• Sagenhaftes Lüneburg

Schlacht zwischen Normannen und Sachsen im Süsing führt zur Gründung des Klosters Ebstorf - LZ-Serie (16)

Wikinger jagen Christen in den Tod

Raubritter, Hexen, geheimnisvolle Orte. Um sie ranken sich im Kreis Lüneburg Sagen und Legenden. Über Jahrhunderte haben die Menschen Geschichten erzählt, weitererzählt und weitergesponnen. In der Serie "Sagenhaft" greifen die LZ-Redakteure Anna Sprockhoff und Dennis Thomas die spannendsten Heimatgeschichten auf und fragen den Kreisarchäologen Dietmar Gehrke nach dem wahren Kern.
dth Ebstorf. Einem wilden Tier gleich bäumt sich der rothaarige Grenjaor auf, legt seinen Kopf in den Nacken und lässt aus voller Kehle ein dunkles Grollen erklingen, das zu einem bebenden Brüllen anschwillt. Der Wikinger wiegt seine Wurf-Axt in der Hand und schleudert die Waffe einem herangaloppierenden sächsischen Ritter entgegen. Die Klinge bohrt sich in den Brustkorb des Pferdes. Das Tier stürzt. Grenjaor reißt sein Hiebschwert aus der Lederscheide und stürmt auf den gefallenen Sachsen zu. Ein Blutbad unter den christlichen Kriegern des Papstes richten die wilden Nordmänner im Süsing an - ganz in der Nähe des späteren Klosters Ebstorf.

Mit Drachenbooten waren die Nordmänner die Elbe und schließlich die Ilmenau heraufgefahren. Brandschatzend haben sie eine Blutspur von Hamburg bis in das sächsische Tiefland hinter sich hergezogen, bis in das dichte Waldgebiet des Süsings.

Der Wendenfürst Baruth regierte bis dahin, Mitte des 9. Jahrhunderts, in Hamburg. Seine Frau hatte der heiligen Jungfrau Maria gelästert und dafür zur Strafe ein krankes Kind bekommen. Baruth schwor Vergeltung und ließ die Christen von seinen Gefolgsleuten verfolgen und massakrieren. Die Christen riefen Rom um Hilfe an und der Papst gewährte sie. Er sandte eine Streitmacht aus, um die Schreckensherrschaft Baruths zu beenden. In dem Heer dienten allein sieben Herzöge, sieben Bischöfe und 15 Grafen. Baruth streckte vor dem päpstlichen Heer die Waffen - und entfesselte sogleich einen weiteren Sturm der Gewalt im Sachsenland, indem der Wendenfürst die Wikinger herbeirief.

Walhalla ist nahe. Blutrot ist der Himmel über dem Schlachtgetümmel im Süsing. Söldner der Herzöge und dreier bardonischer Grafen unter päpstlichem Regiment straucheln unter dem wütenden Ansturm der Nordmänner. Eine Schar Wenden schließt sich den Normannen an. Grenjaor kämpft im Schatten der mächtigen Bäume mit seinem Weggefährten Thorkell Seite an Seite. Sächsische Klingen prallen auf nordischen Stahl. Grenjaor wischt sich mit dem linken Arm das Blut eines Gegners aus dem Gesicht und sticht mit der Klinge in seiner Rechten zu. Der Schmerzensschrei des Sachsen verklingt in einem Röcheln, als der Stahl seinen Kehlkopf trifft.

Die Reihen der Sachsen sind durchbrochen. Wie Wolfsrudel kreisen Grenjaors Mannen die versprengten christlichen Kämpfer im Wald ein und stürzen sich brüllend auf sie. Ein Sachse schlägt mit einem Beidhänder nach Thorkell, der springt zur Seite, schlägt ihm das Schwert aus den Händen und Grenjaor hämmert dem unglücklichen Angreifer von hinten seine Axt zwischen die Schulterblätter.

