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Uni-Präsident redet Klartext

Auf Masse zu setzen hat keine Zukunft

st Lüneburg. Vor genau drei Jahren trat Prof (HSG) Dr. Sascha Spoun als Präsident der Lüneburger Universität an. Frei von Störfeuern war diese Zeit wahrlich nicht - aktuell steht die Uni-Leitung wegen der sinkenden Studentenzahlen in der Kritik, besorgt schauen etwa Oberbürgermeister Ulrich Mädge, Landrat Manfred Nahrstedt und das Studentenwerk Braunschweig auf die Zahlen. Im LZ-Interview bezieht Spoun Stellung.
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Sie sind vor drei Jahren angetreten, die Leuphana zu einer Modelluni für Deutschland zu machen. Wie weit sind Sie gekommen?

Sascha Spoun: Weiter als ich je erwartet hätte. Unser neues Studien- und Universitätsmodell wird inzwischen bundesweit wahrgenommen und genießt große Anerkennung. College, Graduate School und Professional School haben ihre Arbeit aufgenommen. Mit der Einrichtung der vier Wissenschaftsinitiativen in den Bereichen Kultur, Nachhaltigkeit, Bildung und Entrepreneurship ist die Grundlage für die künftige Profilbildung auch im Bereich der Forschung geschaffen. Die Universität setzt konsequent auf Qualität und hat damit einen erfolgreichen Kurs eingeschlagen, wie sich anhand zahlreicher Indikatoren belegen lässt. Für die Universitätslandschaft ist die Leuphana eine Bereicherung. Für Stadt und Region ist ihr Ausbau ein Konjunkturprogramm.

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Aktuell hagelt es Kritik, weil die Leuphana schrumpft.

Spoun: Mich verwundert, wie kurzsichtig diese Diskussion geführt wird. Tatsächlich liegt die Zahl der Studenten einschließlich der Beurlaubten jetzt im Sommersemester bei rund 7500, also weit unter dem, was in der Öffentlichkeit als Zielgröße herumgeistert. Dieser Rückgang wird anscheinend als Indiz für mangelnde oder zurückgehende Attraktivität genommen. Ich halte das für groben Unsinn. Das Gegenteil ist der Fall. Ein kurzfristiger Rückgang der Studentenzahl war von Anfang an Teil unserer Entwicklungsstrategie. Durch die Abkehr von Mengenwachstum und die Neuausrichtung an den Maßstäben Qualität und Konzentration ist es uns gelungen, die Leuphana auf einen neuen Wachstumspfad zu bringen. Wir schaffen jetzt die Voraussetzungen für langfristiges Wachstum. Eine Universität, die schlicht auf Masse setzt, hat keine Zukunft. Das war die Situation hier vor drei Jahren, wie ich sie vorgefunden habe. Die Rahmenbedingungen und Qualitätsanforderungen an Universitäten sind heute viel härter als noch vor wenigen Jahren. Mit altem Denken wäre die Uni heute tot.
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Was heißt das konkret?

Spoun: Im Vergleich zu 2006 haben wir 13 Prozent mehr Doktoranden, 15 Prozent mehr hauptamtliche Mitarbeiter und 36 Prozent mehr nebenberuflich Tätige. Wir registrieren auch eine steigende Zahl an Studienbewerbern: Auf 1200 bis 1300 Plätze haben wir mehr als 10 000 Bewerber. Neun der zehn Major (Hauptfächer, d. Red.) sind vollkommen ausgelastet. Besonders erfreulich ist die Verdopplung der Annahmequote bei den Studienplätzen in nur zwei Jahren - sechs von zehn Bewerbern nehmen ihren Studienplatz bei uns heute an. Das zeigt die große Attraktivität des neuen Modells, wir liegen damit bundesweit in der Spitzengruppe. Übrigens: Das MIT (Massachusetts Institute of Technology, d. Red.), das 73 Nobelpreisträger hervorgebracht hat, nimmt weniger Studenten auf als Lüneburg. Wir wollen uns damit keineswegs vergleichen. Aber es zeigt, wie absurd die bloße Diskussion über Studentenzahlen ist.
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Das MIT zeigt keine sinkenden Studentenzahlen.

Spoun: Noch einmal: Eine Universität ist keine Versorgungseinrichtung für Studentenmassen, unser Kerngeschäft sind gute Forschung und Lehre. Als ich hier angefangen habe, kamen auf einen Wissenschaftler 39 Studenten, wir haben dieses Verhältnis auf 1 zu 29 verbessert. Das ist sogar besser, als der Wissenschaftsrat in Deutschland empfiehlt. Das Verhältnis von Professoren zu Studenten bewegt sich in Richtung der Universitätsstädte Heidelberg und Freiburg. Ich kann mich nicht erinnern, dass dort eine Diskussion geführt wird wie hier in Lüneburg.

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Kann die Uni nicht größer und zugleich besser werden?

