• Sagenhaftes Lüneburg

Der gefürchtete Ritter Moritz von Zahrenhusen überfiel fahrende Händler im Amelinghausener Forst - LZ-Serie (18)

Der Schrecken der Raubkammer

Raubritter, Hexen, geheimnisvolle Orte. Um sie ranken sich im Kreis Lüneburg Sagen und Legenden. Über Jahrhunderte haben die Menschen Geschichten erzählt, weitererzählt und weitergesponnen. In der Serie "Sagenhaft" greifen die LZ-Redakteure Anna Sprockhoff und Dennis Thomas die spannendsten Heimatgeschichten auf und fragen den Kreisarchäologen und Geschichtskenner Dietmar Gehrke nach dem wahren Kern. Der heutige Serienteil handelt vom sagenhaften Raubritter Moritz von Zahrenhusen.

dth Bockum. Das Ross dampft in der Kälte vom rasanten Ritt. Moritz von Zahrenhusen zügelt seinen Hengst, bleibt im Morgennebel auf der Waldlichtung stehen. Aus dem fernen Dunkel des wilden Forstes bei Amelinghausen, den man Raubkammer nennt, nähert sich ein Treck Lübecker Kaufleute. Mit Geschrei stürmen von Zahrenhusens Mannen aus dem Dickicht des Waldes. Mit Gebrüll und Schlägen drängen sie die Lübecker vom Weg ab. Fesseln die Händler an Bäumen und entführen die mit lübischen Heringsfässern und Bernstein beladenen Wagen. Einen der hanseatischen Pfeffersäcke, den am besten gekleideten, nehmen sie als Geisel mit zur Wasserburg Bockum - dem Sitz von Moritz von Zahrenhusen, dem letzten Raubritter der Lüneburger Heide.

Der Schrecken der Raubkammer hat wieder zugeschlagen. Berüchtigt ist die Strecke durch den wilden Forst, gefürchtet sind Moritz von Zahrenhusen und seine durchtriebenen Gefolgsleute. Alle Versuche, den adligen Wegelagerer zu fassen, sind bisher fehlgeschlagen. Zuletzt waren ihm Söldner in Diensten hanseatischer Kaufleute auf der Fährte, um die Geißel der Heide zur Strecke zu bringen. Sie verfolgten die Hufspuren der räuberischen Ritterschar, beginnend beim Ort des jüngsten Überfalls. Über Stunden folgten sie den Abdrücken im Waldboden. Bis die Spuren, wie von Geisterhand, im Nichts endeten. Von Zahrenhusen und seine Gefolgsleute hatten die Hufe ihrer Pferde verkehrt herum beschlagen. Die Spuren ließen die Verfolger in der falschen Richtung suchen, bis sie aufgaben.

Alarmiert vom Verschwinden seines Bruders Till macht sich der Lübecker Kaufmann Kord Wißmann auf in die Lüneburger Heide. Männer, die den Überfall in der Raubkammer überlebt haben, berichten Wißmann von der bewaffneten Horde, die sich plötzlich aus den Schatten des Waldes löste und auf die Lübecker eingestürmt war. Der Kaufmann beschließt, den Wegelagerern um Zahrenhusen eine Falle zu stellen. Er lässt Wagen um Wagen einspannen, prunkvoll geschmückt mit den Wappen seiner Familie. Die Planen hoch gewölbt, als würden sich darunter eine Sammlung Spezereien, Truhen voller Edelsteine und Fässer des besten Weines verbergen. Er hofft, dass Zahrenhusen den äußeren Verlockungen des Wagenzuges nicht widerstehen kann, wenn dieser durch die Raubkammer rollt. Doch statt der kostbaren Fracht, lädt der Kaufmann bewaffnete Knechte, versteckt unter den Planen der Wagen.

Gemächlich rumpelt der trügerische Wagenzug der Lübecker durch den Amelinghausener Forst. Moritz von Zahrenhusen und seine Männer haben die Pfeffersäcke längst erspäht und lauern. Bis Zahrenhusen sein Schwert aus der Scheide zieht und das Zeichen zum Angriff gibt. Aus allen Winkeln des Waldes scheinen Zahrenhusens Mannen zu springen, attackieren die Vorreiter der Lübecker, schlagen die Nachhut mit wenigen Schwerthieben nieder und stürmen von den Flanken an die vollbeladenen Wagen heran. Da reißen die Knechte die Planen beiseite und werfen sich auf die Angreifer. Unter den Verteidigern erhebt sich der lange Dierk von Gellersen mit seiner Donnerbüchse, zielt auf Zahrenhusen und drückt ab. Nichts. Das Kugelpflaster fehlt, mit dessen Hilfe die Treibladung der Flinte abgedichtet werden muss. Dierk von Gellersen greift stattdessen schnell in einen Proviantbeutel und holt eine Speckschwarte hervor, stopft damit die Ladung zu. Er zielt abermals auf den Raubritter. Zahrenhusen hält mit gezogener Klinge auf den Schützen zu. Er brüllt. Von Gellersen schießt. Ein Feuerstrahl reißt den Ritter vom Pferd. Im Jahr 1590 erschoss Dierk von Gellersen den letzten Raubritter der Lüneburger Heide mit Speck, so sagt man u .

