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Laufgruppe der Therapeutischen Gemeinschaft Wilschenbruch lernt das Durchhalten - Fit für den Tiergartenlauf

Schneller sein als die Sucht

Viele hundert Frauen und Männer werden am kommenden Sonntag, 13. September, beim Tiergarten-Volkslauf des MTV Treubund an den Start gehen. Für zwölf von ihnen ist die sportliche Betätigung an der frischen Luft aber alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Sie leben in der Therapeutischen Gemeinschaft Wilschenbruch, weil sie von Drogen wegkommen wollen. Sie wollen ihren Kindern und sich selbst ein besseres Leben bieten. Vor der Sucht wegrennen kann niemand, doch das regelmäßige Laufen gehört zur Therapie. LZ-Sportredakteur Andreas Safft besuchte die Gruppe bei einer ihrer letzten Trainingseinheiten vor dem Volkslauf.

Katrin ist eine hübsche blonde Frau Anfang dreißig, die wie viele junge Frauen zweimal pro Woche durch Wilschenbruch und den Tiergarten joggt. "Früher bin ich mit dem Auto zum Briefkasten gefahren. Aber jetzt habe ich den Ehrgeiz in mir geweckt", erzählt sie ein paar Tage vor ihrem ersten richtigen Wettkampf, dem Tiergartenlauf am Sonntag.

Katrin heißt in Wirklichkeit gar nicht Katrin. Sie lebt zusammen mit ihren drei Kindern seit Anfang 2008 in Wilschenbruch, hat Schlimmes durchgemacht: Depressionen, Drogen, Einsamkeit, eine Entgiftung. Und nun die Therapie in Lüneburg, zu der seit einem Jahr das Laufen gehört.

Christine Erdmann trainiert die Gruppe aus der TG Wilschenbruch jeden Montag und jeden Mittwoch. "Bei jedem Wetter", wie die Lauftherapeutin betont. Diesmal ist es sonnig und angenehm warm, doch ihre Schützlinge mussten auch schon im strömenden Regen oder bei minus fünfzehn Grad im Januar ihre Runde drehen. "Denn es ist wichtig, dass sie das Durchhalten lernen", so Christine Erdmann, die es versteht, ihre Leute freundlich, aber bestimmt ins Laufen zu bringen.

Zwei Männer und sechs Frauen trainieren diesmal mit. Alle sind nach verschiedenen Schicksalsschlägen mit Kindern im Haus am Reiherstieg gelandet, oft leidet der Nachwuchs besonders unter der Sucht von Mama oder Papa. Katrin hat drei Kinder im Alter von zwölf, sechs und drei Jahren. "Ich hatte einen Partner, ein Auto, einen Job", erinnert sie sich an frühere Zeiten in ihrer Heimatstadt an der Ostsee, "der Absturz kam, als mein mittlerer Sohn vier Monate zu früh geboren wurde. Er wog 580 Gramm." Lange kämpfte das Frühchen um sein Leben, auch um sein Augenlicht. Katrin: "Mein Ex hatte dann auch eine Affäre. Und ich habe meine Gefühle mit Drogen weggemacht. Am 7. Dezember 2003 habe ich wieder angefangen."

Ähnliche Lebensläufe haben etliche ihrer Mitstreiter hinter sich. Nach der Entgiftung hat Katrin gut zwanzig Kilo zugenommen - so geht es vielen. "Einige haben die letzten zehn Jahre nur auf dem Sofa gesessen", berichtet Christine Erdmann, "alle haben bei Null begonnen mit dem Laufen, einige waren sehr stark übergewichtig."

Zu Beginn bedeutete eine Minute Laufen im Wechsel mit einer Minute Gehen schon eine Herausforderung. Mittlerweile halten aber alle eine halbe Stunde durch. Wenn denn das Tempo nicht zu hoch ist wie diesmal, als einige besonders schnell zur Teufelsbrücke kommen wollen, wo etwas Gymnastik für den Rücken ansteht. Doch die Gruppe bleibt immer zusammen, da achten alle schon von allein drauf. Besonders Paule *, einst eine große Nummer am Berliner Bahnhof Zoo. Mittlerweile träumt er von einem Marathon-Start.

Katrin konnte sich vor einem Jahr überhaupt nicht vorstellen zu laufen. "O Gott, wie anstrengend ist das denn ?", war ihr erster Eindruck. Aber sie hat ganz andere Tiefen während ihrer Drogenzeit durchgemacht. "Mein ganzes Leben war im Arsch", formuliert sie es drastisch. "Ich hatte mein Hab und Gut verloren, meinen Freundeskreis." Als aber das Jugendamt droht, ihr die Kinder wegzunehmen, erkannte Katrin, dass sie etwas ändern muss: "Nur für sie bin ich in die Therapie gegangen. Denn ich kann nicht ohne meine Kinder."

Feste Regeln gehören zum Leben in der Therapeutischen Gemeinschaft, auch beim Lauf. Allein darf hier niemand durch den Wald, auch beim Tiergartenlauf will Christine Erdmann die Langsameren über die komplette Distanz begleiten.

"Die halten das alle durch, keine Frage", spricht sie vor allem den Frauen Mut zu. Die beiden Männer geben sich forscher, kümmern sich aber auch auf dem letzten Kilometer um die Läuferinnen, die zurückzufallen drohen. "Es hat sich eine tolle Gruppendynamik entwickelt", so die Trainerin. Beim abschließenden Dehnen kurz hinter der Amselbrücke riecht sie, bei wem das Nikotin allmählich durch die Poren dringt. "Mensch, du könntest doch mal mit dem Rauchen aufhören", fordert sie Viktor *, den zweiten Mann in der Runde, auf. Seine Replik: "Dann habe ich doch gar kein Laster mehr."

Katrin fühlt sich so gut wie lange nicht mehr. "Zwölf Kilo sind weg. Und ich habe wieder Kondition. Früher musste ich schon nach Luft schnappen, wenn ich ins Dachgeschoss gegangen bin." Der Sport hilft ihr, Selbstbewusstsein aufzubauen und ihr neues Leben zu planen. Sie will sich um ein Praktikum bemühen, bald wieder arbeiten, "etwas mit Papier", vielleicht als Bürokauffrau. Katrins Ziele: "Eine eigene Wohnung für mich und die Kinder, einen Freundeskreis und einen Partner. Aber der kann noch warten, da bin ich erst einmal bedient."

Wichtig ist erst einmal, dass sie am Sonntag gut durchkommt. Und danach in Bewegung bleibt. "Sport", sagt Katrin mit entschiedener Stimme, "der bleibt." (* Namen geändert)

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09.09.2009
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Kommentare

Judith Fischer??

(Gast) Sven
Heißt bitte schön Judith Fuchs; ansonsten aber...

mehr 15.11.2011--15:09

Cool

(Gast) ???
Ja das ist wirklich toll

mehr 27.08.2011--12:41

Respekt

(Gast) Saltcityrider
Super Ingo!! Wir gratulieren dir und wünschen uns...

mehr 10.08.2011--21:37

Rope Skipping EM in Ungarn

(Gast) Ex-CoTurner
Wir wünschen Anja und Uwe mit ihrem Team alles...

mehr 27.07.2011--10:53

wow Dennis;)

(Gast) laura
Das ist ja mal was!;) echt toll:D♥

mehr 30.06.2011--19:03