinnig gut gelaufen. Ich hatte viel Glück, aber wohl auch einigen Ehrgeiz und Fleiß. Dabei sah es ja lange Zeit so aus, als würde ich nie ins Rampenlicht treten. Ich habe erst einige Jahre im Archiv des „Spiegels“ gearbeitet und war danach Korrekturleser in der Online-Redaktion. Ich war schon 39, als meine erste Kolumne erschien, und danach ging‘s mit mir plötzlich ab wie mit einer Rakete. Ich hatte keine Berater und keinen Coach, niemand hatte mich darauf vorbereitet, wie man sich in Talkshows verhält, was man in Interviews sagt, wie man sich auf einen Auftritt vorbereitet und wie man sein Lampenfieber in den Griff bekommt. Das habe ich mir notgedrungen alles selbst beigebracht, und das in ziemlich kurzer Zeit. Selbstzufrieden bin ich leider nicht. Eher rastlos (siehe meine Antwort auf Frage 3). Ich bin ein Perfektionist, und die sind bekanntlich nie zufrieden, weil Perfektion verdammt schwer zu erreichen ist.
CLEVERmagazin: Hast du eigentlich Vorbilder?
Bastian Sick: Na, und ob! Die Klassiker, ob sie goethlich waren wie „Der Zauberlehrling“ oder schillernd wie „Die Räuber“; und „Nathan der Weise“ fand ich richtig lessig! Außerdem bewundere ich viele zeitgenössische Autoren, von denen einige leider bereits nicht mehr leben. Eines meiner größten Vorbilder seit Kindertagen war René Goscinny. Ich wünschte, ich wäre nur einmal fünf Minuten lang so geistreich, so schalkreich und fantasiegeladen, wie der „Vater“ von Asterix es sein ganzes Leben lang war.
CLEVERmagazin: Wie ist das mit Sprache und Musik? Gibt es da eigentlich auch Fundstücke, die dich begeistern?
Bastian Sick: Es gibt Musik, die mich begeistert, und Texte, die mich berühren. Ich bin ein großer Bewunderer von Textdichtern wie Michael Kunze und Frank Ramond. Die neue CD von Barbara Schöneberger finde ich hinreißend! „Denk jetzt bitte an ein Nilpferd!“ - darauf muss man erst mal kommen! Ich mag auch klassischen Schlager, wenn er Niveau hat. Bei großartigen Stücken verzeihe ich auch grammatische Schwächen à la „für zwei wie wir“ (statt „uns“), „nur wegen dir“ (statt „deinetwegen“) oder „erwarte dir nicht zu viel“ statt „versprich dir“ oder „erwarte nicht zu viel“.
CLEVERmagazin: Was sonst kann einen Sprachbegeisterten wie dich verrückt machen?
Bastian Sick: Verrückt in welchem Sinne? Verrückt vor Liebe? Verrückt vor Leidenschaft? Verrückt nach Schokolade? Das bin ich alles drei!
CLEVERmagazin: Nein, ich meine eher verrückt vor Wut. Wobei fährst du aus der Haut – oder lässt wenigstens ein Knurren hören?
Bastian Sick: Hmm. Erstens: Ampelschaltungen. Wenn ich da ein Wörtchen mitzureden hätte, wäre aber ganz fix grüne Welle von hier bis Edeka – und darüber hinaus! Zweitens: Auf die Straße geworfener Müll. Nervt mich. Drittens: Grillen in öffentlichen Grünanlagen: muss verboten werden! Der Gestank, der beim Verbrennen von Petroleum entsteht, macht für andere das Verweilen unerträglich – und tötet jeden Appetit auf Würstchen. Viertens: SUVs, die in zweiter Reihe parken. Geländewagen haben ohnehin in einer Großstadt nichts verloren! Die würde ich so hoch besteuern, dass allen, die diese monströsen Geschosse fahren, die Lust am Shoppen vergeht.
CLEVERmagazin: Da drängt sich von selbst die nächste Frage auf: Was für ein Auto fährst du?
Bastian Sick: Ich habe mir vor zwei Jahren einen gebrauchten Peugeot 206 CC gekauft – ein Cabrio in Himmelblau. Ich liebe ihn! Das war von Anfang an mein Traumauto. Es mag technisch ausgereiftere Modelle geben, aber kein zweites hat diese knuffige Form! Ansonsten fahre ich aber auch sehr gerne Fahrrad oder mit der Bahn.
CLEVERmagazin: Zur letzten Frage: Hast du ein neues Projekt in Planung?
Bastian Sick: Solange es so gut läuft wie jetzt, werde ich weiterhin Bücher machen. Im Herbst 2011 bringe ich das „große bunte Quizbuch zur deutschen Sprache“ raus. Und es wird ein neues „Happy ua“-Buch geben. Meine Leser haben mir in der Zwischenzeit schon wieder so viele verrückt-komische Fundstücke zugeschickt, dass ich selbst aus dem Lachen manchmal gar nicht rauskomme. Auch „Dativ V“ ist schon zur Hälfte fertig. Und wenn diese Tournee ein Erfolg wird, gibt‘s im nächsten Jahr eine Tournee-Fortsetzung. Ich könnte mir aber auch vorstellen, erst mal ein, zwei Jahre Pause zu machen, Rosen und Kaninchen zu züchten und Strandkörbe an der Ostsee zu vermieten.
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