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Eingangsportal zum ehemaligen Verwaltungsgebäude der Düneberger Pulverfabrik in Geesthacht. Foto: jz

Ein Ort mit Sprengkraft

Geesthacht. Ohne die Eiszeiten wäre Geesthacht nie zum explosivsten Ort der Welt geworden. Die Gletscher der letzten Eiszeit ließen vor 10.000 Jahren am Ufer der Elbe Sandberge zurück, aus denen Alfred Nobel Schutzwälle um seine Fabrik formte. Zwischen Müden und Unterlüß finden sich dagegen Überbleibsel der ersten Eiszeit, 320.000 Jahre alte, versteinerte Algenschalen. Nobel nutzte die weiße, staubige Erde, um aus kaum handhabbarem Nitroglycerin das stabile Dynamit herzustellen. Diese zündende Idee lieferte den Treibsatz für Geesthachts Aufstieg als Industriestadt.

Dynamit vom Berg

Eine Geschichte wie ein Drama. Den ersten Akt schrieb Al­fred Nobel. Vor 155 Jahren kaufte der Schwede den „Krümmel“ genannten Sandberg. Sein dort erfundenes Dynamit war der Sprengstoff, den die sich industrialisierende Welt brauchte. Ein Segen für den Bergbau, ein Verhängnis für den Krieg. Als sich gleich neben Nobels Fabrik die Düneberger Pulverfabrik ansiedelte, „wurde Geesthacht die Pulverkammer des Kaiserreichs“, sagt Jochen Meder vom Förderkreis Industriemuseum Geesthacht.

Fußböden statt Sprengstoff

Nachdem die Völker auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs ausgeblutet waren, musste sich Geesthacht neu erfinden. Vor 100 Jahren stellte Nobels Dynamit-Fabrik auf zivile Sicherheitssprengstoffe, dann auf die Kunstfaser „Vistra-Wolle“ um. Die demontierte Düneberger Pulverfabrik stellte Fußbodenbeläge und Vulkanfiber, einen Plastikvorläufer aus Baumwolle her. Die Nazis machten wieder den Tod zum Geschäft. Beide Fabriken lieferten aus je 700 Gebäuden Sprengstoff für Hitlers Wehrmacht. Dabei wurden Tausende Zwangsarbeiter verheizt. Bis Sprengstoff dem vor 75 Jahren ein Ende setzte. Die Briten zerstörten die Gebäude auf dem Geestrücken.

Triumph des Kalksandsteins

Drei Jahre später, 1948, siedelte sich die „Norddeutsche Teppichfabrik“ auf dem Gelände der Pulverfabrik an. Die Produktionshalle mit ihrem Dach wie aus vielen aneinandergereihten Segeln atmet Modernität und Aufbruchsstimmung. Doch inzwischen ist die Teppichfirma insolvent. Dabei sind friedliche Produkte durchaus kein unbekanntes Terrain für Geesthacht. Nachdem der erfolgreiche Kartoffelhändler Wilhelm Holert ein großes Dünengelände geerbt hatte, brannte er ab 1905 aus dem Sand Kalksandsteine und verhalf dem neuartigen Baurohstoff trotz anfänglich großer Skepsis in der Branche zum Durchbruch. „Angeblich sind sogar Steine aus Geesthacht im Empire State Building verbaut worden“, sagt Meder.

Schicksalsberg Krümmel

Ende Juli 1968 kauften die Hamburgischen Electricitäts-Werke (HEW) von der Dynamit Nobel AG ein 80 Hektar großes Gelände in Geesthacht. Darunter der „Krümmel“, für den Alfred Nobel 103 Jahre zuvor 14.000 Thaler Courant an die drei Schwestern von Strube, Lütkens und Reisig – gemeinsamer Mädchenname Machenhauer – gezahlt hatte. Die Erde war immer noch unfruchtbar, allerdings mittlerweile für die Dynamit-Produktionsgebäude terrassiert. Und ausgerechnet auf diesem eiszeitlichen Sandberg bauten die HEW ab 1974 ein Kernkraftwerk. Strom produzierte es lediglich von 1984 bis 2007, zugleich aber auch reichlich Schlagzeilen: Pannen und die Leukämie-Häufungen in der Elbmarsch hielten die Öffentlichkeit in Atem.

