- Hochschule
Viele Lüneburger Studenten wohnen in Hamburg – Last und Chance zugleich.
Pendler sind nie richtig zu Hause
„Warum tue ich mir das an?“, fragt sich Mareike Höckendorff kopfschüttelnd. Nach einem langen Uni-Tag wartet die 25-jährige in Lüneburg auf den Metronom, der sie zurück nach Hamburg bringen soll. Sie studiert im fünften Semester Kulturwissenschaften mit dem Nebenfach Wirtschaftspsychologie. Startwochenzeitungs-Redakteurin Susanne Andrick traf die Pendlerin.
Jede Woche verbringt Höckendorff rund zwölf Stunden mit Hin- und Rückfahrten. Fast wie ein Nebenjob: Würde sie für jede Stunde im Zug acht Euro bekommen, könnte sie in einem Semester knapp 1400 Euro verdienen.
Stattdessen steht sie auf dem Bahnsteig und wickelt resigniert eine Locke um ihren Zeigefinger – der Zug hat natürlich mal wieder Verspätung. „Nur wenn man selbst zu spät ist, kommt der Zug pünktlich und man verpasst ihn haarscharf“, beschwert sich die Studentin mit einem Lächeln. „Das ist echt nervig, weil man dann eine Stunde auf den nächsten Zug warten muss.“ Vom Sommerurlaub zieren noch kleine Sommersprossen ihre Nase. Doch während des Semesters scheint der Urlaub in weite Ferne gerückt zu sein.
Wie belastend das Pendeln für Studierende sein kann, weiß Dr. Karl-Friedrich Voss. Er ist nicht nur Berufspendler, sondern auch Vorstand des Bundesverbandes niedergelassener Verkehrspsychologen. „Pendler sind nie richtig zu Hause“, stellt er fest, während er zum Bahnhof in Hannover geht. „Betroffene können kaum Extra-Veranstaltungen am Hochschulstandort besuchen, lernen weniger Kommilitonen kennen. Das ist so ähnlich wie bei Schichtarbeitern.“ Ihr soziales Leben sei durch die langen Fahrtwege eingeschränkt, erklärt Voss.
Wie viele Leuphana-Studierende tatsächlich pendeln, lässt sich nur schwer ermitteln. Rund 2000 Kommilitonen – also rund ein Viertel aller Studierenden – haben ihren Erstwohnsitz in Hamburg. Die Zahl könne jedoch nichts darüber aussagen, wie viele der Studierenden wirklich Tag für Tag im Zug sitzen, sagt Heiko Kaddik, Leiter des Immatrikulations-Services der Leuphana: Dem Amt liegt nur die Postadresse vor. „Viele der Hamburger Pendler sind weiblich und studieren kulturbezogene Fächer“, beobachtet Kaddik – für sie gebe es in Hamburg ein breiteres Angebot an kulturellen Veranstaltungen.
Negative Auswirkungen müssten die täglichen Fahrten nicht haben, sagt Rita Harms, Mitarbeiterin bei der psychologischen Beratung des Studentenwerks Braunschweig. „Aus psychologischer Sicht ist Pendeln unproblematisch. Die Fahrten können genutzt werden, um zu lesen oder sich mit Freunden zu unterhalten“, sagt Harms.
Doch das ist leichter gesagt als getan. Als Mareike Höckendorff in den Metronom steigt, ist er wieder einmal mit Touristen überfüllt, sodass sie erst nach langem Suchen einen Platz findet. Zwischen lärmenden Schulklassen und munteren Rentnern, die sich über seltene Vogelarten unterhalten, schafft sie es nicht, sich auf ihren wissenschaftlichen Text zu konzentrieren. Der Geruch von Bier breitet sich aus, eine Gruppe betrunkener Fußballfans zieht gröhlend durch den Wagen. Mit weit ausgebreiteten Armen fordern sie die restlichen Fahrgäste auf, mitzumachen. Genervt schließt Mareike ihre Augen, lehnt den Kopf zurück und versucht zu schlafen. Nach zehn Minuten Halbschlaf, in denen sie immer wieder durch ihren herunterfallenden Kopf und die monotonen Lautsprecherdurchsagen geweckt wird, gibt sie auf.
Doch umziehen nach Lüneburg ist für sie keine Option: „Auch wenn es anstrengend ist zu pendeln, ich würde nicht nach Lüneburg ziehen wollen.“ Dafür nimmt sie selbst Fahrten wie diese in Kauf.
- Kommentare (0)
Heute
6 - 12
Morgen
3 - 12
Suche
Anzeige
Magazine der Landeszeitung
- Flash ist Pflicht!
Kommentare
Nach 6 Jahren Leuphana...
(Gast) Student
.. bin ich doch nicht gegen Veränderung, wenn ich...
mehr 20.04.2012--16:49
finaler Denkfehler
(Gast) Benedikt XXVII
Ob Konsens in einer Demokratie wichtiger ist als...
mehr 20.04.2012--07:30
Demokratie lebt nicht vom Konsens
(Gast) Student
Was für ein fatales Demokratieverständnis!...
mehr 19.04.2012--22:01
Demokratie lebt nicht vom Dagegensein, sondern vom Konsens!
(Gast) Benedikt XXVII
So macht man Demokratie kaputtt! Lieber...
mehr 19.04.2012--19:14
Wo bleibt die Entschuldigung?
(Gast) Benedict
Wenn eine Wahl mit Rechtsunsicherheit verbunden...
mehr 19.04.2012--14:47


