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Faisals Familie wiedervereint beim gemeinsamen Lernen im Wohnzimmer. Foto: t&w
Faisals Familie wiedervereint beim gemeinsamen Lernen im Wohnzimmer. Foto: t&w

Wie kann ein 13 Jahre alter Junge das aushalten?

Echem. Ein Junge, der mit 13 sein Land verlässt. Der bei einem Schuster anheuert, um Geld für die Familie zu verdienen. Der statt weinend zurück nach Hause zu laufen, mit 15 oder 16 Jahren weiter flieht bis nach Deutschland. Ganz ehrlich? Ich weiß nicht, wie ein Kind das aushält. Wie es Heimweh und Angst jeden Tag aufs Neue zur Seite schieben kann, um weiterzukämpfen. Ich bewundere den 17 Jahren alten Faisal dafür, dass er all das geschafft hat. Aber es macht mich auch unfassbar traurig, denn ich frage mich: Wie verzweifelt, wie perspektivlos muss ein 13 Jahre alter Junge sein, um das zu tun? Wie groß muss der Druck sein? Wie schwer muss all das auf der Seele eines Kindes lasten?

Wofür hätte er all die Kraft nutzen können, die in ihm steckt

Faisals Freundin Kira sagt: „Faisal weiß, dass er stark ist. Aber wenn man ihm näher kommt, merkt man, dass er gebrochen ist.“ Faisal selbst sagt nur ein einziges Mal: „Das war schwer.“ Ansonsten hören wir kein einziges Wort des Jammers von ihm, erleben keinen einzigen Augenblick, in dem er sich selbst und die verlorene Kindheit bedauert, sehen ihn nie wütend darüber, dass er als zweitältester Sohn die Verantwortung für die Familie hauptsächlich allein tragen muss. Kira meint: „Dieses Verantwortungsgefühl ist einfach in seinem Herzen drin.“ Ich frage mich, ob es in seinem Herzen auch einen Platz für sich selbst gibt? Oder ob all das Glück dieses Jungen tatsächlich an dem Glück seiner Familie hängt?

Letztlich glaube ich, so sehr ich auch versuche, ihn zu verstehen – es wird mir nicht gelingen. Ich werde nicht nachvollziehen können, was ihn getrieben hat, weil ich weder Flucht, noch Terror, Unterdrückung und vollkommene Perspektivlosigkeit erlebt habe, weil ich mich nie verantwortlich fühlen musste für das Wohlergehen meiner Familie.

Das einzige, was mich versöhnen kann, ist, dass Faisal seine Familie wiedergefunden hat

Was bleibt ist meine Hochachtung vor dem, was er geleistet hat. Und gleichzeitig das Gefühl, ihm mit allen Mitteln seine Kindheit zurückgeben zu wollen. Es gibt da dieses Foto, auf dem er den Betrachter mit seinen tiefbraunen, müden Augen anschaut. Ein Junge, der für sein Alter schon zu oft Angst gehabt hat, der viel zu oft einsam war und viel zu viel gesehen hat. Was wäre wohl aus ihm geworden, wenn er ein ganz normales Kind hätte sein dürfen? Wofür hätte er all die Kraft nutzen könne, die in ihm steckt?

Menschen sterben in Krieg und Terror dieser Welt, verlieren Ehemänner und -frauen, Kinder und Eltern. Und Menschen werden zu Unmenschlichem gezwungen. Ein Junge, der mit 13 für seine Familie das Land verlässt? Für mich ist das ein unmenschliches Opfer. Und daran versöhnen kann mich eigentlich nur eins: Dass Faisal seine Familie wiedergefunden hat und dass die Liebe zueinander offenbar stärker ist als dieses Opfer.