Nächste Woche in "Sagenhaft": Der Teufelsstein in der Göhrde.

Das sagt der Experte

Moritz von Zahrenhusen war Spross einer alten Adelsfamilie aus der Zentralheide, wohnhaft auf besagtem Adelssitz in Bockum bei Amelinghausen und als Burghauptmann von Bleckede sogar mit familiären Bindungen zum Celler Hof ausgestattet: Sein Schwiegervater war der herzogliche Kanzler Balthasar Klammer.

Viel ist über Moritz von Zahrenhusen geschrieben worden und vielfältig sind die Urteile über den Adelsspross, dessen Geschlecht schon in Urkunden des 13. und 14. Jahrhunderts genannt wird und der selbst im Jahre 1569 von Herzog Wilhelm dem Jüngeren vier Höfe in Bockum als Lehen erhält. In Urkunden aus den Jahren 1568 und 1569 wird von Zahrenhusen als Burghauptmann in Bleckede erwähnt.

Mit von Zahrenhusens Biographie hat sich der Südergellerser Heimatforscher Lutz Tetau ausführlich beschäftigt und manches sagenhafte Element korrigiert. Er wies nach, dass von Zahrenhusen, der angeblich 1590 bei einem Überfall getötet wurde, wahrscheinlich bereits rund sieben Jahre früher starb. Bei dem Grab- beziehungswiese Sühnekreuz unweit der Lopau ist demnach sein Bruder begraben, der bei einem Jagdunfall sein Leben ließ. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts grub ein Oberförster in der Nähe des Holzkreuzes auf der Suche nach dem Grab. Er fand tatsächlich in einer Tiefe von 1,25 Metern Menschenknochen, Eisenstücke, die anscheinend eine Klinge gebildet hatten, und einen Messinghaken, vielleicht von einem sogenannten Wehrgehänge.

Offensichtlich sind es die tragischen Todesumstände seines Bruders, denen Moritz von Zahrenhusen seine fragwürdige Berühmtheit verdankt. Diese haben offenbar die Fantasie der Menschen derart beschäftigt, dass sie das Fundament für zahlreiche Versionen der Sage bildeten. Aber wohl erst im 19. Jahrhundert wurde von Zahrenhusen im Zuge der Überlieferungen zum Raubritter der Heide schlechthin. Eine mögliche Erklärung dafür gibt eine andere Sagengestalt aus dieser Zeit: der Wilddieb Hans Eidig. Im Gegensatz zu Zahrenhusen wurde dieser in der Sage zum Beschützer der Armen. Ein Blick auf die Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts zeigt, dass Obrigkeiten nicht populär waren und dass der Spitzbube, der ihnen mutig entgegentrat, ein umso höheres Ansehen genoss.

Da man im Ort Bockum bei Rehlingen von der angeblich uralten Raubritterburg Zahrenhusens keine Überreste fand und von Zahrenhusens vermeintlicher Todesort auf militärischem Gebiet nicht zugänglich war, verlegte man später die Sage über das Raubritternest in den kleinen Ort Bode, unweit von Ebstorf im heutigen Landkreis Uelzen. Dass der dortige Burgwall bereits einen historisch belegbaren Burgherren besaß, Heinrich von Bodwede, im 12. Jahrhundert Graf von Ratzeburg, störte kaum.

Die Geschichte um den Burgwall ähnelte aber bis ins Detail jener Erzählung, die im Zusammenhang mit dem Bockumer Rittersitz erzählt wurde. Ein bekannter Heimatforscher fasste die Hintergründe der Sage bereits vor Jahrzehnten zusammen: "Wer nun das schöne Lopautal und die Raubkammer besucht, der lasse sich in Zukunft keinen Bären aufbinden, denn Raubritter sind dort nicht heimisch gewesen."

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23.04.2008
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