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Während der Recherchen begegnen uns in den Flüchtlingsfamilien viele Kinder, darunter auch der kleine Jonathan. Er ist in Deutschland geboren? Was wird ihn wohl erwarten? Wird die Flucht seiner Eltern auch sein Leben noch beeinflussen? Foto: t&w

Diese Kinder haben kaum eine Wahl

Suman ist 17 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie seit zweieinhalb Jahren in Deutschland. Aufgewachsen ist sie in der afghanischen Hauptstadt Kabul, 2014 floh die Familie, weil das Leben für sie als Mitglieder der hinduistischen Minderheit zu gefährlich wurde. Für Suman wurden Flucht und Ankunft in Deutschland zu einem Trauma, das ihr auch heute noch die Tränen in die Augen treiben. Gleichzeitig war es für das Mädchen, das ihr Leben bis zu dem Moment fast ausschließlich im Haus der Familie verbracht hat, ein Befreiungsschlag.

Seit Suman Kabul verließ, ergreift sie jede Chance. Sie lernt, sie arbeitet, sie regelt den Alltag der Familie, engagiert sich in Schulprojekten, ist von früh bis spät unterwegs. Ich bin überzeugt, das alles steckte schon immer in ihr drin. Doch so richtig erkannt hat Suman das scheinbar erst, als sie Herausforderungen der Flucht dazu gezwungen haben.

Sie nahm die Rolle an, die die Flucht von ihre verlangte

Ich glaube, Suman ist eins dieser Kinder, die Flucht und Verantwortung stärker gemacht haben. Die an den Herausforderungen des neuen Lebens gewachsen sind. Vom ersten Moment an hat sie die Rolle angenommen, die die Umstände der Flucht von ihrer verlangten: Sie übernahm für die kranke Mutter und den kleinen Bruder die Führung, traf Entscheidungen, wenn sie getroffen werden mussten, biss sich durch. Dass es ihr so gut gelang, hat sie vor allem ihrer eigenen inneren Stärke zu verdanken. Doch die hat nicht jedes Kind.

Menschen sind verschieden, der eine sucht die Verantwortung, der andere scheut sie. Der eine geht gerne vorne weg, der andere lieber hinterher. Die 14 Jahre alte Sana aus Hamburg zum Beispiel hat uns ganz offen gesagt: Sie will diese Verantwortung für ihre Familie eigentlich nicht. Doch anders als die meisten – nicht alle! – deutschen Kinder haben Flüchtlingskinder wie Sana, Suman, Ihab oder Marian kaum eine Wahl: Sie müssen für ihre Eltern und Familien da sein, weil sie sie nicht im Stich lassen wollen, weil sie loyal sind – weil die Situation nach der Flucht ausgerechnet sie in die Verantwortung nimmt.

Ich hatte Glück, zur richtigen Zeit im richtigen Land geboren zu sein

Ich selbst konnte mich als Kind entwickeln, ohne diesen Druck. Ich wurde nicht gebremst, wenn ich Verantwortung übernehmen wollte. Ich wurde aber auch nicht gezwungen, Aufgaben und Entscheidungen zu übernehmen, wenn ich mich überfordert damit gefühlt habe. Ich hatte Glück, zur richtigen Zeit im richtigen Land geboren worden zu sein. Denn auch wenn Suman die Flucht stärker gemacht zu haben scheint, hätte ich ihr gewünscht, sie wäre in Freiheit und Frieden aufgewachsen – ich bin überzeugt: Sie hätte ihre innere Stärke auch dort gefunden.