Donnerstag , 19. September 2019
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Die EU-Hauptstadt wirkt in mancherlei Hinsicht weit entfernt. Doch es gibt vieles, was verbindet. (Fotos: Policy Lab/t&w)

Was hat Lüneburg mit Brüssel zu tun?

Berichte aus Brüssel

Acht Studenten waren vor Ort

In Brüssel waren v.l.n.r.: Philipp Köhler, Theo Frielinghaus, Luisa Schiffner, Dorothee Falkenberg, Tabea Zahlmann, Judith Holle, Lotte Grünau und Kim Stowasser vom Verein „Policy Lab“. (Foto: privat)

Im April war eine Gruppe von Lüneburger Studenten des Vereins „Policy Lab“ in Brüssel und tauchte für ein paar Tage in das politische und gesellschaftliche Leben der „Hauptstadt Europas“ ein. Ihr Ziel war es, etwas von der Stimmung in diesem Schmelztiegel der Länder einzufangen und für die Lüneburger die Arbeit der EU näherzubringen und greifbar zu machen. Für die LZ haben sie ihre Erfahrungen in Texte gefasst.

Lüneburg/Brüssel. Die Europäische Union mag für den Einen oder die Andere recht weit weg wirken, die Strukturen undurchsichtig, die Entscheidungen schwer nachvollziehbar und überhaupt erscheint das Thema fernab von der eigenen Lebensumgebung. Wie die Projektgruppe von Policy Lab Anfang April in Brüssel erfahren durfte, fühlt sich das bei einem Besuch im Europaparlament ein bisschen anders an: Nahezu an jeder Ecke lassen sich in irgendeiner Form Verbindungen zu Niedersachsen finden und auch Lüneburg kam einige Male zur Sprache.

Mit Anna-Lena Sender durchs Europaviertel 

So fällt es nicht schwer, selbst in dem vielfältigen und wuseligen Brüssel schnell Vertrautes zu erblicken oder mit Personen aus ähnlichen Kontexten ins Gespräch zu kommen. Es sind die Menschen, die ihrem Arbeitsort Brüssel einen Hauch von Niedersachsen geben: Der Abgeordnete und ehemaliger Ministerpräsident von Niedersachsen, David McAllister, der als Zeichen seiner Dreifach-Identität die europäische, die deutsche und die niedersächsische Flagge in seinem Büro nebeneinander ausstellt. Oder die ehemalige Lüneburgerin Anna-Lena Sender, die beim Deutschen Akademischen Austauschdienst in Brüssel arbeitet und ihr Säckchen mit echtem Lüneburger Salz immer dabei hat. Die niedersächsische Landesvertretung bringt besonderen kulturellen Charme mit, indem sie alljährlich zum traditionellen Grünkohlessen in ihrem Brüsseler Gebäude – ein ehemaliges belgisches Familienhaus – einlädt, oder dort Foto-Ausstellungen von niedersächsischen Hochschulen zeigt.

5 Fragen an: David McAllister (MdEP, CDU)

In der Nachbarschaft von Parlament und Landesvertretung tauchen in der breiten Masse an Lobby-Büros auch viele bedeutende Namen aus Niedersachsen auf: Unternehmen wie Volkswagen oder EWE mit Hauptstandorten in niedersächsischen Großstädten können sich an das EU-Parlament oder die Kommission direkt richten und bringen ebenfalls regionale Interessen in die EU ein. “Niedersachsen ist nicht nur Hannover”, betont auch Sabine von Zanthier von der niedersächsischen Landesvertretung und weist darauf hin, dass gerade Lüneburg und Umgebung – nicht zuletzt wegen der Leuphana Universität – eine wichtige Rolle spielen für ihre Arbeit. In der Landesvertretung in Brüssel, einer Außenstelle des Landesministeriums für Bundes- und Europaangelegenheiten und Regionale Entwicklung, bemühen sich Mitarbeiter aus allen Ressorts vor Ort darum, niedersächsische Positionen in europäische Politik einzubringen – ähnlich der Lobbyarbeit, die klassischerweise Verbände betreiben.

