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Olaf Meyer von der Antifa war in Hamburg dabei. Foto: dth
Olaf Meyer von der Antifa war in Hamburg dabei. Foto: dth

Nach den G20-Exzessen: „Mit dem Zerstören von Eigentum machen wir die Menschen nicht gleicher“

Von Dennis Thomas
Lüneburg. Unter dem Titel „G20 Zerfetzen – Lüneburger Bündnis gegen den Gipfel in Hamburg 2017“ hatte auch die Antifaschistische Aktion Lüneburg/Uelzen zum Protest in der Elbmetropole aufgerufen. Doch mit den gewaltsamen Ausschreitungen wollen die Lüneburger Linksradikalen nichts zu tun haben, sagt zumindest deren Sprecher Olaf Meyer. Der Lüneburger gehört zu den wenigen Mitgliedern der vom Verfassungsschutz beobachteten Antifa, die öffentlich Gesicht zeigen. Im LZ-Interview bezieht Meyer, der beruflich im Bereich der Obdachlosenhilfe arbeitet, Stellung zu den Ausschreitungen in Hamburg und versucht zu erklären, ob und wie Kapitalismuskritik und teure Handys zusammenpassen.

Herr Meyer, haben Sie auch an Demonstrationen in Hamburg anlässlich des Gipfeltreffens „G20“ teilgenommen?
Olaf Meyer: Zum Teil. An der „Welcome to hell“-Demonstration und an der großen Demonstration „Grenzenlose Solidarität statt G20“ am Samstag.

Sind Sie im Schwarzen Block mitgelaufen oder im bunten Teil?
Ich glaube, die gesamte Demonstration am 6. Juli war bunt und schwarz. Wir sind aber im queer-feministischen Block gelaufen. In dem als Schwarzen Block beschriebenen Teil waren wir nicht.

Wie bewerten Sie die Ausschreitungen und Krawalle rund um den G20-Gipfel?
Das, was auf dem Schulterblatt und beim Neuen Pferdemarkt in Hamburg passiert ist, ist falsch gewesen und politisch auch nicht zu legitimieren.

Und was ist mit den vielen Autos, die beispielsweise in der Elbchaussee in Brand gesteckt wurden?
Ich halte generell solche Aktionen heutzutage für nicht zielführend. Wir haben uns an anderen Aktionen beteiligt wie „Block G20 – Colour the red zone“, das war eine Aktion, bei der viele Menschen versucht haben, die Zufahrtswege zu blockieren, ohne Barrikaden, sondern mit ihren Körpern.

Warum?
Um die Kritik an dem Gipfel und den Verhältnissen, in denen wir leben, deutlich zu machen.

Linksextremisten verzeichneten 2016 großen Zuwachs

Die Antifaschistische Aktion Lüneburg/Uelzen hat sich vor rund 20 Jahren aus verschiedenen kleinen Gruppen gebildet. Über die Anzahl der Antifa-Mitglieder schweigt sich deren Sprecher Olaf Meyer aus, sagt nur soviel: „Es sind mehr als zehn und weniger als 1000.“ Die Antifa wird vom Verfassungsschutz als linksradikal eingestuft. Laut Verfassungsschutzbericht 2016 des Bundesinnenministeriums ist bundesweit das linksextremistische Personenpotenzial im vergangenen Jahr um rund sieben Prozent gewachsen auf zirka 28 500 Personen.

Weiter heißt es: „Der größte Zuwachs – mehr als zehn Prozent – ist im Bereich der gewaltorientierten Linksextremisten zu verzeichnen. Hier betrug das Personenpotenzial im Jahr 2016 insgesamt 8500 Personen, darunter 6800 Autonome (…)“. Grundsätzlich urteilen die Verfassungsschützer: „Linksextremisten geht es bei allen Aktionen nicht etwa darum, gesellschaftliche Probleme zu lösen. Sie versuchen vielmehr, gesellschaftliche Konflikte im Sinne ihrer revolutionären Ziele zu instrumentalisieren.“ dth

Dabei stand auch die Kapitalismuskritik im Mittelpunkt.
Für einen großen Teil der Menschen, die auf die Straße gegangen sind, ist das der Ausgangspunkt gewesen.