Spoun: Theoretisch ja, und das ist auch unser mittelfristiges Ziel, aber derzeit fehlen uns dazu noch Ressourcen. Wichtig ist: Der eingeschlagene Weg der Qualitätssteigerung wird vom Land Niedersachsen bereits anerkannt und belohnt. Wir haben die landesweit höchsten Steigerungsraten bei der Zuweisung öffentlicher Mittel. Deshalb können wir auch neue Professoren einstellen. Derzeit sind bereits 25 Stellen ausgeschrieben, wir werden demnächst noch einmal in dieser Größenordnung ausschreiben. Damit besetzen wir neue Themen, zum Beispiel Ökosystemfunktionen, Social Entrepreneurship oder Ethik. Wir brauchen ein Gleichgewicht zwischen Forschung und Lehre. Die Leuphana hat einen besonderen Bedarf an Forschungsstärkung.

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Inwiefern?

Spoun: Wir haben viele Kollegen, die stark in der Lehre sind. Aber meine Überzeugung ist: Lehre ist nicht möglich ohne Forschung und Praxiserfahrungen. Wir sind da auf einem guten Weg. Es gibt Professoren, die sehr erfolgreich dabei sind, Drittmittel einzuwerben. Da hatten wir 2006 gerade einmal fünf Millionen Euro bekommen, vergangenes Jahr mehr als acht Millionen.
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Es gibt Stimmen, die eine öffentliche Förderung der Universität an steigende Studentenzahlen knüpfen, weil die Hochschule auch ein Wirtschaftsfaktor für die Stadt ist.

Spoun: Und was für einer! Jede vergleichbare Stadt in Deutschland würde sich glücklich schätzen, eine solche Institution in ihren Mauern zu haben. Dennoch, und ich formuliere es mal überspitzt: Die Mensa ist für die Uni da und nicht die Uni für die Mensa. Ich habe das Gefühl, es ist hier in Lüneburg seit Jahren die Gewohnheit, auf die Studentenzahl zu starren und die Universität in Frage zu stellen, wenn vermeintliche Ziele nicht erreicht werden. Wir haben einen Punkt erreicht, an dem uns diese künstliche Aufregung massiv beschädigt. Sie nützt niemandem: nicht der Stadt, nicht den Studenten und schon gar nicht den jungen Menschen, die sich für uns interessieren. Ich halte das für unverantwortlich.
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Sie haben kein Verständnis dafür, dass Politiker in der Krise über Prioritäten nachdenken?

Spoun: Ich habe sogar großes Verständnis dafür. Die Politik steht vor immensen Herausforderungen, gerade in dieser schweren Zeit. Aber für mich gibt es keine bessere Lösung, als in die Zukunft von Menschen zu investieren. Ich bin überzeugt, unsere Politiker sehen das genauso. Und wenn wir schon rein wirtschaftlich denken: Die Uni gehört zu den vier größten Arbeitgebern der Region. Eine Schwächung trifft viele hundert Menschen unmittelbar. Von der weiter wachsenden Zahl von Angestellten und Professoren profitieren Stadt und Region signifikant. Aber das ist gar nicht meine eigentliche Sichtweise.

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Sondern?

Spoun: Ich muss als Präsident gute Rahmenbedingungen schaffen und mit der Perspektive 2020 das Überleben der Uni sichern. Es geht um die mittelfristige Entwicklung der Region. Ein Teil davon ist ein Image- und Reputationstransfer von der Leuphana auf die Region. Und dazu trägt sicher auch bei, dass wir bei sinkender Studentenzahl, aber auch gleichzeitig um 15 Prozent gestiegenem Landeszuschuss, die Finanzierung pro Kopf verbessern.

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Aber droht bei sinkenden Studentenzahlen nicht auch der Landeszuschuss zu schmelzen?

Spoun: Nein, die Finanzierung der Unis wird sich künftig an Forschungsaktivitäten orientieren. Sehen Sie: Bei der Exzellenzinitiative für Forschung wurden 1,8 Milliarden Euro verteilt, bei der Exzellenzinitiative für Lehre 10 Millionen.

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Zur Strategie gehören auch die Neubauten.

Spoun: Die Möglichkeit, im Rahmen der Campusentwicklung zweistellige Millionenbeträge in Lüneburg zu investieren, ist eine Folge unserer Qualitätsstrategie. Stadt und Region werden davon profitieren, das ist unstrittig. Ich würde sogar sagen, dass die geplanten Maßnahmen wie ein kleines Konjunkturprogramm wirken werden. Noch einmal: Die konsequente Orientierung an Qualität statt an Quantität zahlt sich schon heute aus. Die steigende Attraktivität unserer Universität wird auch weitere Investitionen anziehen. Wer nicht an die Zukunft glaubt und sie vorbereitet, wird sie nicht gestalten können. Allerdings ist der Weg für Innovationen in Lüneburg besonders steinig, weil mancher zu sehr alten Entwicklungsvorstellungen verhaftet ist.

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19.05.2009
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