Donnerstag , 20. September 2018
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Nadine Techentin kontrolliert die Waren an der neuen Produktionsstraße für Fruchtriegel im Lüneburger Werk. Foto: t&w

Mit Fruchtriegeln aus der Misere

Lüneburg. Es sollte der große Sprung auf den europäischen Markt werden, doch es wurde eine lebensgefährliche Bauchlandung: Das Gesundkostwerk an der Lüner Rennbahn und der zweite Standort in Tangermünde mussten Insolvenz anmelden. Abgehakt. Inzwischen steht der Betrieb wieder gesund da und wächst. Gerade hat die DeVauGe eine neue Produktionsstraße für Fruchtriegel in Betrieb genommen, eine Investition von rund fünf Millionen Euro. Der Mann an der Spitze ist stolz darauf. Michael Makowski erzählt mit einem Lächeln: Von 550 Beschäftigten im Jahr 2013 an beiden Standorten sei man nun auf mehr als 900 angewachsen. „Wir haben viel geschafft.“ Es brauche noch ein, zwei Jahre, bis man „ganz stabil“ dastehe.

In Makowskis Büro gibt es keinen Schnickschnack. Die größte Extravaganz ist ein Glas Kirschsaft während des Gesprächs. Ein Regisseur könnte hier eine Kulisse für einen Film aus den 80er-Jahren finden. Der Manager ist 79 Jahre alt und fix im Kopf. Er hat die wesentlichen Zahlen präsent: Von 2013 bis heute habe sich der Umsatz laut Geschäftsbericht von rund 100 auf 200 Millionen Euro fast verdoppelt. 66 Millionen Euro habe man in beide Werke investiert. Es ist eine Erfolgsgeschichte. Und eine Lebensgeschichte.

1976 eröffnete das Werk an der Lüner Rennbahn

Das Gesundkostwerk DeVauGe wurde 1899 in Magdeburg als „Deutscher Verein für Gesundheitspflege“ gegründet. Eine entscheidende Rolle spielte die Glaubensgemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten. Sie setzten auf Produkte für Reformhäuser. Im Lauf der Jahre zog das Werk nach Hamburg um. Als es da zu eng wurde, kam der Umzug an die Ilmenau. Damals stand Makowski schon an der Spitze. 1976 eröffnete das Werk an der Lüner Rennbahn. Der Senior freut sich noch heute, dass er die 70.000 Quadratmeter für einen guten Preis bekam. Das lag auch daran, dass Lüneburg aufs falsche Pferd gesetzt hatte: Die Wirtschaftsförderung wollte eine Pizza-Produktion von Dr. Oetker ansiedeln. Doch der Konzern kam nicht. Die Stadt blickte angesichts teurer Vorleistungen auf ein Desaster.

Spezialist für Frühstückszutaten

Die DeVauGe wuchs kontinuierlich. Knapp 700 Mitarbeiter beschäftigte man zeitweilig in Lüneburg. 1998 eröffnete das Unternehmen ein zweites Werk in Tangermünde in Sachsen-Anhalt. Auch dort lief es gut. Neben der Reformhaus-Linie war der Betrieb zum Spezialisten für Frühstückszutaten geworden: Müsli, Flocken, Tofu-Produkte. Die Betriebe belieferten die Großen des Lebensmitteleinzelhandels mit Eigenmarken.

Dann machte sich das Management Sorgen, ob sie gegen die Riesen in der Branche bestehen könnten. Also folgte der Sprung mit einem Partner auf den europäischen Markt. Das ging schief. „Es war eine Fehlentscheidung“, sagt Makowski heute. Er und sein Sohn Andreas hatten in dem neuen Konzern nicht mehr viel zu sagen. Er sah, wie die Personalkosten von rund 15 auf mehr als 20 Prozent stiegen. Das habe wohl auch am wachsenden Management gelegen. Dazu kletternde Energie- und Rohstoffpreise – riskant in einem Markt, auf dem um Bruchteile von Cents gefeilscht wird.

2012 beantragte der neue Eigentümer beim Amtsgericht ein Schutzschirmverfahren – eine Form der Insolvenz. Manager wechselten. Das Werk in Lüneburg stand auf der Kippe, Tangermünde hatte den moderneren Maschinenpark. Dazu trennte sich das Unternehmen von Teilen: Die Tofu-Sparte wurde abgegeben, das Reformhausgeschäft geschrumpft. Trotzdem türmten sich Schulden auf, 2012 war von mehr als 200 Millionen Euro die Rede.

„Wir sind ein Familienbetrieb“

Die Handelspartner waren unzufrieden, sie wurden zu spät beliefert oder gar nicht. Makows­ki erzählt, er sei von alten Geschäftsfreunden angerufen worden: „Sie fragten, ob wir als Familie nicht etwas tun könnten.“ Er kannte die Führungsleute bei den Handelskonzernen. Hinter den Kulissen wurden Verbündete gesucht. Einen Verlust von immerhin noch 350 Jobs in einem der wenigen produzierenden Betriebe hätte auch Lüneburg als Stadt getroffen. Oberbürgermeister Ulrich Mädge nutzte seine Kontakte in Hannover, am Ende erhielten Michael und Andreas Makowski Landesbürgschaften von 20 Millionen Euro aus Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Der Senior erzählt, dass er seine Alterssicherung in das Unternehmen gesteckt, Hypotheken auf Immobilien aufgenommen habe.

Schließlich bekamen die Makowskis den Zuschlag für das insolvente Unternehmen, 2013 übernahmen sie die Führung. Dieses Mal ohne Kirche und andere Anteilseigner. „Wir sind ein Familienbetrieb“, sagt Makowski senior mit Genugtuung. Sein Sohn sei für die Technik zuständig, er für Zahlen. Die seien nun wieder so gut, dass die Landesbürgschaften wie geplant nach fünf Jahren ausgelaufen und von Banken übernommen worden sind. Makowski plant die nächsten Investitionen. Im Markt mit Getränken will das Unternehmen wachsen: Reis-, Mandel-, Kokosnuss-, Dinkel- und Haferdrinks für Discounter-Riesen wie Aldi.

Wo das Unternehmen vor Kellogg‘s und Nestlé rangiert

Makowski zeigt eine Tabelle mit Marktdaten, bei Cerealien liegen die Lüneburger im Ranking vor Kellogg‘s und Nestlé. Auch bei Müsli und Riegeln belegen sie Spitzenplätze. Gut fünf Jahre nach der Insolvenz haben die Makowskis wieder andere Probleme. Aus ihrer Belegschaft heißt es, es fehlten Mitarbeiter, teilweise arbeite man mit ausländischen Leiharbeitern, mit denen man sich nicht verständigen könne. Makowski nickt zustimmend: „Wir geben Stellenanzeigen auf, überall in der Region. Wir suchen gute Leute.“

Trotz aller Probleme sei man auf einem guten Weg, sagt Makowski, der bald seinen 80. Geburtstag feiert. So in ein, zwei Jahren hoffe er, sich zurückziehen zu können. Dann kann er wahrscheinlich beruhigt auf sein Lebenswerk blicken.

Von Carlo Eggeling