Schließlich verlassen die Wikinger siegreich das Schlachtfeld. Wer vor den Wölfen des Nordens nicht geflohen ist, liegt nun tot im Staub des Süsings. Die Nordmänner begraben die Leichname der christlichen Märtyrer zunächst in ungeweihter Erde. Erst sehr viel später gestatten die Wikinger, dass die toten Leiber der gefallenen Christen wieder ausgegraben und nach Rom gebracht werden. Die verwesten sterblichen Überreste, derer, die noch zu identifizieren sind, werden auf Wagen geladen und Richtung Rom gerollt. Weit kommt der Zug allerdings nicht. In Ebstorf bleiben die Wagen plötzlich stehen, kein Pferd und kein Ochse kann sie mehr fortbewegen. Blut quillt aus den toten Leibern der Märtyrer. Das Blut mahnt, es ist ein Zeichen: Die Leichname der Heiligen werden in Ebstorf begraben. Später wird über ihren Grabstätten das Kloster Ebstorf erbaut, eingedenk ihres Todes im Kampf zur Verteidigung des Christentums gegen die Wikinger im Süsing, so sagt man ... .

Der nächste sagenhafte Serienteil handelt von der Schlacht zwischen Langobarden und Wenden am Opferberg bei Barskamp.

Ebstorfer Weltkarte zeigt Märtyrergräbe - Hinweise auf langobardische "Asche"

Tatsächlich weisen die Fuldaer Annalen für das Jahr 880 einen Überfall von Wikingern auf sächsisches Gebiet nach - auch der berühmte Chronist Widukind von Corvey schildert diese Schlacht in seiner im 10. Jahrhundert entstandenen sächsischen Geschichte. Wikingerüberfälle waren in jener Zeit keine Seltenheit und auch die Elbregion hatte unter ihnen zu leiden. Im Jahre 845 wurde sogar die Stadt Hamburg Opfer eines solchen WikingerÜberfalls.

Der hamburgische Bischof Ansgar konnte sich seinerzeit nur mit Mühe nach Bremen retten, welches fortan Hamburg als Bischofssitz ablöste. Es kann somit davon ausgegangen werden, dass der Ebstorfer Klostersage auch tatsächliche Ereignisse zugrunde lagen. Dass wikingische Drachenboote hingegen die Ilmenau hinaufruderten, darf bezweifelt werden. Die im Raum Ebstorf befindlichen archäologischen Geländedenkmale wurden zwar von den Gelehrten des 18. Jahrhunderts mehrheitlich mit der Sage von der Normannenschlacht in Verbindung gebracht, die dort angeblich im Jahre 880 stattgefunden haben soll. Aber: Wahrscheinlich gab es diese Schlacht nicht - wie die Sage es will - im Süsing, sondern im Stader Raum.

Ganz offensichtlich hatte man die historischen Ereignisse zu einem nicht näher bezeichneten Zeitpunkt einfach in die Nähe des Ende des 12. Jahrhunderts gegründeten Klosters Ebstorf verlegt. Die um 1300 entstandene Ebstorfer Weltkarte zeigt bereits drei Symbole, welche die Märtyrergräber darstellen sollen; sie wurden unmittelbar neben dem Kloster eingezeichnet.

Erst in den späteren Versionen dieser Sage gesellten sich die slawischen Wenden zu den Wikingern; waren deren Siedlungsgebiete, das Wendland, Mecklenburg und das östliche Holstein dem Kloster doch ungleich näher als die skandinavische Heimat der Nordmänner. Von den in der Sage genannten Grafen allerdings stammten drei mit Namen Bardo übrigens wirklich aus der Gegend - ein Mitglied dieser Familie ist 988 sogar mit Besitzungen in Tellmer bei Betzendorf nachzuweisen. War dies der Grund für die "Verlegung" der Sage in die Ebstorfer Region?

Für die Gelehrten des 18. Jahrhunderts war die Ebstorfer Klosterlegende jedenfalls eine historische Tatsache. Zu Zeiten der ersten Ausgrabungen in diesem Gebiet hielt man daher auch die eisernen Grabbeigaben in den dort gefundenen Urnen auch wirklich noch für das "Pferdegeschirr" gefallener Wikinger. Heute, nach jahrzehntelanger archäologischer Forschung, wissen wir, dass jene Urnen fast 1000 Jahre älter sind als jene Normannenüberfälle und nicht wikingische, sondern stattdessen - wenn man durchaus will - langobardische "Asche" enthalten. Jene Sage wurde jedoch in den ältesten Berichten gelehrter Sammler derart häufig erwähnt, dass tatsächlich davon auszugehen ist, dass es sich dabei um eines der Motive für den Beginn der archäologischen Forschungen in unserer Region handelt.

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01.06.2008
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