Rückbau des Meilers

Nach einem Transformatorenbrand 2007 und weiteren Zwischenfällen wurde der Atommeiler heruntergefahren. Der GAU von Fukushima bereitete ihm das endgültige Aus. Der Rückbau des stillgelegten Reaktors soll Ende dieses Jahres starten. „Damit endet ein weiteres Kapitel der Geschichte Geesthachts als Industriestadt“, sagt Ulrike Neidhöfer, die zusammen mit Jochen Meder dieses Erbe vor dem Vergessen bewahren will. Es dürfte Jahrzehnte dauern, bis das Atomkraftwerk zurückgebaut ist. Und danach dürfte der Krümmel schwerlich wieder so aussehen wie 1865, als Nobel von hier aus sein Sprengstoffimperium aufbaute, das ihn so reich machte, dass er der Welt mit den Nobelpreis-Stiftungen etwas zurückzahlen konnte.

Symbol der Hybris

Vermutlich ist die Bedeutung dieses kargen, von einem Gletscher zurückgelassenen Sandhügels für die Geschichte des 20. Jahrhunderts noch nicht ausreichend gewürdigt worden. Auf diesen wenigen Hektar wurde das Schwarzpulver, der Sprengstoff des Mittelalters, auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen. Und genau hier starb auch der Traum von der unendlichen Energiequelle im Atom. Der Krümmel taugt als Symbol für das Scheitern des Menschen beim Versuch, die Urkräfte der Natur zu nutzen.

Die ultimative Waffe

Der Schöpfer des Dynamits verabscheute den Krieg. Nach dem Weltfriedenskongress 1892 schrieb Nobel: „Meine Fabriken werden vielleicht dem Krieg noch früher ein Ende machen als ihre Kongresse: An dem Tag, da zwei Armeekorps sich gegenseitig in einer Sekunde werden vernichten können, werden wohl alle zivilisierten Nationen zurückschaudern und ihre Truppen verabschieden.“ Die Waffe, die den Krieg beendet. Ähnliche Träume hegten auch die Physiker, die die Atombombe schufen. Doch auch sie erwachten abrupt. „Was soll ein Sprengstofffabrikant auch anderes sagen, als dass er Pazifist sei?“, meint Ulrike Neidhöfer.

Durchbruch in der Heide

Geesthacht ringt schon lange schwer mit der Frage, wie denn sein berühmtester Teilzeitbürger zu bewerten sei. Kaum hatte der 32-Jährige die Nitroglyzerin-Produktion auf dem Krümmel gestartet, kam es zu einer verheerenden Explosion, Arbeiter starben. Alfred Nobel wusste um die Gefahren des flüssigen, bei geringster Erschütterung explodierenden Stoffes. Zwei Jahre zuvor war sein Bruder Emil Oskar im schwedischen Heleneborg bei Experimenten gestorben. Zunächst entwickelte der Erfinder einen Vorzünder, dann mischte er das Nitroglycerin – vergeblich – mit Holzkohle, Zement und Sägespänen. Der Durchbruch kam mit Kieselgur, dem Mineral aus der Lüneburger Heide. Die Poren der versteinerten Kieselalge saugten das Nitroglycerin auf, die Oberfläche des Öls wurde vergrößert, die entstehende Paste war ein Geschenk beim Bau von Bergwerken, Tunneln und Eisenbahnen.

Das zwiespältige Erbe

„In den 80er-Jahren wurde Nobel nur als Händler des Todes gesehen, die Fabrik auf die Jahre der Zwangsarbeit im Nationalsozialismus verkürzt“, bedauert Meder, der selbst in einem Haus wohnt, das einst Angestellte der Düneberger Pulverfabrik beherbegte. „Dass er der Stifter der Nobelpreise ist, ging im Ort ziemlich unter“, sagt Neidhöfer. Das ändert sich langsam, inzwischen trägt eine Gesamtschule im Ort den Namen des Schweden. Das ist auch eine Folge der unermüdlichen Arbeit des Förderkreises. Eine vorzügliche Website dient als digitales Museum. Dazu veranstalten Neidhöfer und Meder immer wieder historische Spaziergänge zu den Spuren von Geesthachts explosiver Geschichte.

http://www.industriemuseum-geesthacht.de

Von Joachim Zießler