5 Fragen an: Rebecca Harms (MdEP, Grüne)

Auch als Privatperson gibt es verschiedene Möglichkeiten, „die da oben in Brüssel“ zu erreichen: Sowohl die Landesvertretung, als auch die Abgeordneten-Büros nehmen sich den von Bürgerinnen und Bürgern gestellten Anträgen an. Die Landesvertretung empfängt insgesamt ca. 5000 Besucherinnen und Besucher, Kommunalpolitiker, Vertreterinnen der Presse oder in diesem Fall politische Studierenden-Initiativen, um ihre Arbeit vorzustellen und ins Gespräch zu treten.

Auf der anderen Seite haben nicht wenige der Menschen, die sich tagtäglich im Europaparlament bewegen, ihren Ursprung in Niedersachsen – allen voran die zehn aktuell gewählten Parlamentsabgeordneten. Um den Kontakt zu der Herkunftsregion nicht zu verlieren, behalten viele während der Amtsperiode ihren Wohnort bei und pendeln am Wochenende zu Familien und Wahlkreisen. Deshalb ist Grünen-Abgeordnete Rebecca Harms, die aus dem Wendland und damit fast unmittelbar aus der Region kommt, des Öfteren in Lüneburg zu sehen. EU-Abgeordnete, die Policy Lab zum Interview getroffen hat, sind jetzt im Wahlkampf überall in Lüneburg auf Plakaten zu entdecken und die aktuellen Kandidaten lassen sich gern bei Veranstaltungen in der Gegend blicken – interessiert daran, das lokale Geschehen zu verfolgen oder mit den Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch über europäische Politik zu kommen.

5 Fragen an: Bernd Lange (MdEP, SPD)

Trotz scheinbarer Distanz sind die Verbindungen zwischen Brüssel und Niedersachsen schnell gefunden – und damit Akteure, die sich um den Austausch zwischen den Ebenen bemühen und eine auch institutionell verankerte Zusammenarbeit anstreben. Und das ist auch wichtig: Denn wäre Niedersachsen ein eigener EU-Mitgliedsstaat, wäre es nicht der kleinste unter ihnen. Dennoch betont der SPD-Abgeordnete Bernd Lange: Etwas für Niedersachsen oder Lüneburg im Speziellen erreichen zu wollen entspreche nicht der Europäischen Idee. Ziel bleibt es, Verbesserungen für Europa als Ganzes und als solidarische Gemeinschaft zu bewirken.

Von Lotte Grünau

Landesvertretung in Brüssel

Wie ist Niedersachsen in der EU-Hauptstadt vertreten?

Neben der Deutschen Botschaft und der Ständigen Deutschen Vertretung sind alle deutschen Bundesländer mit einer eigenen Landesvertretung in der direkten Umgebung des Europaparlaments zu finden. Die niedersächsische Landesvertretung in Brüssel ist eine Außenstelle des Landesministeriums für Bundes- und Europaangelegenheiten und Regionale Entwicklung und untersteht somit der zuständigen Ministerin Birgit Honé. Die niedersächsische Landesvertretung setzt sich dafür ein, dass Gelder aus dem EU-Haushalt für Niedersachsen genehmigt werden, z.B. für Förderungen des ländlichen Raums – aus dem „LEADER“ EU-Programm sind in der nun auslaufenden Wahlperiode insgesamt 2,8 Mio. Euro in die Lüneburger Heide geflossen.

Auch mittelständische Unternehmen werden durch Investitionen unterstützt, Lüneburg und umliegende Landkreise stehen dabei als Übergangsregion ganz besonders im Fokus der EU-Förderungen. Die Landesvertretungen sind außerdem Standort für viele Abendveranstaltungen, z.B. Podiumsdiskussionen oder Poetry Slams. Der anschließende Empfang wird gern zum Vernetzen genutzt, häufig auch mit den Vertretern anderer Bundesländer, denn ihre Zusammenarbeit ist wichtig, um den Regionen in Europa eine Stimme zu verschaffen.