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Der Eingangsbereich des EU-Parlaments. (Foto: Policy Lab)

Das Europaviertel in Brüssel: Jung, schick, fleißig

Berichte aus Brüssel

Acht Studenten waren vor Ort

In Brüssel waren v.l.n.r.: Philipp Köhler, Theo Frielinghaus, Luisa Schiffner, Dorothee Falkenberg, Tabea Zahlmann, Judith Holle, Lotte Grünau und Kim Stowasser vom Verein „Policy Lab“. (Foto: privat)

Im April war eine Gruppe von Lüneburger Studenten des Vereins „Policy Lab“ in Brüssel und tauchte für ein paar Tage in das politische und gesellschaftliche Leben der „Hauptstadt Europas“ ein. Ihr Ziel war es, etwas von der Stimmung in diesem Schmelztiegel der Länder einzufangen und für die Lüneburger die Arbeit der EU näherzubringen und greifbar zu machen. Für die LZ haben sie ihre Erfahrungen in Texte gefasst.

Brüssel/Lüneburg. Es ist Mittwochnachmittag am Place Lux in Brüssel, die Cafés sind voll, die Preise sind hoch und die Menschen durchweg schick angezogen. Schließt man die Augen und hört bewusst zu, versteht man meist nicht viel. Was man aufnimmt, ist eine Melange aus verschiedenen Sprachen. Die Frau am Nebentisch telefoniert auf Italienisch, die vorbei laufende Gruppe diskutiert auf Schwedisch und den Kaffee, den bestellt man auf Französisch oder alternativ auf Englisch. Man könnte meinen, man befände sich an einem Touristen-Hotspot in einer beliebigen Großstadt. Doch ganz so einfach ist es nicht, denn hier sitzen keine Touristen, hier sitzen Mitarbeiter des Europäischen Parlaments, der Kommission, Lobbyvertreterinnen und Angestellte großer Organisationen, die ihren Sitz in Brüssel, – genauer gesagt im europäischen Viertel Brüssels – haben.

Mit Anna-Lena Sender durchs Europaviertel

Sie alle arbeiten in dem Dreieck zwischen dem Parc du Bruxelles, dem Parc du Cinquantenaire und dem Parc Léopold. Ein Raum, der bei genauerer Betrachtung den Titel Viertel gar nicht erfüllt, sich aber so deutlich vom Rest der Stadt unterscheidet, dass man ein Verlassen des kleinen Quartiers sofort bemerkt: Mehr Touristen, die man formell an ihrer oft legeren Freizeitkleidung erkennt, weniger massive Gebäude aus Glas und Stahl mit pro-europäischen Sprüchen und Phrasen und fast keine blauen Fahnen mit gelben Sternen, die man im Europaviertel nahezu an jeder Ecke findet.

„The Future is Europe“ – „Die Zukunft ist Europa“ steht auf dieser Hauswand in Brüssel. (Foto: Policy Lab)

Was zudem auffällt, ist das überwiegend junge Alter der gut gekleideten Menschen. Junge Menschen, die sogenannten ‚Young Professionals‘, von denen viele den Weg nach Brüssel über ein Praktikum gefunden haben. Solch ein Praktikum fungiert oft als späterer Türöffner für den Jobeinstieg in diesem multinationalen Machtzentrum. Hat man die Chance genutzt, sich vor Ort auf zahlreichen Veranstaltungen zu vernetzen, so kann manchmal ein Anruf – auch Jahre nach dem Aufenthalt – und eine Job-Zusage per Telefon dabei herausspringen.

Hüftgold als Zeitmesser

Brüssel, so könnte man sagen, dient dabei oft als Sprungbrett für politische Karrieren. Eine Art „Erasmus für Erwachsene“, mit dessen Beendigung nach ein, zwei oder drei Jahren die Erfahrungen und Referenzen oft reichen, um damit den weiteren Berufsweg zu ebnen. Bemerkenswert ist die Hingabe, die viele in diesen wenigen Jahren in das Projekt Europa investieren. Man ist in Brüssel nicht Deutsch, nicht Tschechisch oder Dänisch, man ist europäisch. Als Referenzpunkt gilt hier nicht die Nationalität, sondern Europa als übergeordnete Instanz. Brüssel, die Hauptstadt der Idealisten? Zumindest hat man das Gefühl, hier arbeiten wirklich nur Menschen, die fest an Europa glauben und bereitwillig ihre Zeit, Arbeit und Herzblut investieren, um das ‚Projekt Europa‘ voranzubringen – vor allem in Zeiten, in denen die Zukunft der europäischen Union so ungewiss ist wie momentan.

