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10.09.2010/12:31

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Pädagogen-Papst Hartmut von Hentig legt seine Ideen über Bildung dar - Lüneburg plant "Campus-Schule"

Denken ist wichtiger als Wissen

Hat mit seinen Ideen die Reformpädagogen in Deutschland beeinflusst wie kein zweiter: Hartmut von Hentig. Foto: be
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Hat mit seinen Ideen die Reformpädagogen in Deutschland beeinflusst wie kein zweiter: Hartmut von Hentig. Foto: be
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st Lüneburg. Ein schmaler, feiner Mann mit Fliege sitzt da im Hörsaal. Das Alter hat ihn ein wenig gebeugt. Hartmut von Hentig ist fast 85 Jahre alt und schwerhörig. Und doch sitzen gestandene Pädagogik-Professoren ehrfürchtig lauschend auf den harten Klappstühlen. Ein Säulenheiliger der Pädagogik ist heute an der Leuphana zu Gast.

 

Von Hentig trägt viele Ehrentitel: Als "Vertreter der Gattung Aufklärer" begrüßt ihn Uni-Präsident Sascha Spoun und wünscht sich, viele der 17 neu zu besetzenden Professorenstellen in der Lehrerbildung mit Kandidaten besetzen zu können, die wie von Hentig "als Lehrer und an verschiedenen Universitäten und immer mit gesellschaftlichem Anspruch aktiv waren". Als "Bildungsreformer" betitelt ihn Prof. Dr. Andreas Fischer, der ihn eingeladen hat. Von Hentig habe die Pädagogik in Deutschland nach 1945 geprägt wie kein anderer, schreibt Wikipedia. Er ist durch die Laborschule in Bielefeld berühmt geworden, die viele Fesseln des Schulsystems abgeworfen hat.

 

Im Gespräch mit dem Hamburger Fachdidaktiker Prof. Dr. Jürgen Funke-Wieneke zeichnet von Hentig im Plauderton eine Pädagogik nach, deren Grundlagen er selbst gelegt hat: "Es bleibt mein pädagogisches Grundprogramm: Bildung ist das, was uns den Verhältnissen gegenüber freier macht. Schule macht aber das Gegenteil: Sie spannt uns ein in die Seile der Gesellschaft." Technik oder Bürokratie seien Systeme, die der Mensch braucht. "Aber wir bedienen diese riesige Apparatur nur noch, wir beherrschen sie nicht mehr. Niemand kontrolliert mehr das Energiesystem in Deutschland."

 

Den Hang zur Freiheit erklärt er aus seiner Biographie. "Zwang ist das eigentliche Gegenwort zu Freiheit. Das haben junge Menschen überhaupt noch nicht erlebt, wie etwa der Faschismus seine Zwangsneurose auf die gesamte Gesellschaft ausgedehnt hat. Das hat mich empfindlich gemacht für Zwang", meint er. "Die Verdunkelung ist aufgehoben" sei für ihn nach den Bombennächten des Krieges ein Glückssatz gewesen. Er verweist auf den Rat, den Rousseau dem Lehrer gegeben hat: "Ersetze den Zwang durch Notwendigkeit."

 

Das schlimmste Verbrechen der Pädagogik sei es, die Gegenwart des Kindes seiner Zukunft zu opfern. "Du musst das jetzt lernen, auch wenn du dich quälst. Das brauchst du später", formuliert er diese Haltung und berichtet als Gegenbeispiel von einem Lehrer, der mit seinen Kindern ein Boot baute: Der musste den Kindern nicht das Lernen befehlen, die Fertigstellung des Bootes lieferte die Motivation.

 

Dass aus ihm ein Lehrer und Bildungsreformer werden würde, hätte von Hentig selbst nicht erwartet. "Mein Vater war Diplomat, ich habe an elf verschiedenen Schulen auf unterschiedlichen Kontinenten gelernt und nie unter Schule gelitten. Ich war ein neugieriges Kind." Heutigen Schülern geht es da anders, ist er überzeugt.

 

Eine der Ursachen dafür: "Versuch und Fehler sind ein Grundprinzip des Lernens. Wir nehmen den Kindern den Fehler ab, weil wir glauben, es besser zu wissen. Aber man muss eigene Erfahrungen machen, sich den Finger am heißen Ofen verbrennen." Er kritisiert: "Heute werden Ganztagsschulen eingerichtet ohne Küchen. Ein Catering-Service liefert das Essen und es schmeckt scheußlich." Kinder sollen selbst kochen und sich dabei ausprobieren, findet er.

 

Das beleuchtet ein Grundproblem: "Es geht nicht um Information. Es geht um Urteil, um Denken. Die Flucht aus dem Denken ins Wissen ist ein Fluch unserer Zeit. Und Schulen und Universitäten bedienen diesen Fluch." Am Tisch sitzt ein kleiner, schmaler Mann mit Fliege. Und starken Worten.

 

Auch die Lehrerausbildung nimmt Hartmut von Hentig aufs Korn: "Die Erziehungswissenschaft verirrt sich. Die Professoren kennen keine Kinder mehr, höchstens noch aus Befragungen und Statistiken." Er wünscht sich, dass Lehrer zuerst außerhalb der Universitäten Erfahrungen sammeln, in einem Beruf zum Beispiel. Diese Idee will die Leuphana laut Fischer umsetzen. Im Bereich der Lehrerbildung plant er mit Kollegen eine "Campus-Schule": Ein Netzwerk von innovativen Schulen soll zum Feld werden, in dem sich angehende Pädagogen vom ersten Semester an ausprobieren und forschen können.

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