Wie verträgt sich das mit den Bildern, die wir gesehen haben. Stichwort „Riot-Hipster“: Leute, die der Kleidung nach zum Schwarzen Block gehören, aber mit iPhone Selfies vor brennenden Barrikaden machen und Markenklamotten tragen?
Das ist für mich nicht das Problem. Entscheidend ist nicht was für Bekleidung ein Mensch trägt, sondern was er für eine Einstellung im Kopf hat. Jeder sollte die Möglichkeit haben, so etwas zu besitzen. Daran sieht man ja auch die ungerechten Verhältnisse, in denen wir leben, dass viele sich so etwas nicht leisten können. Aber ich bezweifel, dass ein großer Teil der Menschen, die an diesem Abend in Hamburg randaliert haben, überhaupt irgendetwas mit einer antikapitalistischen Linken zutun haben.

Was macht Sie da so sicher?
Die Art und Weise, wie sich die Menschen bewegt haben. Junge Männer mit freien Oberkörpern, Kriegsgebrüll, Männlichkeitsrituale, exzessiver Alkoholkonsum oder eben auch das Zerstören von Kleinwagen und kleinen Läden, Bushaltestellen und Telefonzellen. Alles das verträgt sich nicht mit einer linken Kritik am Kapitalismus.

Das hat man aber auch schon anders gehört, dass das Zerstören von Statussymbolen und Eigentum die Menschen gleicher machen soll …
Teile der radikalen Linken halten vielleicht Aktionen gegen Großkonzerne oder Nobelkarossen für richtig. Allerdings muss man das dann auch politisch vermitteln können. Das gelingt vielleicht noch beim Bonzenauto, das angezündet wird, aber nicht bei Karl-Heinz Schrottkarosse. Aber ich halte sowas für unnötig. Es ist eine falsche Herangehensweise. Mit solchen symbolischen Aktionen verändern wir die Gesellschaft nicht. Und Ottonormalverbraucher, der seinen kleinen Toto-Lotto-Laden hat, darf grundsätzlich kein Ziel von linker Aktion sein, sowas wird in der Szene eigentlich auch abgelehnt. Denn mit dem Zerstören von Eigentum machen wir die Menschen nicht gleicher. Wir treten sogar eher dafür ein, dass alle, wirklich alle Menschen z.B. einen Nobelwagen und ein gutes Handy besitzen können.

Aber ist das nicht unglaubwürdig, wenn man einerseits als Linker Großkonzerne kritisiert, weil die Arbeiter ausbeuten und sich andererseits an der Ausbeutung beteiligt, indem man deren Produkte kauft?
Das sind die Widersprüche in einer Gesellschaft, in der wir darauf angewiesen sind, bestimmte Dinge zu haben, um zu überleben. Und es leider noch kaum Alternativen gibt.

Entschuldigen Sie, aber ich brauche doch keine Markenklamotten oder ein teures Handy zum Überleben.
Nein, darum sage ich auch: Das waren nicht alles Linke, die da unterwegs waren. Und ich wiederhole es gerne: Ich fände es toll, wenn alle Menschen die Möglichkeit hätten, einen teuren BMW zu fahren. Aber in so einer Gesellschaft leben wir nicht. Meine Kritik richtet sich auch nicht gegen solche Symbole, sondern gegen die Verteilung des Reichtums und die Eigentums- und Ausbeutungsverhältnisse in diesem Land.

Wenn radikale Linke solche hehren Ziele haben, warum haben die sich dann im Schanzenviertel nicht den Randalierern in den Weg gestellt?
Diejenigen, die es versucht haben, haben kein Gehör gefunden oder wurden bedroht. Bei den Ausschreitungen am Freitagabend hatte die Rote Flora die Türen geschlossen und stand nicht als Rückzugsraum zur Verfügung. Es wurde dort nur Verletzen geholfen. Da sieht man dann auch, dass in der Situation vielleicht ein Großteil der Menschen, die da randaliert haben, nicht zu dieser Szene gehörten.

One comment

  1. Antifa, Hamburg, G20 und Gewalt, dazu gibt’s starke Worte und heftige Kommentare bei Blog.jj.

    Siehe: https://jj12.wordpress.com/2017/07/14/warum-es-manchen-alt-linken-so-schwer-faellt-sich-von-gewalt-zu-distanzieren/#more-202