(Foto: Policy Lab)

Doch auch der Spaß kommt in dieser „Euro-Bubble“, dem Mikrokosmos des Europaviertels, nicht zu kurz. Live miterleben kann man dieses entspannte Miteinander, die gelöste Stimmung und die Feierlaune der vielen hippen, überarbeiteten Mittzwanziger zum Beispiel beim traditionellen After Work Biertrinken auf dem Place du Luxembourg an jedem Donnerstag. Wenn sich der „Plux“, der sich unmittelbar vor dem Parlament befindet, um 18 Uhr zur Happy Hour füllt und alle herumliegenden Bars ihre Tore öffnen und die Musik aufdrehen, erinnert schon Vieles an ein Open Air Festival und weniger an ein Entscheidungszentrum für europäische Politik. Auch die nahezu täglich stattfindenden politischen Veranstaltungen und Empfänge, selten ohne stattlich aufgetischte Speis und Trank, laden neben dem berufsbedingten Netzwerken auch zum geselligen Beisammensein ein. Aufgrund der zahlreichen Gelegenheiten sämtliche Caterer der Umgebung zu testen, wird der Aufenthalt in Brüssel nicht umsonst anhand der gewonnen Kilos und nicht in Jahren gezählt.

Schweigsame Finnen, Stolze Spanier

Dass in Brüssel allerdings täglich hart und manchmal bis in die Nacht gearbeitet wird, darf man hierbei nicht vergessen. Arbeit ist ebenso omnipräsent wie die zuvor genannten Europaflaggen. Schnell bemerkbar macht sich die einzigartige Kommunikationskultur, die sich in Brüssel über die Jahre hinweg entwickelt hat und die Art des internationalen Miteinanders prägt.

Kommunikation, die versucht die verschiedenen Kulturen und ihre Besonderheiten zu berücksichtigen. Man kennt sie, die Klischees der Italiener, die gerne und viel reden, der Finnen, die eine eher wortkarge Kommunikation bevorzugen und der Spanier, die an jedes Projekt mit einem gewissen nationalen Stolz herantreten. Viele Klischees sind überspitzt, doch hört man sich in Brüssel um, so findet sich doch auch viel Wahres in ihnen – was die Kommunikation natürlich nicht unbedingt erleichtert. Doch trotz dieser vermeintlichen Störfaktoren scheint die Interaktion zwischen den verschiedenen Akteuren und Nationalitäten zu funktionieren. Vor allem die Bemühung zum Konsens, das sachliche Streiten, politische Ringen und der permanente Austausch werden stets betont. Um einiges intensiver als in nationalen Parlamenten werde hier versucht möglichst viele Akteure in Entscheidungen miteinzubeziehen. Dabei halte sich jeder an die Spielregeln, sogar die Journalisten, erzählen einige Abgeordnete und Mitarbeiter.

Projekt Europa in kleinen Schritten voranbringen

Eine konfliktfreie Kommunikation wie aus dem Bilderbuch in der „Euro-Bubble“? So ganz wollen das nicht alle glauben. Nicht selten wird Kritik an der vermeintlichen Idylle geäußert, was angesichts der Probleme in der EU nicht gänzlich von der Hand zu weisen ist. Auch wird hinterfragt, ob und wie viel die „Euro-Bubble“ von der Außenwelt wahrnehme. Kommt da überhaupt was an von draußen, oder lebt der Mikrokosmos Europaviertel von und für sich selbst? Eine Frage, die nur schwer zu beantworten ist und im Trubel des Brüsselers Alltagsgeschäfts manchmal wohl auch untergeht. Die einzige Zeit, in der dieser Trubel das Viertel verlässt ist der Sommer. Wo sonst Menschen über Menschen in den Straßen zwischen den mächtigen Gebäuden geschäftig herumwuseln und von Termin zu Termin eilen, herrscht in den Sommermonaten gähnende Leere. Der Raum, in dem sonst täglich politische Botschaften formuliert, diskutiert, und ausgehandelt werden, ist wie leergefegt. Das politische Treiben wird eingestellt und viele verlassen die Brüsseler Blase für einen gewissen Zeitraum. Eine kurze Zeit, in der viele die Chance nutzen der Kritik der Abgeschiedenheit entgegenzutreten. Eine Zeit aus der man mit neuen Eindrücken, Ansichten, Problemen und Lösungen aus der Außenwelt zurückzukehren, um diese dann beim allseits beliebten und berühmt-berüchtigten ‚auf einen Kaffee‘ zu besprechen und das Projekt Europa – im Idealfall – ein Stück weit voranzubringen.

Von Kim Stowasser und Tabea Zahlmann